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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

26. April 2017 Tumorboards und Lotsen für onkologische Patienten

500.000 Menschen erhalten in Deutschland pro Jahr die Diagnose Krebs – mit steigender Tendenz. Die Wissenschaft passt sich an, entwickelt hervorragende molekulargenetische Diagnoseverfahren und immer passgenauere Therapien für den einzelnen Patienten. Doch die Innovationen kommen in der Praxis nicht immer allen Betroffenen zugute. Visionäre wollen das ändern.
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Ein Arbeitskreis aus Vertretern von Medizin, Politik, Wissenschaft, Krankenkassen und Selbsthilfe hat 1,5 Jahre lang beraten, wie dem Problem zu begegnen ist. Als Ergebnis legten sie in einer Pressekonferenz ein Positionspapier vor, das eine grundlegend neue Form der onkologischen Versorgung zum Inhalt hat.

Die Experten halten es für notwendig, sektorenübergreifende onkologische Netzwerke zu errichten, in denen Kliniken, Praxen, aber auch Patientenorganisationen mitarbeiten. Diese Netzwerke sollen mit den bereits bestehenden Zentren (z.B. Comprehensive Cancer Centers) eng zusammenarbeiten, Verdrängung soll es nicht geben. Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung ist auszubauen.

Dazu schlagen die 19 Autoren des Positionspapiers auch die Einrichtung einer „interdisziplinären translationalen Therapiekonferenz“ vor, der Vertreter aller an der Therapie und Behandlung beteiligten Berufsgruppen und Fachrichtungen sowie Vertreter der Selbsthilfe angehören.

In diesen sog. Tumorboards sollen Fälle von Patienten besprochen werden, deren onkologische Erkrankung eine aufwändige molekulare Diagnostik und eine dementsprechend komplexe Therapiestrategie erfordert. Vermutet z.B. ein Arzt, sein Patient kann von einem bestimmten Medikament profitieren – obwohl der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) aufgrund fehlender Daten für die Substanz keinen Zusatznutzen beschieden hat –, kann er ihn an das Tumorboard überweisen. Die Mitglieder beraten dann, ob die Therapie genutzt werden sollte. Voraussetzung für eine Anwendung ist allerdings, dass Arzt und Patient einer Dokumentation der Behandlungsdaten für das Klinische Krebsregister zustimmen, damit der G-BA neue Daten für die Nutzenbewertung erhält und damit ggf. ein rascher Transfer medizinischer Innovationen in die Regelversorgung unterstützt wird.

„Die Patienten wollen einen schnellen Marktzugang bei Innovationen, aber unter sicheren Bedingungen“, betonte Ralf Rambach vom Krebs-Selbsthilfe-Bundesverband. Prof. Dr. Michael Hallek, Köln, zeigte sich überzeugt, dass das Modell der Tumorboards eine große Relevanz für den Versorgungsalltag entwickeln wird, denn es könne heute „selbst für einen gut informierten Arzt zur Kunst werden, die richtige Therapie zu empfehlen“.

Zur Erweiterung der Datenbasis drängt der Arbeitskreis auch auf eine umfassende und gemeinsame Nutzung von relevanten bildgebenden, biologischen oder molekulargenetischen Daten („Omics“). Die notwendigen Strukturen zum Austausch müssten zeitnah geschaffen und praxistauglich werden. Die Weiterleitung der Daten in klinische Krebsregister sei durch den Staat sicherzustellen, um deren Sicherheit und Verfügbarkeit zu gewährleisten.

Ein weiterer Vorschlag betrifft „Patienten-Navigatoren“ und „Onko-Lotsen“, welche die Patienten zukünftig von der Diagnose an durch die gesamte Versorgung begleiten sollen. Lotsen können Mitarbeiter von Einrichtungen sein, aber auch Vertreter der Selbsthilfe-verbände. Vorgeschlagen wird für Patienten mit einer potenziell lebensbedrohlichen Erkrankung zudem die Möglichkeit der Prähabilitation. Das heißt, sie sollen – sofern keine sofortige medizinische Intervention erforderlich ist, an einer 5-tägigen Schulung mit psychotherapeutischen, psychosozialen, sozialrechtlichen und medizinischen Inhalten teilnehmen können.

Weiterhin wird geraten, die Basisdaten aus den klinischen Krebsregistern zusammenzuführen und über eine einheitliche Qualitätsberichterstattung öffentlich zu machen. Die psychoonkologische Versorgung soll entsprechend Nationalem Krebsplan auch die Regelversorgung werden.

Die Experten hoffen, mit ihrem Konzept, das konkrete Vorschläge für gesetzgeberische Maßnahmen beinhaltet, spätestens in der nächsten Legislatur bei der Politik Gehör zu finden.

Cornelia Kolbeck

Quelle: Pressekonferenz: „Zukunft der onkologischen Versorgung“; 06.03.2017, Berlin, Veranstalter: DKG


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