Donnerstag, 22. August 2019
Navigation öffnen
Anzeige:
Fachinformation

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

24. Mai 2018
Seite 1/5
Febrile Neutropenie: Risikofaktoren, Prophylaxe und Algorithmen zur antimikrobiellen Therapie

M. Schmidt-Hieber1, D. Teschner2, E. Schalk3. 1Klinik für Hämatologie und Onkologie, Carl-Thiem-Klinikum, Cottbus, 2III. Medizinische Klinik und Poliklinik (Hämatologie, Internistische Onkologie & Pneumologie), Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz, 3Klinik für Hämatologie und Onkologie, Zentrum für Innere Medizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Magdeburg

Infektionen gehören zu den häufigsten Komplikationen bei Tumorpatienten und können in klinisch und/oder mikrobiologisch dokumentierte Infektionen sowie Fieber unbekannter Ursache („fever of unknown origin, FUO“) eingeteilt werden. Einer der wichtigsten Risikofaktoren für das Auftreten von Infektionen ist die Neutropenie. Die Diagnostik von Infektionen umfasst u.a. Laboruntersuchungen (z.B. Blutbild, Blutkulturen) und weitere Untersuchungen, welche sich nach den klinischen Symptomen richten (z.B. Thorax-CT). Die empirische antibakterielle Therapie besteht bei der Febrilen Hochrisiko-Neutropenie (d.h. zu erwartende tiefe Neutropeniedauer ≥ 8 Tage) aus einem Pseudomonas-wirksamem Breitspektrum-Antibiotikum wie z.B. Piperacillin/Tazobactam. Pulmonale Infektionen gehören neben der Sepsis und gastrointestinalen Infektionen zu den häufigsten dokumentierten Infektionen bei Patienten mit Febriler Neutropenie (FN). Bei Patienten mit Hochrisiko-Neutropenie sind Lungeninfiltrate (siehe auch Artikel von Prof. Dr. Maschmeyer zu „Lungeninfiltrate bei Febriler Neutropenie“) häufig durch Pilze wie z.B. Aspergillus spp. verursacht.
Anzeige:
Fachinformation
Epidemiologie und Definitionen
 
Die FN ist eine der häufigsten Komplikationen nach zytotoxischer Chemotherapie, die mit einer hohen Morbidität und Mortalität einhergeht. Allgemein ist eine Neutropenie durch eine Neutrophilen-Anzahl (stab- und segmentkernige Granulozyten) von < 500/µl charakterisiert, bzw. < 1.000/µl, wenn ein Abfall der Neutrophilen auf < 500/µl innerhalb der nächsten 2 Tage zu erwarten ist (1). Fieber ist meist definiert als eine Körpertemperatur (oral gemessen) von einmalig ≥ 38,3°C oder von ≥ 38,0°C über ≥ 1 h bzw. mind. 2x innerhalb von 12 h (1).
 
Der Nadir der neutrophilen Granulozyten tritt meist zwischen Tag 10-14 nach Beginn einer Chemotherapie auf. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer FN ist im ersten Therapiezyklus am höchsten. Patienten mit einer FN im ersten Therapiezyklus weisen allerdings auch in den Folgezyklen ein erhöhtes Risiko für das Auftreten infektiologischer Komplikationen auf (2). Liegt bei Patienten mit akuter Leukämie eine FN vor, so ist bis zum Beweis des Gegenteils von einer Infektion auszugehen, da dies in > 90% der Fall ist (3). Infektionen sind in bis zu 70% für fatale Komplikationen bei Patienten mit akuter Leukämieverantwortlich und stellen eine der häufigsten Ursachen für eine intensivmedizinische Betreuung dieser Patientengruppe dar (4).
 
Oftmals lässt sich kein Infektionsfokus eruieren (FUO), dies ist bei etwa 40-50% der Patienten mit akuter Leukämie und vermeintlicher Infektion der Fall. Daneben können klinisch und/oder mikrobiologisch dokumentierte Infektionen als Ursache einer FN auftreten, wobei Pneumonien (30-40%) und Septikämien (15-20%) zu den häufigsten Formen gehören.
 
 
Erregerspektrum und Klinik (dokumentierte Infektionen)
 
Grundsätzlich ist zu beachten, dass Patienten mit Tumorerkrankungen ein anderes Erregerspektrum aufweisen als Patientengruppen, die keine aktive Tumorerkrankung haben (5). Gram-positive Bakterien (v.a. Staphylococcus spp. und Streptococcus spp.) machen mit 60-70% den Hauptanteil der Erreger bei Patienten mit FN und mikrobiologisch dokumentierten Infektionen aus (6). Häufige Erreger im Gram-negativen Spektrum sind Enterobacteriaceae sowie Anaerobier (7). Auch wenn Gram-negative Erreger weniger häufig nachgewiesen werden, haben Patienten mit FN und Gram-negativer Sepsis eine hohe Letalität von etwa 40%. Neben bakteriellen Erregern müssen, insbesondere bei länger andauernder Neutropenie, auch Pilze (z.B. Aspergillus spp., Candida spp.) sowie Protozoen und Viren berücksichtigt werden. Tab. 1 fasst typische Erreger bei Patienten mit FN und häufigen dokumentierten Infektionen zusammen.
 
 
Tab. 1: Stadieneinteilung der Lymphödeme (nach S2k-Leitlinie – Diagnostik und Therapie der Lymphödeme, AWMF Reg.-Nr. 058-001).
 
Latenzstadium
Stadium 0
Subklinisches Stadium
Kein klinisch apparentes Lymphödem,
aber zum Teil pathologisches Lymphszintigramm
Stadium I
(spontan reversibel)
Ödem von weicher Konsistenz,
Hochlagern reduziert die Schwellung
Stadium II
(nicht spontan reversibel)
Ödem mit sekundären Gewebeveränderungen,
Hochlagern beseitigt die Schwellung nicht
Stadium III Deformierte harte Schwellung, z.T. lobäre Form
z.T. mit typischen Hautveränderungen

 
 
Der häufigste klinische Fokus bei FN sind die oberen und unteren Atemwege. Bei ambulant erworbenen Infektionen der oberen Atemwege ist saisonal insbesondere an respiratorische Viren wie Influenzaviren oder das Respiratory Syncytial Virus (RSV) zu denken (8). Ebenfalls häufig präsentieren sich FN-Patienten mit gastrointestinalen Symptomen wie Durchfall/Tenesmen, Übelkeit und Erbrechen. Häufigste Ursache ist hier eine neutropenische Enterokolitis („neutropenic enterocolitis, NEC“), bei welcher es aufgrund einer Chemotherapie-assoziierten Mukositis zu einer mukosalen Barrierestörung mit konsekutivem Einschwemmen von intestinalen Erregern in den Blutstrom kommt (1, 9). Neben der NEC spielen auch Clostridium difficile-Infektionen sowie virale Durchfallerkrankungen (z.B. durch Adeno-, Rota- und Noroviren) eine relevante Rolle bei Patienten mit FN. Primär bakterielle Gastroenteritiden, z.B. verursacht durch Salmonella spp. oder Campylobacter spp., sind bei Patienten mit FN selten, sollten aber in der Stuhldiagnostik erfasst sein.
 
FN-Patienten sind aufgrund einer vorher applizierten Systemtherapie häufig mit einem zentral-venösen Gefäßzugang wie einem mehrlumigen zentralen Venenkatheter (ZVK), einem Shaldon-Katheter oder einem getunnelten Port- bzw. Hickman-Katheter versorgt. Insbesondere bei lokalen Infektionszeichen wie Rötung/Schwellung, purulenter Sekretion oder infusionsassoziierter Fiebersymptomatik sollte an eine ZVK-assoziierte Infektion gedacht werden (10). Das zu erwartende Erregerspektrum sind primär Gram-positive Bakterien, am häufigsten Koagulase-negative Staphylococcus spp., aber auch S. aureus, Streptococcus spp. und Enterococcus spp.. Allerdings können auch Gram-negative Bakterien oder Hefepilze (v.a. Candida spp.) Fremdkörper-assoziierte Infektionen verursachen.
 
Neurologische Symptome wie Orientierungsstörungen/Delir, fokale neurologische Defizite, Krampfanfälle oder eine Vigilanzminderung sind Alarmsignale, welche auf eine ZNS-Infektion hinweisen können, teilweise aber auch als Begleitsymptome einer Sepsis auftreten. Pilze und Toxoplasma gondii sind bei immundefizienten hämatologisch-onkologischen Patienten verhältnismäßig häufig als Verursacher von ZNS-Infektionen anzutreffen (11). Darüber hinaus spielen virale Meningoenzephalitiden (v.a. Herpesviridae) und bakterielle Entzündungen (z.B. durch S. pneumoniae) eine Rolle. Selten, dann aber häufig mit fatalem Ausgang, ist eine JC-Virus-assoziierte progressive multifokale Leukenzephalopathie Ursache einer ZNS-Infektion (12).
 
 
Vorherige Seite
...

Das könnte Sie auch interessieren

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen
© Fotolia / fotomek

In Deutschland leiden aktuell 1,4 Millionen Menschen an Krebs und die Zahl der Neuerkrankungen steigt. In Hessen treten jährlich mehr als 35.000 neue Krebserkrankungen auf. Ermutigend ist, dass nach neuesten Studien die Rate der Langzeitüberlebenden ansteigt. Manche Krebsarten sind heute heilbar, andere können als chronische Erkrankung eingestuft werden. Auch die Chancen, mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung länger zu leben, sind in den letzten Jahren spürbar...

Neue Perspektiven für Frauen mit Eierstockkrebs

In der medikamentösen Behandlung von Frauen mit fortgeschrittenem Eierstockkrebs wurde erstmals nach fast 15 Jahren ein Fortschritt erzielt: Das neue Medikament, ein sogenannter Angiogenesehemmer, greift den Tumor gezielt an und verzögert damit das Fortschreiten der Krebserkrankung. Für die betroffenen Frauen ist dies ein großer Vorteil: Die Therapie ermöglicht ihnen mehr Zeit, die sie – trotz der schweren Erkrankung – weitestgehend beschwerdefrei...

Die Björn Schulz Stiftung

Die Björn Schulz Stiftung
© Александра Вишнева / fotolia.com

in Deutschland leben derzeit rund 50.000 Familien mit einem lebensbedrohlich oder lebensverkürzend erkrankten Kind. Ihre Zahl steigt, denn dank des medizinischen Fortschritts haben schwerst- oder unheilbar kranke Kinder heute eine höhere Lebenserwartung als noch vor 20 Jahren. In der für die betroffenen Kinder und Angehörigen schwierigen Situation bieten Kinderhospizdienste eine intensive Begleitung sowie eine umfassende Betreuung in einer familiären, kindgerechten...

Startschuss für den Regensburger Leukämielauf 2017: Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer übernimmt Schirmherrschaft und die Kapelle Josef Menzl beginnt Training

Startschuss für den Regensburger Leukämielauf 2017: Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer übernimmt Schirmherrschaft und die Kapelle Josef Menzl beginnt Training
© ivanko80 / Fotolia.com

Vor der Kulisse des Alten Rathauses wurde gestern (26.06.) Bürgermeisterin Gertrud Maltz- Schwarzfischer das erste Laufshirt des Regensburger Leukämielaufes 2017 von Professor Dr. Reinhard Andreesen, Vorsitzender der Leukämiehilfe Ostbayern e.V., überreicht. Mit der Übergabe des Laufshirts an das Stadtoberhaupt startet traditionell der Countdown zum größten Benefizlauf in Ostbayern, der in diesem Jahr am 15. Oktober stattfindet.

Brustkrebs: Forscher wollen krankheitsauslösende Gene identifizieren

Brustkrebs: Forscher wollen krankheitsauslösende Gene identifizieren
© Photographee.eu / fotolia.com

Jede zehnte Frau in Deutschland, die an Brustkrebs erkrankt, ist noch keine 45 Jahre alt. Experten vermuten, dass viele der jungen Betroffenen erblich vorbelastet sind: Sie sind Trägerinnen eines oder mehrerer schädlich veränderter Gene, die den Tumor entstehen lassen. Die bereits bekannten Hochrisikogene wie etwa BRCA1 oder BRCA2 sind allerdings nur für höchstens ein Viertel der Fälle bei jungen Frauen verantwortlich. Ein Hamburger Forscherteam macht sich nun...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Febrile Neutropenie: Risikofaktoren, Prophylaxe und Algorithmen zur antimikrobiellen Therapie"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


ASCO 2019
  • Metastasiertes klarzelliges RCC: Frontline-Therapie mit Pembrolizumab + Axitinib verbessert Überleben gegenüber Sunitinib auch bei intermediärem/ungünstigem Risikoprofil und Tumoren mit sarkomatoiden Anteilen
  • Erhaltungstherapie mit Pembrolizumab nach einer Erstlinienchemotherapie verzögert Progress beim metastasierten Urothelkarzinom
  • Fortgeschrittenes Magenkarzinom und AEG: Pembrolizumab ist Standard-Chemotherapie nicht unterlegen bei besserer Verträglichkeit
  • Ermutigende Ergebnisse mit Pembrolizumab in der Zweitlinientherapie des fortgeschrittenen HCC
  • 5-Jahres-Daten der KEYNOTE-001 Studie bestätigen langanhaltenden Überlebensvorteil durch Pembrolizumab beim fortgeschrittenen NSCLC
  • Pembrolizumab + Chemotherapie firstline bei metastasiertem nicht-plattenepithelialen NSCLC: Medianes OS, PFS und PFS2 nahezu verdoppelt
  • Fortgeschrittenes Endometriumkarzinom: Kombination Pembrolizumab + Lenvatinib wird in Phase-III-Studie getestet
  • Metastasiertes Melanom: Immunbedingte Nebenwirkungen unter Pembrolizumab assoziiert mit längerem rezidivfreien Überleben
  • Pembrolizumab + Platin-basierte Chemotherapie oder Pembrolizumab als Monotherapie erfolgreich in der Erstlinie bei rezidivierenden/metastasierenden Kopf-Hals-Tumoren