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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

24. Mai 2019 Cisplatin-Gabe: Nephrotoxizität durch Verlangsamung der intravenösen Applikation vermeiden

M. Kowefateia, MEDIAN Zentrum für Rehabilitation Schmannewitz, Dahlen-Schmannewitz.

Cisplatin ist ein wirksames Zytostatikum zur Behandlung von soliden Tumoren. Allerdings wirkt es nephrotoxisch und eine optimale prophylaktische Maßnahme ist bisher nicht bekannt. Die Erhöhung der Infusionsdauer kann eine Rolle dabei spielen, Nephrotoxizität zu vermeiden.
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Cisplatin wirkt wie Alkylanzien durch Querverknüpfungen von DNA-Strängen.

Studien zeigten, dass DNA-Schäden und die damit verbundene DNA-Schadensantwort (DNA damage repair, DDR) ein wichtiger pathogener Mechanismus der Nephrotoxizität sind (1).

Cisplatin-basierte Kombinationen treten häufig im Rahmen einer Tumorbehandlung auf; die unerwünschten Nebenwirkungen umfassen Erbrechen, periphere Neuropathie, Myelosuppression, Hörminderung (Ototoxizität) sowie Nephrotoxizität (Niereninsuffizienz, Elektrolytstörungen). 40-60% der Patienten entwickeln eine zumeist milde und reversible Nierenfunktionseinschränkung (2).

Weisen die Patienten nach der Infusion von Cisplatin eines der 3 folgenden Kriterien auf, liegt eine Nephrotoxizität vor (2):

1. Minderung der glomerulären Filtra-tionsrate (GFR) auf ≤ 30%
2. Hypomagnesiämie
3. Hypokaliämie

Potentiell prophylaktisch wirksame Maßnahmen gegen die Nephrotoxizität von Cisplatin durch Gabe von Amifostin (3), Suramin (4), Vanadium (III)-L-Cystein (5), Arjunolsäure (6) und Nanobiotechnologicals (7) sind in der Praxis noch nicht weit verbreitet.

In der Tumortherapie lässt sich Cisplatin durch Carboplatin ersetzen, allerdings

a) ist Cisplatin z.B. bei Hodenkarzinomen Carboplatin überlegen (8),
b) ist Cisplatin bei Bestrahlung güns-tiger hinsichtlich Radiosensibilisierung (9),
c) wirkt Cisplatin nierentoxischer, während Carboplatin toxischer für das Knochenmark ist (10).


Kasuistik

Ein 56-jähriger Mann wurde mit Gemcitabin + Cisplatin 75 mg/m2 über 2 Stunden behandelt. Nach der Applikation trat eine ausgeprägte Form des Erbrechens auf, trotz aller prophylaktischer Maßnahmen. Nach dem zweiten Chemotherapie-Zyklus wurde Cisplatin aufgrund der Unverträglichkeit über 8 Stunden lang infundiert, danach hatte der Patient eine mäßiggradige Übelkeit. Auffällig war zudem, dass die Nierenwerte nach dem zweiten Zyklus besser waren als nach dem ersten.

Der Kreatininspiegel lag bei 2,3 mg/dl nach dem ersten Zyklus und 1,4 mg/dl nach dem zweiten Zyklus. Diese Laborwerte weisen darauf hin, dass die Nephrotoxizität nach der Infusion von Cisplatin um mind. 50% gesenkt wurde.

Weitere Hinweise
  • Grundsätzlich kann man Cisplatin besonders bei Kindern als intravenöse Infusion über 6-8 Stunden verabreichen.
  • Cisplatin (75-80 mg/m2) kann in 2 Liter Kochsalzlösung über 8 Stunden verabreicht werden.
  • Prähydratation: 0,5 Liter Kochsalz-lösung über 2 Stunden.
  • Posthydratation: 1 Liter Kochsalz-lösung über 4 Stunden.

Diskussion

Grundsätzlich tritt bei Anwendung von Cisplatin eine hohe Rate an Nephrotoxizität auf. Prophylaktische Maßnahmen in Verbindung mit Cisplatin gegen Nephrot-oxizität sind nicht optimal. Durch die Verlangsamung der intravenösen Applikation und Verdünnung der Cisplatin-Lösung kann Nephrotoxizität vermieden werden.

Daher wäre die Durchführung einer Studie empfehlenswert, in der die Applikation von Cisplatin mit einer Dosis von ≥ 70 mg/m2 über 8 Stunden, 40 mg/m2 über 4 Stunden und 20 mg/m2 über 2 Stunden analysiert und die Nephrotoxizität mit der Anwendung von grundsätzlich 2 Stunden verglichen wird.

Die Überprüfung des Kreatininspiegels, des Harnstoffspiegels, der GFR, des Magnesiumspiegels sowie des Kaliumspiegels sollten veranlasst werden.


Es besteht kein Interessenkonflikt.

 
Dr. med. Muhammed Kowefateia Dr. med. Muhammed Kowefateia
Chefarzt Onkologie

MEDIAN Zentrum für Rehabilitation Schmannewitz
Klinik für Kardiologie, Onkologie und Verhaltensmedizinische Orthopädie
Klinik für Orthopädie, Psychosomatik und Psychotherapie
Waldstr. 4
04774 Dahlen-Schmannewitz

E-Mail: muhammed.kowefateia@median-kliniken.de












 
ABSTRACT

M. Kowefateia, MEDIAN Zentrum für Rehabilitation Schmannewitz, Dahlen-Schmannewitz.
 

Cisplatin is an effective cytotoxic drug with nephrotoxic effects for the treatment of solid tumors. An optimal prophylactic measure is not yet known. Prolongation of the infusion time may help prevent nephrotoxicity, which is characterized by reduction of the glomerular filtration rate (GFR), hypomagnesaemia and hypokalaemia. In the casuistry, gemcitabine + cisplatin is infused over 2 hours, resulting in severe vomiting. After the second chemotherapy cycle, the duration of infusion was extended to 8 hours, which was only associated with moderate nausea and creatinine level indicated a reduction of nephrotoxicity. Clinical trails are recommended to analyze whether prolonging the infusion time and dilution of cisplatin may reduce the nephrotoxic effect of cisplatin.
 

Keywords: Cisplatin, nephrotoxicity, infusion time
 

Literatur:

(1) Zhu S, Pabla N, Tang C et al. DNA damage response in cisplatin-induced nephrotoxicity. Arch Toxicol 2015;89(12):2197-205.
(2) Finkel M, Goldstein A, Steinberg Y et al. Cisplatinum nephrotoxicity in oncology therapeutics: retrospective review of patients treated between 2005 and 2012. Pediatr Nephrol 2014;29(12):2421-4.
(3) Heidenreich A, Marx FJ, Peters HJ. Amifostine as protective agent in cisplatin-based chemotherapy of advanced bladder cancer. Urologe A 1999;38(6):586-91.
(4) Dupre TV, Doll MA, Shah PP et al. Suramin protects from cisplatin-induced acute kidney injury. Am J Physiol Renal Physiol 2015;ajprenal.00433.2015.
(5) Basu A, Singha Roy S, Bhattacharjee A et al. Vanadium(III)-L-cysteine protects cisplatin-induced nephropathy through activation of Nrf2/HO-1 pathway. Free Radic Res 2016;50(1):39-55.  
(6) Elsherbiny NM, Eladl MA, Al-Gayyar MM. Renal protective effects of arjunolic acid in a cisplatin-induced nephrotoxicity model. Cytokine 2016;77:26-34.
(7) Marcato PD, Favaro WJ, Duran N. Cisplatin Properties in a Nanobiotechnological Approach to Cancer: A Mini-Review. Curr Cancer Drug Targets 2014;15(5):458-76.
(8) Tscherry G, Jacky E, Jost LM et al. Risk-adapted chemotherapy of germ cell tumors with carboplatin, etoposide and bleomycin for low-risk and cisplatin, etoposide and ifosfamide for high-risk patients. A single-center study. Oncology 2000;59(2):110-7.
(9) Boeckman HJ, Trego KS, Turchi JJ. Cisplatin sensitizes cancer cells to ionizing radiation via inhibition of non-homologous end joining. Mol Cancer Res 2005;3(5):277-85.
(10) Gutierrez F, Gonzalez-de-la-Fuente GA, Nazco GJ etb al. Hematological toxicity of carboplatin for gynecological cancer according to body mass index. Eur J Clin Pharmacol 2016;72(9):1083-9.


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