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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
15. Dezember 2020
Seite 1/5

Lebensqualität von älteren Krebspatient*innen erhalten und verbessern – Erfahrungen aus Studien und Klinik

H. Schmidt1,2, T. Nordhausen1, S. Roggendorf1, E. Shehu1, K. Lampe2, S. Stegmann3, D. Vordermark2. 1Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Med. Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2Universitätsklinikum Halle (Saale), Department für Strahlenmedizin, Univ.-Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie, Krukenberg Krebszentrum Halle (Saale), 3Universitätsklinikum Halle (Saale), Arbeitsbereich Geriatrie, Universitätsklinik für Innere Medizin I, Krukenberg Krebszentrum Halle (Saale)
Aufgrund der Heterogenität älterer Patient*innen mit Krebs bezogen auf biologisches Alter, Funktionalität und Komorbiditäten ist die gezielte Erfassung von individuellen Ressourcen und Risikofaktoren sowie der patientenberichteten Lebensqualität sowohl für Planung als auch Durchführung onkologischer Therapien von Bedeutung. Diese Erkenntnisse sollten auch in die gemeinsame Therapiezielfindung und Entscheidung mit den Betroffenen einfließen. Mit dem Ziel, die individuellen Problemkonstellationen zu adressieren und die Patient*innen gezielt supportivtherapeutisch zu behandeln, kann die wiederholte Erfassung von gesundheitsbezogener Lebensqualität (HRQoL) und individueller Symptombelastung die patientenorientierte interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Onkolog*innen und Geriater*innen unterstützen.
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Besonderheiten älterer Krebspatient*innen

Das mittlere Alter für eine Krebserkrankung liegt für Frauen bei 67,2 Jahren und für Männer bei 68,3 Jahren, wobei das Risiko für eine Krebserkrankung mit steigendem Alter zunimmt (1). Angesichts moderner Therapien ist mittlerweile auch die Behandlung mehrfach belasteter und hochbetagter (> 80 Jahre) sowie höchstbetagter Krebserkrankter (> 90 Jahre) möglich. Ältere Krebspatient*innen unterscheiden sich jedoch insbesondere bezüglich ihres biologischen Alters, der individuellen Organreserven, Art und Schwere ihrer Begleiterkrankungen, Einschränkungen der körperlichen und kognitiven Funktion und ihres Ernährungszustands (2, 3), wodurch sich unterschiedliche Therapievoraussetzungen und -ziele ergeben. In die Behandlungsentscheidung sollten auch psychosoziale Aspekte, soziale Unterstützung und die Werte und Präferenzen der Betroffenen einbezogen werden (4). Eine Abwägung zwischen möglichen Behandlungsoptionen und Nebenwirkungen, möglichem Lebenszeitgewinn und möglichem Verlust von Lebensqualität ist gefordert. Um angepasste individuelle Therapieentscheidungen zu treffen, ist es daher von großer Bedeutung, individuelle Ressourcen und Risikofaktoren zu identifizieren, die bei Standarduntersuchungen oft unerkannt bleiben. Dazu wird ein umfassendes Assessment von körperlicher Funktion mit Mobilität und Stürzen, Ernährungszustand, Kognition, psychischem Zustand mit Depression sowie sozialer Unterstützung (comprehensive geriatric assessment, CGA) empfohlen (4). Diese Assessments können auch von geschultem Pflegepersonal durchgeführt werden (5). Die Ergebnisse sollten genutzt werden, um die Entscheidungsfindung sowohl in den Tumorboards als auch gemeinsam mit den Patient*innen zu unterstützen. Zudem sollten die Ergebnisse genutzt werden, um interdisziplinär, idealerweise in enger Zusammenarbeit zwischen Onkolog*innen und Geriater*innen, entsprechend unterstützende Maßnahmen einzuleiten, mit dem Ziel, Komplikationskaskaden zu vermeiden und die Lebensqualität zu optimieren (6). Diese Maßnahmen können z.B. im Zusammenhang mit chronischen oder akuten Komorbiditäten das Management einer Polypharmakotherapie und Delirprophylaxe aber auch Physio-, Ergo- oder Ernährungstherapie umfassen (6).

Erfassung von Lebensqualität und Patient-Reported Outcomes

Der Begriff der Lebensqualität wird häufig genutzt und ist mittlerweile im Sozialgesetzbuch V als ein Kriterium für den Patientennutzen etabliert. Das zugrundeliegende Konzept der HRQoL in der Medizin wird seit langem erforscht und es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass es sich dabei um ein multidimensionales Konstrukt handelt (7). Mittels dieses Konstruktes wird versucht, die subjektive Wahrnehmung des eigenen körperlichen (z.B. mit Beschwerden wie Schmerzen, Appetitlosigkeit, Fatigue) und emotionalen Befindens sowie entsprechender Funktionsbereiche einschließlich körperlicher, sozialer und Rollenfunktion zu erfassen. Spezifischer als die gesundheitsbezogene Lebensqualität fokussiert die krankheitsspezifische HRQoL Symptome und Funktionseinschränkungen, welche mit der Erkrankung und deren Behandlung verbunden sind. Für die Erfassung der krankheitsspezifischen HRQoL onkologischer Patient*innen stehen diverse Instrumente zur Verfügung. Darunter sind das Functional Assessment of Cancer (FACT) und die Instrumente der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC) am weitesten verbreitet (8-10). Für die Erfassung von patientenberichteten Symptomen stehen darüber hinaus auch die PRO-CTCAE (11) und eine große EORTC Itembank zur Verfügung. Die Evidenz für den klinischen Nutzen nimmt stetig zu (12, 13). Trotzdem wird die konkrete Einbindung in den klinischen Alltag einschließlich gezielter, aus der Erfassung von Lebensqualität und anderen patientenberichteten Symptomen und Funktionseinschränkungen (auch Patient-Reported Outcomes, PROs) abgeleiteten Maßnahmen, noch nicht breit umgesetzt.
 
Das kann u.a. damit zusammenhängen, dass trotz allgemeiner Verwendung des Begriffs keine klaren Leitlinien zur Verfügung stehen, wie dies erfolgen soll. Im Gegensatz zu objektiven Laborbefunden und bildgebenden Verfahren ist die Besonderheit von Lebensqualität und PROs, dass hier die subjektiven Wahrnehmungen direkt von den Patient*innen erfasst und nicht verändert oder interpretiert werden (14). Diese Subjektivität ist wesentlich und muss bei allen weiteren Überlegungen und klinischen Handlungen in Betracht gezogen werden. In der auf objektive Messdaten und Befunde ausgerichteten Medizin stellt die Integration und Übersetzung in klinisches Handeln jedoch eine Herausforderung dar. Hierzu ist neben technischen Möglichkeiten, welche die Erfassung unterstützen, die Einbindung dieser Informationen in die klinische Routine notwendig (15). Bei vorhandener Bereitschaft, die subjektive Sicht der Patient*innen einzubeziehen, können PROs helfen, die Kommunikation mit den Patient*innen zu fokussieren und unerkannte Beschwerden und Probleme gezielt im Sinne von „Promunication“ zu thematisieren (16).
 
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