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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

14. November 2020 Inhibitoren des PD-1/PD-L1-Signalwegs erobern weitere Indikationen – neue Checkpoint-Inhibitoren auf dem Vormarsch

Die Jahrestagung der European Society for Medical Oncology (ESMO) 2020, die ausschließlich virtuell stattfand, brachte wieder eine Vielzahl neuer Erkenntnisse zur Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren bei unterschiedlichen Tumorentitäten – bis hin zu Therapiedurchbrüchen mit praxisveränderndem Potenzial. Allein zum Anti-PD-1-Antikörper Pembrolizumab (KEYTRUDA®) wurden 43 Abstracts bei 13 Tumorentitäten vorgestellt, die neben Studien-Updates auch Ergebnisse bei neuen Indikationen umfassten. Zudem deutete sich an, dass neuartige Checkpoint-Inhibitoren (CIs) jenseits bekannter Signalwege eine Bedeutung in der klinischen Onkologie erlangen könnten.

Ösophaguskarzinom

Relevante OS-Verlängerung durch Pembrolizumab + Chemotherapie in der Erstlinie
Das mediane Überleben von Patienten mit lokal fortgeschrittenem unresezierbaren oder metastasierenden Ösophaguskarzinom liegt derzeit bei unter einem Jahr (1). CIs, ergänzend zur Chemotherapie eingesetzt, könnten zukünftig die Erstlinienbehandlung dieser Tumoren revolutionieren, wie praxisverändernde Daten vom ESMO nahelegen. In der Phase-III-Studie KEYNOTE-590 wurde Pembrolizumab zusammen mit einer Standard-Chemotherapie gegenüber alleiniger Chemotherapie im Erstlinien-Setting bei Patienten mit lokal fortgeschrittenen unresezierbaren oder metastasierenden Adeno- oder Plattenepithelkarzinomen des Ösophagus oder Übergangskarzinomen evaluiert.

Wie Dr. Ken Kato, Tokio, Japan, berichtete, gingen 749 Patienten mit lokal fortgeschrittenem unresezierbaren oder metastasierenden Adeno- oder Plattenepithelkarzinom des Ösophagus oder Siewert-Typ I-Adenokarzinom des ösophagogastralen Übergangs in die Studie ein (2). Die Patienten erhielten entweder Pembrolizumab + eine Standard-Chemotherapie mit 5-Fluorouracil (5-FU) und Cisplatin oder die gleiche Chemotherapie in Kombination mit Placebo. Gut 70% der Karzinome waren Plattenepithelkarzinome des Ösophagus und etwa jeder zweite Tumor war PD-L1-hochexprimierend (Combined Proportion Score (CPS) ≥ 10). Dualer primärer Endpunkt war das Gesamtüberleben (OS) und das progressionsfreie Überleben (PFS) nach RECIST v1.1, beurteilt durch den Prüfarzt, relevanter sekundärer Endpunkt war die objektive Ansprechrate (ORR).

Laut Kato führte Pembrolizumab + Chemotherapie im Vergleich zur Chemotherapie zu einer statistisch signifikanten und klinisch relevanten Verbesserung aller Wirksamkeitsparameter: OS, PFS und ORR. Im Hinblick auf das OS wurde für die Gesamtpopulation eine deutliche Überlegenheit der Immun-Chemotherapie gegenüber der Chemotherapie mit einem medianen OS von 12,4 vs. 9,8 Monaten gezeigt (HR=0,73; 95%-KI: 0,62-0,86; p<0,0001; 24-Monats-OS-Rate 28% vs. 16%). Der Überlebensvorteil betraf alle vordefinierten Patienten-Subgruppen und war unabhängig von der Histologie des Tumors (HR=0,72 für Plattenepithelkarzinome und 0,74 für Adenokarzinome). Die Population CPS ≥ 10 profitierte in besonderem Maße von der Behandlung (HR=0,62), doch auch die Population CPS < 10 hatte einen moderaten Überlebensbenefit (HR=0,86; 95%-KI:0,68-1,10). Konsistente Ergebnisse wurden für das PFS dokumentiert. Bei einem medianen PFS von 6,3 vs. 5,8 Monaten war das Risiko für Progression oder Tod im Vergleich zur Chemotherapie in der ITT-Population um 35% vermindert (HR=0,65; 95%-KI: 0,55-0,76; p<0,0001; 18-Monats-PFS-Rate 16% vs. 6%). Unter der Pembrolizumab-basierten Therapie wurde zudem eine deutlich bessere ORR erreicht (45,0% vs. 29,3%; p<0,0001) bei einer medianen Ansprechdauer von 8,3 vs. 6,0 Monaten.

Beide Behandlungsregime zeigten ein vergleichbares Sicherheitsprofil ohne neue Sicherheitssignale. Kato sieht in Pembrolizumab + Chemotherapie einen zukünftigen Erstlinien-Therapiestandard für Patienten mit lokal fortgeschrittenem unresezierbaren oder metastasierenden Ösophaguskarzinom einschließlich Karzinomen des ösophagogastralen Übergangs.

PD-L1+ NSCLC

KEYNOTE-024: 5-Jahres-Update untermauert Überlegenheit für Pembrolizumab mono vs. Chemotherapie
Als Monotherapie ist Pembrolizumab zur Erstlinienbehandlung des metastasierenden nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms (NSCLC) mit PD-L1 Tumor Proportion Score (TPS) ≥ 50% ohne EGFR- oder ALK-positive Tumormutationen zugelassen (3). In der Zulassungsstudie KEYNOTE-024 war bei 305 Patienten mit metastasierendem NSCLC und TPS ≥ 50% die Überlegenheit einer Monotherapie mit Pembrolizumab gegenüber einer Platin-basierten Chemotherapie gezeigt worden. Nach einem medianen Follow-up von 11,2 Monaten hatte sich ein signifikanter Vorteil zugunsten der Immuntherapie im Hinblick auf den primären Endpunkt PFS (HR=0,50; p<0,001) und den sekundären Endpunkt OS (HR=0,60; p=0,005) gezeigt (4). Unklar war bisher, ob der Überlebensvorteil unter Pembrolizumab anhaltend ist. Mit der Präsentation der 5-Jahres-Daten der KEYNOTE-024-Studie beim ESMO 2020 durch Dr. Julie Brahmer, Baltimore, USA, kann diese Frage mit „Ja“ beantwortet werden (5).

Nach einem medianen Follow-up von 59,9 Monaten vom Zeitpunkt der Randomisierung bis zum Cut-Off war das 5-Jahres-OS trotz einer effektiven Crossover-Rate von 66% unter Pembrolizumab vs. Chemotherapie nahezu verdoppelt (26,3 vs. 13,4 Monate), bei einer 5-Jahres-OS-Rate von 31,9% vs. 16,3% (HR=0,62) (5). Auch im Hinblick auf das PFS nach 3 Jahren wurde ein relevanter Vorteil zugunsten der Immuntherapie dokumentiert (7,7 vs. 5,5 Monate), bei einer 3-Jahres-PFS-Rate von 22,8% vs. 4,1% (HR=0,50). Ein Vorteil der Immuntherapie wurde zudem für die ORR beobachtet (46,1% vs. 31,1%). Das Ansprechen war langanhaltend mit einer medianen Ansprechdauer von 29,1 vs. 6,3 Monaten (5). Bemerkenswert waren die guten Ergebnisse für die 39 Patienten, die alle 35 Zyklen (2 Jahre) der Immuntherapie absolviert hatten. Laut Brahmer betrug die 3-Jahres-OS-Rate seit Beendigung der Therapie für diese Patienten 81%; die ORR lag bei 82% mit 10% komplettem (CR) und 72% partiellem Ansprechen (PR). Zudem wurde gezeigt, dass Patienten, die in der Erstlinie Pembrolizumab erhalten hatten, nach einem Progress von einer späteren Reexposition erneut profitierten. Von 12 Patienten, die eine weitere Therapielinie der Immuntherapie erhielten, waren zum Zeitpunkt der Analyse noch 8 am Leben, 5 davon ohne Progress und 3 ohne nachfolgende Therapie. Insgesamt 33% hatten auf die erneute Applikation von Pembrolizumab angesprochen, alle mit PR.

Behandlungsassoziierte Nebenwirkungen aller Grade und ab Grad 3 waren unter der Immuntherapie seltener als unter der Chemotherapie. Neue Sicherheitssignale wurden im Langzeitverlauf nicht identifiziert. Pembrolizumab mono erwies sich somit auch im Langzeitverlauf über 5 Jahre als wirksames und verträgliches Erstlinien-Behandlungsregime für Patienten mit metastasierendem NSCLC und PD-L1 TPS ≥ 50%.

Melanom im Stadium III

Adjuvante Therapie mit Pembrolizumab verlängert auch fernmetastasenfreies Überleben
Seit 2018 ist Pembrolizumab als Monotherapie auch zur adjuvanten Behandlung des Melanoms im Stadium III mit Lymphknotenbeteiligung nach vollständiger Resektion bei Erwachsenen zugelassen (3). Die Zulassungsstudie EORTC 1325/KEYNOTE-054 hatte nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 1,25 Jahren bei Patienten mit komplett reseziertem Hochrisiko-Melanom im Stadium III (n=1.019) einen signifikanten Vorteil der Immuntherapie gegenüber Placebo im Hinblick auf den primären Endpunkt rezidivfreies Überleben (RFS) gezeigt (RFS-Rate 71,4% vs. 53,2%; HR für Rückfall oder Tod 0,57; p<0,0001) (6).

Beim ESMO stellte Prof. Dr. Alexander Eggermont, Utrecht, Niederlande, zunächst ein Daten-update zum RFS nach einem medianen Follow-up von 3,5 Jahren vor. Die RFS-Verbesserung zugunsten von Pembrolizumab wurde auch im längeren Zeitverlauf bestätigt, wobei die in der Hauptanalyse dokumentierte absolute Differenz der RFS-Rate zwischen den Behandlungsarmen von rund 20% erhalten blieb (3,5-Jahres-RFS-Rate 59,8% vs. 41,4%; HR=0,59; p<0,001) (7).

Dass Pembrolizumab auch hinsichtlich des Verzögerns von Fernmetastasen Vorteile bringt, wurde durch die finalen Daten zum sekundären Endpunkt fernmetastasenfreies Überleben (DMFS) bestätigt. Das DMFS unter Pembrolizumab betrug 65,3% im Vergleich zu 49,4% unter Placebo (HR=0,60; p<0,001) – ein Delta von rund 16%. Das DMFS erwies sich als unabhängig vom Stadium der Tumorerkrankung (Stadium IIIA: HR=0,63; Stadium IIIB: HR=58; Stadium IIIC: HR=0,61). Der DMFS-Vorteil zugunsten von Pembrolizumab betraf alle untersuchten Patienten-Subgruppen, wobei PD-L1-positive Patienten (HR=0,61) etwas mehr profitierten als PD-L1-negative (HR=0,49). Die PFS-Rate betrug unter Pembrolizumab nach 3,5 Jahren 66,7% (PD-L1 positiv) und 58,8% (PD-L1 negativ). Patienten mit BRAF-mutierten Tumoren (n=440) profitierten mit einem Delta von etwa 20% (HR=0,53) stärker von der Immuntherapie als Patienten mit BRAF-Wildtyp-Tumoren mit einem Delta von ca. 10% (n=448) (HR=0,73).

Pembrolizumab blieb auch im Langzeitverlauf eine verträgliche Medikation. Immunassoziierte Nebenwirkungen ab Grad 3 traten nur in 7,7% der Fälle auf (Placebo 0,6%). Die Studie EORTC 1325-MG/KEYNOTE-054 erreichte damit neben ihrem primären (RFS) auch den sekundären Endpunkt und konnte eine signifikante Verbesserung des DMFS unter dem Einfluss von Pembrolizumab vs. Placebo bei guter Verträglichkeit nachweisen.

Kopf-Hals-Tumoren

Pembrolizumab als Monotherapie und als Partner einer Platin-basierten Chemotherapie erfolgreich in der Erstlinie
Pembrolizumab hat mittlerweile einen bedeutenden Stellenwert in der Firstline-Behandlung von Patienten mit metastasierenden oder nicht resezierbaren rezidivierenden (r/m) PD-L1-positiven (CPS ≥ 1) Plattenepithelkarzinomen des Kopf-Hals-Bereichs (HNSCC) – entweder als Monotherapie oder in Kombination mit Chemotherapie (3). Bei einem Satelliten-Symposium von MSD im Rahmen des ESMO-Kongresses gaben Experten auf der Basis von aktuellen Studiendaten Therapieempfehlungen für den klinischen Alltag (8).

Die Erstlinienzulassung beruht auf den Daten der Phase-III-Studie KEYNOTE-048, so Prof. Dr. Amanda Psyrri, Athen, Griechenland. Darin hatte Pembrolizumab kombiniert mit Platin-basierter Chemotherapie oder als Monotherapie im Vergleich zum Therapiestandard EXTREME (Platin, 5-FU und Cetuximab) bei 882 Patienten mit r/m HNSCC eine überzeugende Wirksamkeit gezeigt (9). Die Pembrolizumab-Monotherapie war bei der zweiten Interimsanalyse der Population CPS ≥ 20 dem EXTREME-Regime hinsichtlich des OS überlegen (HR=0,61; p=0,0007) und führte häufiger zu einem anhaltenden Ansprechen. Auch bei der Population CPS ≥ 1 zeigte sich der Überlebens-benefit zugunsten von Pembrolizumab mono (HR=0,78; p=0,0086). Allerdings wurde das PFS nicht verbessert und die ORR war niedriger als bei der Chemotherapie (23,3% vs. 44%), was die Immun-Monotherapie für Patienten mit hoher Tumorlast als weniger geeignet erscheinen lässt. Das Sicherheitsprofil von Pembrolizumab mono war wesentlich günstiger als das der Chemotherapie (Nebenwirkungen ab Grad 3: 54,7% vs. 83,3%) und es kam seltener zu Therapieabbrüchen. Unter der Kombination Pembrolizumab/Chemotherapie wurde bei der Population CPS ≥ 20 ein verbessertes OS im Vergleich zu EXTREME erreicht (median 14,7 vs. 11,0 Monate; HR=0,60; p=0,0004), ebenso bei der Population CPS ≥ 1 (median 13,6 vs. 10,4 Monate; HR=0,65; p=0,0001) und der Gesamtpopulation (median 13,0 vs. 10,7 Monate; HR=0,77; p=0,0034). Der Überlebensvorteil betraf alle vordefinierten Patienten-Subgruppen innerhalb der Populationen CPS ≥ 20 und CPS ≥ 1. Die ergänzende Gabe von Pembrolizumab zur Chemotherapie verlängerte nicht das PFS. Die ORR war in beiden Armen mit etwa 36% ähnlich, aber das Ansprechen hielt in der Kombinationsgruppe wesentlich länger an. Die Sicherheitsprofile beider Arme waren vergleichbar.

Wie Dr. Ezra W. Cohen, San Diego, USA, berichtete, erbrachten aktuelle Subgruppenanalysen der KEYNOTE-048-Studie neue Erkenntnisse, die zu verfeinerten Therapieempfehlungen beitragen. So konnte bestätigt werden, dass Pembrolizumab mono nicht nur für die Population CPS ≥ 20, sondern auch für die Subgruppe CPS 1-19 eine probate Therapieoption darstellt, die im längeren Zeitverlauf nicht nur das OS vs. Pembrolizumab + Chemotherapie verlängert (median 10,8 vs. 10,1 Monate; HR=0,86), sondern bei Respondern auch zu einem langanhaltenden Ansprechen führt (Median nicht erreicht vs. 5,0 Monate unter Chemotherapie) (10). Zudem wurde gezeigt, dass die Integration von Pembrolizumab in die Erstlinienbehandlung – als Monotherapie oder Kombinationspartner einer Chemotherapie – bei Patienten mit PD-L1-exprimierenden r/m HNSCC die progressionsfreie Zeit nach der folgenden Therapielinie verlängert (11). Schließlich bestätigten aktuelle Daten vom ESMO 2020 den anhaltenden Überlebensvorteil von Pembrolizumab mono bzw. Pembrolizumab/Chemotherapie vs. EXTREME bei PD-L1-positiven Tumoren auch im Langzeitverlauf über 48 Monate, wobei erneut das anhaltende Ansprechen der Responder bemerkenswert war (12).

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich nach übereinstimmender Ansicht der Experten folgende Therapieempfehlungen, die Prof. Dr. Jean-Pascal Machiels, Brüssel, Belgien, zusammenfasste:

•    Bei symptomatischen Patienten, bei denen eine schnelle Tumorschrumpfung erforderlich ist, sollte bei einem CPS ≥ 1 zeitnah eine Kombinationstherapie aus Pembrolizumab + Chemotherapie eingeleitet werden, bei einem CPS < 1 sei dagegen die Kombination aus Chemotherapie + Cetuximab möglicherweise besser geeignet; Pembrolizumab + Chemotherapie sei aber auch möglich. Liegt kein CPS-Wert vor und erlaubt es die Dringlichkeit der Behandlungssituation nicht, diesen Wert zu erheben, empfiehlt Machiels Pembrolizumab + Chemotherapie.

•    Bei asymptomatischen Patienten in einer stabilen Krankheitssituation sollte unbedingt der CPS-Wert erhoben werden. Aus dem Ergebnis ergibt sich die Therapiestrategie: Bei CPS < 1 eine Chemotherapie + Cetuximab (eventuell alternativ Pembrolizumab + Chemotherapie), bei CPS zwischen 1 und 20 die Pembrolizumab-Monotherapie (alternativ Pembrolizumab + Chemotherapie) und bei CPS ≥ 20 eindeutig die Pembrolizumab-Monotherapie.
Medikamenten-Kandidaten zeigen vielversprechende Ergebnisse in frühen klinischen Studien
Der ESMO-Kongress bietet nicht nur Studienergebnisse mit unmittelbarer Relevanz für die klinische Praxis, sondern ist auch eine Plattform für Daten aus der frühen klinischen Entwicklung. Als Hoffnungsträger rücken dabei neue CIs jenseits der PD-(L)1- und CTLA-4-Inhibition in den Fokus.
Anti-TIGIT-Antikörper Vibostolimab
So wurden Daten einer Phase-1b-Studie zur Wirksamkeit und Verträglichkeit des Anti-TIGIT-Antikörpers Vibostolimab kombiniert mit Pembrolizumab bei Patienten mit PD-1/PD-L1-Inhibitor-naivem, fortgeschrittenem NSCLC vorgestellt. Der inhibitorische Immuncheckpoint TIGIT (T-cell immuno-receptor with immuno-globulin and ITIM domains) wird u.a. auf T-Zellen und natürlichen Killerzellen exprimiert und hemmt deren Aktivität (13). Vibostolimab bindet an den Immunrezeptor und macht so die zuvor gehemmte T-Zellantwort gegen Tumorzellen wieder möglich. Durch die gemeinsame Gabe von Vibostolimab und Pembrolizumab soll die Anti-Tumoraktivität des Immunsystems weiter verstärkt werden, so die Hoffnung, da PD-1 und TIGIT auf T-Zellen häufig koexprimiert werden (14). Beim ESMO wurden u.a. die Ergebnisse der Dosis-Expansions- und Konfirmationsphase einer Phase-I-Studie für 41 PD-1/PD-L1-naive Patienten mit fortgeschrittenem NSCLC vorgestellt (15). Die Kombination der beiden CIs erwies sich als gut verträglich und zeigte nach einem medianen Follow-up von 11 Monaten eine vielversprechende Anti-Tumorwirksamkeit. Die ORR, bestätigt gemäß RECIST v1.1, betrug 24%, eine Krankheitsstabilisierung (SD) war bei weiteren 29% festzustellen. Die Population TPS ≥ 1% profitierte mit einer RECIST-bestätigten ORR von 31% mehr als die Population TPS < 1% (25%), auch hinsichtlich des PFS (median 8,4 vs. 4,1 Monate), doch auch PD-L1-negative Patienten sprachen auf die Kombinationstherapie an. Vibostolimab wird nun zusammen mit Pembrolizumab sowie in weiteren Kombinationen beim fortgeschrittenen NSCLC weiter untersucht.
Anti-ILT4-Antikörper MK-4830
Eine weitere Phase-I-Dosiseskalationsstudie evaluierte den erstmals beim Menschen eingesetzten humanen Anti-ILT4-Antikörper MK-4830 als Monotherapie und in Kombination mit Pembrolizumab bei fortgeschrittenen Tumoren (16). MK-4830 hemmt den inhibitorischen Immuncheckpoint ILT4 (immunoglobulin-like transcript 4), der v.a. auf myeloiden Zellen sowie auf einigen Tumorzellen exprimiert wird und eine zentrale Rolle bei Tumor-Escape-Mechanismen im Microenvironment spielt. Von MK-4830 erhofft man sich immunmodulatorische und antitumorale Wirksamkeit, speziell in Kombination mit Pembrolizumab. 84 Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren erhielten MK-4830 in eskalierenden Dosen bis 1.600 mg, entweder als Monotherapie oder kombiniert mit Pembrolizumab. Dosislimitierende Toxizitäten wurden nicht beobachtet, die maximal tolerierte Dosis wurde nicht erreicht. Höhergradige Ereignisse von Grad 3/4 waren mit 6% im Monotherapie- und 8% im Kombinationsarm selten. Die 800-mg-Dosis wird auf Basis pharmakokinetischer Daten als Standard in weiteren Studien verwendet. Neben der guten Verträglichkeit von MK-4830 waren auch vorläufige Daten zur Wirksamkeit im Kombinationsarm vielversprechend. Die ORR betrug 24% (3% CR, 21% PR), mit zusätzlich 26% SD. Diese frühen Daten stützen die weitere Entwicklung von MK-4830 + Pembrolizumab bei fortgeschrittenen soliden Tumoren, so Prof. Dr. Lillian Siu, Toronto, Kanada.
HIF-2α-Inhibitor MK-6482
Schließlich versprechen aktuelle Daten einer Phase-II-Studie Hoffnung für Patienten mit hereditärem von Hippel-Lindau-Syndrom (VHL) – einer Erkrankung, bei der aufgrund einer Inaktivierung des VHL-Gens der onkogene Transkriptionsfaktor HIF-2α konstitutiv aktiviert wird. Dies wiederum kann maligne Wachstumsprozesse in der Niere auslösen, die mit der Entstehung eines klarzelligen Nierenzellkarzinoms (RCC) einhergehen, sowie Manifestationen in anderen Organsystemen begünstigen (17). Für Patienten mit VHL gibt es keinen systemischen Behandlungsstandard, auch deshalb, weil trotz der gemeinsamen molekularen Keimbahn-Treiberalteration organspezifische VHL-assoziierte Läsionen nicht gleichermaßen auf Therapien ansprechen (18). Nun konnte für 61 Patienten mit VHL-assoziiertem und lokalisiertem, nicht-metastasiertem, klarzelligem RCC gezeigt werden, dass der selektive HIF-2α-Inhibitor MK-6482 nicht nur RCC-Läsionen vermindert, sondern auch Nicht-RCC-Läsionen, etwa in Pankreas, zentralem Nervensystem oder Retina. Nach einem medianen Follow-up von 68,7 Wochen betrug die ORR für die RCC-Läsionen 36,1%, mit 36,1% PR und 62,3% SD. Kein einziger Patient zeigte eine Krankheitsprogression. 91,8% der Patienten waren nach minimal 60 Wochen noch unter Therapie.

Die Reduktion der Nicht-RCC-Läsionen war teilweise sogar ausgeprägter als die der RCC-Läsionen. Bei den pankreatischen Läsionen betrug die ORR 63,9% mit 6,6% CR, 57,4% PR und 34,4% SD. 93,8% der Patienten mit retinalen Hämangiomen (n=16) zeigten eine Verringerung der Läsionen (68,8%) oder eine SD (25,0%). Für Hämangioblastome des ZNS (n=43) wurde eine ORR von 30,2% dokumentiert, mit 11,6% CR, 18,6% PR und zusätzlich 65,1% SD. Therapieassoziierte Nebenwirkungen von Grad 3 traten bei 13,1% auf; höher-gradige therapiebedingte Nebenwirkungen wurden nicht dokumentiert. Der selektive HIF-2α-Inhibitor MK-6482 zeigte somit bei VHL-assoziierten RCC-Tumoren und Nicht-RCC-Läsionen eine anhaltende Wirksamkeit bei günstigem Sicherheitsprofil, so Dr. Ramaprasad Srinivasan, Bethesda, USA. Die Substanz wird in verschiedenen Szenarien weiterentwickelt.

Dr. rer. nat. Claudia Schöllmann

Quelle: ESMO virtual 2020

Literatur:

(1) Lagergren J et al. Oesophageal cancer. Lancet 2017;390:2383-96.
(2) Kato K et al. ESMO virtual 2020, Abstract LBA8 und Oral Presentation.
(3) Fachinformation Keytruda®, aktueller Stand.
(4) Reck M et al. N Engl J Med 2016;375:1823-33.
(5) Brahmer JR et al. ESMO virtual 2020, Abstract LBA51 und Oral Presentation.
(6) Eggermont AM et al. N Engl J Med 2018; 375:1845-55.
(7) Eggermont AM et al. ESMO virtual 2020, Abstract LBA46 und Oral Presentation.
(8) Vorträge im Rahmen des Satelliten-Symposiums „Evolving Treatment Paradigms for Head and Neck Squamous Cell Carcinoma (HNSCC)“, ESMO virtual 2020; Veranstalter: MSD
(9) Burtness B et al. Lancet 2019;394(10212): 1915-28.
(10) Burtness B et al. AACR Virtual Annual Meeting 2020, Abstract LB-258.
(11) Harrington KJ et al. ASCO 20 Virtual Meeting, Abstract 6505.
(12) Greil R et al. ESMO virtual 2020, Abstract 915MO.
(13) Gorvel L et al. F1000Res 2020;9:F1000 Faculty Rev-354.
(14) Ahn M-J et al. ESMO virtual 2020, Poster 1400.
(15) Niu J et al. ESMO virtual 2020, Abstract 1410P und Poster.
(16) Siu LL et al. ESMO virtual 2020, Abstract 524O und Oral Presentation.
(17) Srinivasan R et al. ESMO virtual 2020, Abstract LBA26 und Oral Presentation.
(18) Jonasch E et al. Ann Oncol 2011;22(12): 2661-6.


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  • Neuer Anti-ILT4-Antikörper zeigt in Kombination mit Pembrolizumab erste vielversprechende Ergebnisse bei fortgeschrittenen Tumoren
  • Adjuvante Therapie mit Pembrolizumab verlängert auch das fernmetastasenfreie Überleben bei komplett resezierten Hochrisiko-Melanomen im Stadium III
  • HIF-2α-Inhibitor MK-6482 beim Von-Hippel-Lindau-Syndrom: Vielversprechende Wirksamkeit auch bei Nicht-RCC-Läsionen
  • Neuer Checkpoint-Inhibitor: Vielversprechende erste Studiendaten für Anti-TIGIT-Antikörper Vibostolimab in Kombination mit Pembrolizumab