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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
26. April 2021
Seite 1/4

SERIE: Ambulante Versorgung von Krebspatienten in Pandemiezeiten

Interview mit Prof. Dr. med. Wolfgang Knauf, Agaplesion Bethanien Krankenhaus, Frankfurt.
Man hat von unterschiedlichen Fachgesellschaften gehört, dass sich seit der SARS-CoV-2-Pandemie weniger Krebspatienten behandeln ließen, onkologische Eingriffe verschoben und diagnostische Untersuchungen sowie Nachsorgemaßnahmen teilweise stark zurückgefahren würden. Daten aus dem Zentralinstitut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Taskforce des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) haben jedoch unterschiedliche Erkenntnisse zur Versorgung der Krebspatienten vor dem Hintergrund der Pandemie geliefert. Der Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO) hat eine retrospektive Bestandsaufnahme der Versorgung in seinen Schwerpunktpraxen während der Pandemie im Zeitraum April bis Juni 2020 veranlasst. Diese Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Häma­tologen und Onkologen (WINHO GmbH) hat dabei keine Reduktion oder Verzögerung der Behandlungen von Krebspatienten in diesem ersten Lockdown ergeben. Die Auswertung des WINHO basiert auf der Datenlage von 101 Schwerpunktpraxen mit ca. 162.000 onkologischen Patienten aus dem zweiten Quartal 2020. Bei den Patienten mit einer floriden Tumorerkrankung ist sogar ein Anstieg der Patientenzahlen zu beobachten. Diese validen belastbaren Daten zeigen somit, dass eine adäquate ambulante Versorgung von Patienten mit einer Krebserkrankung auch unter Pandemiebedingungen gewährleistet werden konnte. Prof. Dr. Wolfgang Knauf, Frankfurt, erläutert im nachfolgenden Interview die aktuellen Ergebnisse zur ambulanten Versorgungslage.
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Prof. Dr. Wolfgang Knauf
Prof. Dr. Wolfgang Knauf, Frankfurt
Herr Prof. Knauf, wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Erkenntnissen in Bezug auf die Versorgung von Krebspatienten?

Bei der Taskforce hat es sich um telefonische Abfragen in großen Tumorzentren gehandelt, die nach eigener Aussage nur 10-20% der Tumorpatienten in Deutschland betreuen. Telefonabfragen liefern oftmals eher „weiche“ Informationen. In diesem Taskforce-Beitrag ist zudem auch betont worden, dass es vor allem im Rahmen der Früherkennung zu Einbrüchen gekommen ist. Das ist insofern verwunderlich, weil die Zentren, die angefragt wurden, gar nicht für die Früherkennung zuständig sind. In Deutschland findet die Früherkennung im niedergelassenen Bereich statt, d.h. sie erfolgt u.a. beim Gynäkologen, Urologen und durch die Koloskopie beim Gastroenterologen – nicht jedoch in den großen Krebszentren.

Sie haben keine Versorgungsverschlechterung festgestellt, vielmehr wurde sogar ein Anstieg der Patientenzahlen beobachtet. Welche Erklärung gibt es hierfür?

Unser eigener Beitrag beruft sich auf nachvollziehbare valide Daten von über 162.000 Patienten im zweiten Quartal 2020, also während des ersten Lockdowns. Dabei haben wir unser Augenmerk auf die Patienten gerichtet, die tatsächlich auch eine medikamentöse, ambulante Therapie erhalten haben. Hier sehen wir einen Zuwachs gegenüber Vergleichsquartalen der Vorjahre um etwas über 8%. Parallel dazu gab es einen Beitrag der Helios-Klinikgruppe, die dagegen einen Rückgang ihrer Patienten beschrieben hat. Dies kann man mit den politischen Vorgaben erklären, die im Rahmen des ersten Lockdowns verfügt wurden. In einem Appell an die Krankenhäuser hieß es nämlich, dass planbare Operationen, wenn möglich, verschoben und Personal und Fachkräfte möglichst für den Einsatz auf Intensivstationen freigestellt werden sollten. Das hat dazu geführt, dass Spezialambulanzen an großen Kliniken und sogar stationäre Bereiche geschlossen und die Operations­frequenzen heruntergefahren wurden. Dies bezog sich natürlich eher auf medizinisch vertretbar aufschiebbare Eingriffe, d.h. auf operative Maßnahmen, die nicht akut notwendig waren.

Wir erklären den Zuwachs an Patienten bei uns dadurch, dass wir das zumindest teilweise aufgefangen haben. Es gibt darüber hinaus eine zweite interessante Information von der Felix Burda-Stiftung, die sich sehr um die Früherkennung gastrointestinaler Tumoren kümmert und die immer wieder Kampagnen initiiert, um Patienten zur Darmspiegelung aufzurufen. So gab es 2020 im Vergleich zu 2019 über 9.000 Darmspiegelungen mehr. Bei den Darmtumoren einerseits und bei der medikamentösen ambulanten Tumortherapie andererseits hat es demnach wohl keine Versorgungslücke gegeben. Ferner muss man die Früherkennung von Brustkrebs gesondert betrachten. In Deutschland ist es so geregelt, dass jede Frau ab dem 50. Lebensjahr eine Einladung zur Mammographie erhält. Hierbei wird aber nicht berücksichtigt, ob die Frauen gesund sind oder Beschwerden oder einen tastbaren Tumor haben. Bei Frauen, bei denen weder der Gynäkologe noch sie selbst einen Knoten getastet haben und die man daher als gesund betrachten kann, spielt es im Grunde kaum eine Rolle, wenn sie erst 1 oder 2 Monate später zur Mammographie gehen.

Das Mammographie-Screening war im März und April 2020 praktisch komplett ausgesetzt, sodass es hier einen Rückgang gab – das lag in erster Linie daran, dass es keine Schutzkleidung gab. Ich denke jedoch, dass dadurch kein Schaden entstanden ist, denn ab Mai und Juni sind die Zahlen wieder gestiegen, sodass alles wieder aufgeholt wurde und man auch hier nicht von einer Versorgungslücke sprechen kann.
 
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