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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

23. Juli 2018 Telematik im Gesundheitswesen – neue Strategie statt alter Streit

M. Stephan-Odenthal, 1. Landesvorsitzender BDU Nordrhein und Geschäftsführer der Uro-GmbH Nordrhein

Von Ulla Schmidt (Gesundheitsministerin von 2001-2009) ins Leben gerufen, sollte die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte (eGK) die medizinische Versorgung in Deutschland revolutionieren. Zum Nutzen der Patientinnen und Patienten sollten auf dem Chip der Karte die wichtigsten Gesundheits- und Krankheitsdaten, Allergien, Medikamente und Befunde abgespeichert werden und bei jedem Leistungserbringer, den der Patient aufsucht, ausgelesen und so zur Verfügung gestellt werden. Es war erstmals das Konzept einer vernetzten Kommunikation im Gesundheitswesen, zum Nutzen des Patienten, dass maßgeblich auch von diesem gesteuert werden sollte. Nachdem in den letzten Jahren viel über Datenschutz diskutiert wurde, viel Geld für sichere Lesegeräte und sichere eGK ausgegeben wurde, ist in der eigentlichen Sache wenig passiert.
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Jetzt signalisiert der neue Gesundheitsminister Jens Spahn klaren Handlungsbedarf, der wiederum bei vielen Ärzten auf Ablehnung stößt. Damit werden insbesondere von Kassen und Politik die Ärzte als „unwillige Bremser“ für fehlende Fortschritte verantwortlich gemacht. Parallel dazu hat sich außerhalb dieser Diskussion bei den sozialen Netzwerken, digitalen Datensammlern, Cloud-Anbietern und App-Entwicklern längst eine Goldgräberstimmung entwickelt, in der mit Fitnessbändern, Schrittzählern, Fitnessuhren und zahlreichen Smartphone-Apps massenhaft Gesundheitsdaten gesammelt werden. Datencloud-Anbieter speichern diese Daten und machen eine Vernetzung mit anderen Daten möglich. In Zusammenhang mit den Daten, die Millionen von Nutzern schon heute freiwillig – oft aber, ohne die Tragweite zu erkennen – in den sozialen Netzwerken Facebook, Instagram und Co. eingeben, kann aus der Vernetzung ein sehr exaktes Profil von einzelnen Menschen erstellt werden, das auch deren Gesundheitszustand und potentielle Gesundheitsrisiken erfasst. Dies wird von der Industrie schon heute für gezielte kommerzielle Angebote genutzt.
 
Medizinische Daten sind aber häufig Ausdruck eines persönlichen Schicksals und können in Form von Therapieentscheidungen auch das Schicksal beeinflussen. Sie unterliegen deshalb nach ärztlichem Selbstverständnis einer sehr strengen Schweigepflicht und müssen deshalb für Datensammler, die keine ärztliche Absicht haben, tabu sein.
 
Digitale Daten der Leistungserbringer werden auf den einzelnen Patienten bezogen schon seit Jahren von den Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen gesammelt und zunehmend vernetzt ausgewertet. So werden zu Abrechnungszwecken die Leistungsdaten der Krankenhäuser und der Praxen nur noch in digitaler Form zugelassen. Diese Daten werden aber derzeit vor allem auch zu Kontrollzwecken genutzt. Zusammen mit den Daten aus den Apotheken und anderen Behandlern wie Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Pflegedienste, Sanitätshäuser etc. können sich die Kassen schon heute ein sehr genaues Bild der Behandler machen und diese mit anderen Behandlern vergleichen. Daraus resultieren heute schon Plausibilitätskontrollen und Regresse. Dass eine solche Praxis dem Wohl des Patienten dient, ist nur schwer nachzuvollziehen. So empfinden die Leistungserbringer die derzeitige aufgezwungene Anbindung der Praxen und Ambulanzen als weiteren Schritt zu einer digitalen Überwachung durch Kassen und Politik.
 
Dabei sind Ärzte keine grundsätzlichen Gegner der Digitalisierung. Im Gegenteil: In den letzten 10 Jahren ist in nahezu jeder Praxis die digitale Patientenakte eingezogen, die unter den Bedingungen der steigenden Morbiditätslast für eine bessere Effizienz der Versorgung unverzichtbar ist. Die wichtigsten Anamnese- und Untersuchungsbefunde seiner Patienten auf einen Klick zu sehen, nicht umständlich nach Papierakten zu suchen und darin eine Lose-Blatt-Sammlung zu durchforsten, vermeidet Fehler in der Behandlung und verbessert die Kommunikation mit dem Patienten. Nach Röntgenbildern nicht im Kellerarchiv zu suchen, um diese später dort wieder einzuräumen, erspart unendlich viel Zeit, die für die Versorgung der Patienten damit zur Verfügung steht. Arztbriefe an Kollegen oder an die betroffenen Patienten elektronisch zu versenden, verbessert die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Die Digitalisierung selber ist sicher nicht das aktuelle Problem, sondern das Problem entsteht heute in der Vernetzung und der unendlichen Möglichkeiten der vernetzten Datenanalyse.
 
Wir brauchen deshalb eine neue Strategie in der Telematik und Digitalisierung des Gesundheitssektors. Dazu müssen vor allem im Geiste der ursprünglichen Absicht grundsätzliche Regeln im Umgang mit den Daten festgeschrieben werden:
 
 
Die Daten gehören grundsätzlich den Patienten
 
Während in den Datenschutzgesetzgebungen vor allem das Recht gestärkt wird, zu wissen, wo und warum Daten gespeichert werden und ein Recht auf die Löschung vom Datenspeicher formuliert ist, muss explizit ein Eigentumsrecht der persönlichen Daten anerkannt werden. Der Verkauf fremder Daten und die ungewollte Weitergabe verstößt damit gegen Eigentumsrecht.
 
 
Die Patienten müssen die Daten selber kontrollieren können
 
Dazu muss ihnen ein Speicher (oder eine Auswahl an Speichern) ermöglicht werden, die der Patient selber bestimmen kann und der am besten dezentral oder auf staatlich geschützten Servern speichert. Eine eGK, die von keinem Patienten ausgelesen werden kann, ist nicht kontrollierbar. Das Smartphone erscheint da schon geeigneter, kann aber bisher nicht von jedem bedient werden. Eine Patientenakte auf einem Server der jeweiligen Krankenkasse ist unzulässig, da Kassen eigene Interessen an den Daten haben. Bei einem Wechsel der Kasse wäre zudem unklar, wie die Patientenakte dann transferiert werden kann und ob eine Kopie möglicherweise auf dem alten Server verbleibt.
 
 
Vor einer Weitergabe von Daten müssen Patienten gefragt werden
 
Nur so wird der Patient gewahr, dass die Daten evtl. auch zur Auswertung in anderem Interesse als seiner Therapie genutzt werden, bzw. mit anderen Datenbanken vernetzt werden. Wenn Ärzte und Patienten sich nicht sicher sein können, ob und wie Gesundheitsdaten weitergegeben und weiterverwendet werden können, wird das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient empfindlich gestört.
 
 
Anbieter digitaler Gesundheitsprodukte müssen zertifiziert werden
 
Die Zuverlässigkeit und der Nutzen des Produktes müssen den gleichen Anforderungen genügen wie medizinische Produkte.
 
Anbieter digitaler Gesundheitsleistungen müssen die gleichen Verantwortlichkeiten habe wie reale Gesundheitsdienstleister. Die Daten und deren Auswertung führen zu Handlungsempfehlungen und Therapievorschlägen. Für die Konsequenzen müssen digitale Anbieter ebenso zur Rechenschaft gezogen werden können wie Ärzte und Therapeuten. Erst wenn im Umgang mit den digitalen Gesundheitsdaten ein Kodex festgelegt wird, der für alle Anbieter verbindlich ist, wird das Vertrauen in die Digitalisierung wachsen. Daneben braucht es eine neue Strategie im Einsatz der Hardware. Während bisher über die Konnektoren lediglich ein „sicheres“ Netz zwischen den Kassen und Leistungserbringern eingerichtet werden soll – um dann einen veralteten Speicher namens eGK einzusetzen – braucht es unbedingt neben einem sicheren Netz ganz besonders auch eine standardisierte Schnittstelle, die in allen Krankenhaus- oder Arztinformationssystemen implementiert werden muss. Nur über eine solche Schnittstelle kann definiert werden, welche Daten wie und wohin übertragen werden können. Abrechnungsdaten gehen an die Kostenträger und KVen, Anamnesedaten und Befunde gehen nur an die Patienten oder Leistungserbringer untereinander bei Überweisung. Für Patienten können Apps entwickelt werden, die ebenso mit der Schnittstelle kommunizieren können. So kann je nach Wunsch des Patienten eine dezentrale Speicherung der Daten unter Kontrolle des Patienten erfolgen. Alternativ könnten die Daten auf staatlich kontrollierte Server über die Schnittstelle transferiert werden und von dort können die Patienten auf ihre Daten zugreifen. Mit dem Einverständnis der Patienten könnte die Schnittstelle auch für die Versorgungsforschung genutzt werden, um Daten anonymisiert für Forschungsprojekte zur Verfügung zu stellen.
 
Die bisher eingeschlagene Digital-Strategie stammt aus den Anfängen des Jahrtausends und ist durch die Entwicklung der IT in Wirtschaft und sozialen Bereichen längst überrollt worden. Derzeit nutzt sie niemandem und nebenher bestimmen Player abseits der offiziell Handelnden und Betroffenen die Datennutzung zu Kontrollzwecken oder kommerziellen Angeboten. Nur mit einer neuen Strategie wird die Digitalisierung im Gesundheitswesen in Deutschland zu einem zweckerfüllenden, vertrauensbildenden, effizienten Tool.
 
 
Lesen Sie dazu auch:

News zum Thema Digitalisierung, Telemedizin und Apps
unter www.med4u.org/13552



 
 
 
Michael Stephan-Odenthal Dr. med. Michael Stephan-Odenthal

1. Landesvorsitzender BDU Nordrhein und
Geschäftsführer der Uro-GmbH Nordrhein
 
E-Mail: dr.stephan-odenthal@t-online.de











 

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