Sonntag, 24. März 2019
Navigation öffnen

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

21. Juni 2018
Seite 1/2
Prognosemodelle der CLL

P. Langerbeins, Klinik I für Innere Medizin, Universitätsklinik Köln

Die klinische Stadieneinteilung nach Binet oder Rai ist die wichtigste Methode zur Prognoseabschätzung der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL). Im frühen asymptomatischen Stadium Binet A besteht keine Therapieindikation, die abwartende Beobachtung ist der Goldstandard. Neuere Prognosemodelle integrieren genetische, molekulare, labor-chemische und klinische Risikofaktoren unabhängig vom Stadium der Erkrankung. Nur innerhalb von klinischen Studien sollte eine vorzeitige Therapie bei CLL-Patienten im frühen Stadium mit ungünstiger Prognose getestet werden. Durch die vorzeitige Chemo-/Chemo-Immuntherapie konnte zwar ein längeres PFS und eine Verzögerung der Sekundärtherapie gezeigt werden, ein Überlebensvorteil für Hochrisiko-Patienten blieb jedoch aus. Die Therapielandschaft der CLL ist im Umbruch und wandelt sich von einer relativ einheitlichen Chemo-Immuntherapie zu einer gezielten, an die individuellen Risikofaktoren des Patienten angepasste Therapie. Ob eine gezielte Therapie bei entsprechendem Risikoprofil einen Überlebensvorteil für frühzeitig behandelte Patienten bringt, wird in laufenden Studien untersucht.
Anzeige:
Die ersten Risikomodelle der CLL wurden durch Jean-Jacques Binet und Kanti Rai vor über 40 Jahren etabliert (1, 2). Die Binet- und Rai-Klassifikation basieren auf einer klinischen Untersuchung und einem Blutbild und identifizieren 5 prognostische Subgruppen mit signifikanten Überlebensunterschieden. Etwa 60% aller erstdiagnostizierten Patienten befinden sich in einem frühen, asymptomatischen Stadium mit meist indolentem Verlauf. Mithilfe von weiteren Risikomarkern lassen sich im frühen Stadium Risiko-Patienten mit ungünstiger Prognose abgrenzen. Hierbei ist p53 der stärkste prognostische Marker (3-5). Sog. CLL-Scores kombinieren verschiedene Risikomarker und bilden unterschiedliche Risikogruppen. Im Folgenden werden die wichtigsten Klassifizierungssysteme vorgestellt und die Ergebnisse klinischer Studien im Hochrisiko-Kollektiv früher, asymptomatischer Stadien zusammengefasst.
 

„Hierarchial models“: FISH
 
Mehr als 80% aller CLL-Patienten haben in der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) zytogenetische Aberrationen. Döhner et al. entwarfen im Jahr 2000 ein hierarchisches Model der 4 häufigsten rekurrenten Aberrationen. Die ungünstigste Prognose mit einem deutlich verkürzten Überleben haben Patienten mit einer 17p-Deletion und somit einem Funktionsverlust des Tumorsuppressorgens p53 (3). Patienten mit einer 13q14-Deletion haben die beste Prognose (Abb. 1A).
 
 
Integrated cytogenetic model (Rossi)
 
13 Jahre später wurde das FISH-Model nach Döhner von einer italienischen Arbeitsgruppe validiert und um neuere Biomarker (NOTCH1, SF3B1) erweitert (Abb. 1B). Weiterhin haben Patienten mit einem Verlust von p53 (17p-Deletion) die schlechteste Prognose (6).
 
Abb. 1: Überlebenswahrscheinlichkeit A) nach FISH-Aberrationen und B) nach dem integrierten Mutations-/Zytogenetik-Model (mod. nach (6)).
Überlebenswahrscheinlichkeit

 
 
MD-Anderson Score (MDACC)
 
Ein prognostisches Nomogramm wurde am MD Anderson Cancer Center (MDACC) entwickelt und schätzt die Zeit bis zur Erstlinientherapie bei therapie-naiven Patienten im frühen Stadium (Tab. 1). Dieses Model kombiniert traditionelle klinische (Alter, Geschlecht, Lymphknotenbefall, Rai-Stadium) und laborchemische Faktoren (β2-Mikroglobulin, absolute Lymphozytenzahl) (7).
 

GCLLSG Score und CLL International Prognostic Index
 
Der German CLL Study Group (GCLLSG) Score identifiziert 4 Risikogruppen hinsichtlich des Überlebens und lässt sich bei jedem klinischen Stadium anwenden (8). Der Score ist etwas umfassender und wird aus 8 unterschiedlich gewichteten klinischen (Alter, Geschlecht, ECOG Performance-Status), genetischen (IGHV-Status, Deletion 11q, Deletion 17p) und laborchemischen Faktoren (β2-Mikroglobulin, Thymidinkinase) gebildet (Tab. 1). Die Handhabung in der alltäglichen Praxis ist etwas umständlich durch die Anzahl erhobener Faktoren. Zudem wird der Serumparameter Thymidinkinase nicht routinemäßig im anglo-amerikanischen Raum bestimmt.
 
Zur Vereinfachung wurde der CLL International Prognostic Index (CLL-IPI) entwickelt (9). Hierfür wurden 3.742 therapienaive CLL-Patienten aus europäischen und amerikanischen Phase-III-Studien untersucht. Die 5 unabhängigen Risikofaktoren (p53-Status, IGHV-Status, β2-Mikroglobulin, klinisches Stadium, Alter) werden wie im GCLLSG-Score unterschiedlich gewichtet und bilden 4 Risikogruppen mit einer 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit von 23% (very high risk) bis 95% (low risk, LR).
 
 
Tab. 1: CLL-Risikomodelle.
Risikomodelle der chronischen lymphatischen Leukämie
MDACC Prognostisches Nomogramm [7]
Risikofaktoren: Größe und Anzahl involvierter Lymphknoten, LDH (IU/L/100), IGHV-Mutationsstatus, del(11q) oder del(17p) (0-100 Punkte pro Risikofaktor) Mediane Zeit bis zur Erstlinientherapie (Monate)
< 42 Punkte > 60
42-74 Punkte 30-60
54-75 Punkte 10-29
≥ 76 Punkte < 10
GCLLSG-Score [8]
Risikofaktoren: Geschlecht, Alter, ECOG-Status, del(17p), del(11q), IGHV-Status, β-Mikroglobulin, Thymidinkinase (1-6 Punkte pro Risikofaktor) 5-Jahres Überleben/ behandlungsfreies Überleben (%)
0-2 (low risk) 95/68
3-5 (intermediate risk) 87/53
6-10 (high risk) 68/22
11-14 (very high risk) 19/0
CLL International Prognostic Index [9]
Risikofaktoren: Alter, klinisches Stadium, del(17p) und/oder p53-Mutation, IGHV-Status, β2-Mikroglobulin (1-4 Punkte pro Risikofaktor) 5-Jahres Überleben/ behandlungsfreies Überleben (%)
0-1 (low risk) 93/81
2-3 (intermediate risk) 79/47
4-6 (high risk) 64/30
7-10 (very high risk) 23/19
 
 
Vorherige Seite

Das könnte Sie auch interessieren

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen
© Fotolia / fotomek

In Deutschland leiden aktuell 1,4 Millionen Menschen an Krebs und die Zahl der Neuerkrankungen steigt. In Hessen treten jährlich mehr als 35.000 neue Krebserkrankungen auf. Ermutigend ist, dass nach neuesten Studien die Rate der Langzeitüberlebenden ansteigt. Manche Krebsarten sind heute heilbar, andere können als chronische Erkrankung eingestuft werden. Auch die Chancen, mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung länger zu leben, sind in den letzten Jahren spürbar...

Filmstar unterstützt Patienten mit seltener Blutkrankheit in Regensburg

Filmstar unterstützt Patienten mit seltener Blutkrankheit in Regensburg
© UKR / Marion Schweiger

Der mehrfach preisgekrönte Schauspieler Adnan Maral, bekannt aus „Türkisch für Anfänger“, setzt sich als Schirmherr der Interessengemeinschaft „Sichelzellanämie“ für Patienten mit einer in Deutschland seltenen Bluterkrankung ein. Am vergangen Samstag war er auf dem „Patiententreffen Sichelzellerkrankungen“ in Regensburg vor Ort. Veranstalter war die Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und...

8. Krebsaktionstag – Gemeinsam gegen Krebs

8. Krebsaktionstag – Gemeinsam gegen Krebs
© Olivier Le Moal / Fotolia.com

Der Krebsaktionstag findet alle zwei Jahre am letzten Kongresstag des Deutschen Krebskongresses in Berlin statt und wird von der Stiftung Deutsche Krebshilfe, der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Berliner Krebsgesellschaft e. V. organisiert. Krebsexperten treffen, Wissen erweitern, Selbsthilfegruppen kennenlernen: Der 8. Krebsaktionstag bietet Ihnen aktuellste Informationen rund um das Thema Krebs. Betroffene, Angehörige und Interessierte sind herzlich eingeladen, an der...

Zielgerichtete Brustkrebstherapie ist erfolgreich

Brustkrebs kann jede Frau treffen. Eine von acht Frauen wird im Laufe ihres Lebens mit der Diagnose konfrontiert - allein in Deutschland sind das 72.000 Frauen im Jahr. Doch dank innovativer Forschung und Entwicklung wurden gerade in der Behandlung von Brustkrebs in den vergangenen Jahren große Fortschritte erreicht. Heute sind zielgerichtete Medikamente verfügbar, die die Überlebensaussichten von Frauen mit Brustkrebs entscheidend verbessern.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Prognosemodelle der CLL"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.