Sonntag, 21. April 2019
Navigation öffnen

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

06. Dezember 2016 Das Bewusstsein für Tumorkachexie schärfen

Die Tumorkachexie ist ein prognostisch ungünstiger Faktor. Dennoch wird die Kachexie im klinischen Alltag selten als eigenständige Indikation diagnostiziert. Zum einen scheint sie im Bewusstsein der Ärzte zu wenig verankert zu sein, zum anderen wird sie oft nicht erkannt, denn auch ein normalgewichtiger oder adipöser Patient kann kachektisch sein.
Anzeige:
Fachinformation
Die Kachexie wird definiert als ungewollter Gewichtsverlust von mehr als 5% des stabilen Ausgangsgewichtes innerhalb eines Jahres oder als Body Mass Index (BMI) < 20 kg/m2, erläuterte PD Dr. Stephan von Haehling, Göttingen. Kachektisch kann also auch ein Patient mit normalem oder hohem BMI und adipöser Statur sein. Zusätzliche Kriterien sind z.B. Appetitverlust, Erschöpfung, verminderte Muskelkraft oder auffällige Laborwerte, speziell erhöhte Entzündungsparameter. Entscheidend ist aber laut von Haehling der ungewollte Gewichtsverlust – unabhängig davon, welches Gewicht der Patient gerade hat.

Pathophysiologisch spielen vermutlich die entzündlichen Prozesse eine entscheidende Rolle, in deren Folge es zu einer Zerstörung von Muskelfasern kommt. Erst, wenn die Muskulatur soweit abgebaut ist, dass bereits geringste körperliche Anstrengungen die Patienten strapazieren, beginnt die Fettverbrennung. Das erklärt laut von Haehling, warum ein kachektischer Patient nicht zwingend abgemagert ist.

Von Haehling betonte, dass die Kachexie ein unabhängiger Prädiktor für eine ungünstige Prognose ist. Er empfiehlt daher, im Rahmen der Basisdiagnostik den BMI bzw. bei normalgewichtigen Patienten bzw. jenen mit adipöser Statur den prozentualen Gewichtsverlust der letzten 12 Monate zu bestimmen. Die Frage, ob ein Patient kachektisch ist, sollte regelmäßig im Tumorboard besprochen und die Diagnose „Kachexie“ in den Arztbrief aufgenommen werden.

Prof. Dr. Rudolf Huber, München, bestätigte, dass v.a. bei adipösen Patienten der kachektische Zustand viel zu spät diagnostiziert werde. Er wies darauf hin, dass gerade bei Lungenkarzinom-Patienten neben Appetitlosigkeit auch Stoffwechselveränderungen die Entstehung der Kachexie unterstützen. Huber empfiehlt eine multimodale Intervention, bei der es darum geht, die Grunderkrankung inkl. einhergehender Symptome gut zu behandeln, zudem den Ernährungszustand frühzeitig zu verbessern und die subjektive Lebensqualität der Patienten, z.B. durch psychoonkologische Betreuung zu stärken. Der Muskelabbau lasse sich zudem durch moderate Aktivität positiv beeinflussen.

Derzeit gibt es keine zugelassene medikamentöse Therapie für kachektische Patienten. In der klinischen Prüfung befinden sich Ghrelin-Rezeptor-Agonisten: In Placebo-kontrollierten Phase-III-Studien (1, 2) zeigte sich hier bei kachektischen Patienten mit fortgeschrittenem bzw. metastasiertem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) eine Gewichtszunahme, eine Appetitsteigerung und eine verbesserte Lebensqualität.

Birgit-Kristin Pohlmann (bp)

Quelle: Satellitensymposium „Tumorkachexie“, DGHO-Kongress, 14.10.2016, Leipzig; Veranstalter: Chugai

Literatur:

(1) Temel J et al. Ann Oncol 2014, 25: #1483O_PR.
(2) Temel J et al. Lancet, online Feb 2016.


Das könnte Sie auch interessieren

Selbsthilfe bei Lungenkrebs: Betroffene helfen Betroffenen

Krebspatienten fühlen sich oft überfordert – auch Patienten mit Lungenkrebs. Kaum ist die Diagnose gestellt, beginnen die ersten Therapien: Operationen oder viele Zyklen Chemotherapie fordern und verändern nicht nur den Körper, sondern auch das gesamte Leben mit einem Schlag. Die Psyche kommt so schnell kaum hinterher: Die meisten Betroffenen begreifen erst nach und nach, dass sich das Leben ab jetzt drastisch ändert und nie mehr so sein wird wie zuvor.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Das Bewusstsein für Tumorkachexie schärfen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.