Dienstag, 25. Juni 2019
Navigation öffnen

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

25. Januar 2019 Neue Erkenntnisse und Einsichten in die CIPN

ASCO Palliative and Supportive Care in Oncology Symposium 2018

Die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine oft Dosis-limitierende Nebenwirkung neurotoxischer systemischer Tumortherapien. Sie tritt Dosis-abhängig besonders häufig bei Therapie mit Platin-Verbindungen, Taxanen, Vinca-Alkaloiden, Bortezomib und Eribulin auf und betrifft etwa 30-50% der Patienten. Ältere Patienten sind stärker betroffen als jüngere. Die CIPN ist für die Patienten stark belastend, da sie schmerzhaft sein kann und mit sensomotorischen Funktionsstörungen verbunden ist. Meist geht die CIPN nach Ende der Behandlung zurück, sie kann sich jedoch auch chronisch manifestieren und die Morbidität der Betroffenen erhöhen. In randomisierten Studien konnte für Alpha-Liponsäure, Kalzium- und Magnesium-Infusionen, Vitamin-E, L-Acetyl-Carnitin und Gluthathion kein protektiver Effekt nachgewiesen werden.
Anzeige:
Nathan P. Staff, Mayo Clinic, Rochester, USA, berichtete beim Kongress über neue Ergebnisse aus der Grundlagenforschung zur CIPN. Diese sollen zukünftig dazu führen, die Mechanismen der CIPN besser zu verstehen, Risikoprofile für das Auftreten der CIPN zu definieren und dadurch die Prophylaxe und Therapie zu verbessern. Aktuelle Untersuchungen beschäftigen sich mit der Analyse genetischer Profile, um Patienten zu identifizieren, die einem besonders hohen Risiko unterliegen und ggf. genetisch prädisponiert für Neurotoxizität sind. Bei Patienten, die durch Erkrankungen oder vorausgegangene Therapien neurologisch vorbelastet sind, wie z.B. Diabetiker, sollte man bei neurotoxischen Chemotherapien Vorsicht walten lassen.

Derzeit werden auf molekularer Ebene neue Substanzen untersucht, die zur Prävention der CIPN geeignet sein können. Hierzu zählen SARM1-Inhibitoren, die präklinisch im Tiermodell geprüft werden (1). SARM1 (Sterile Alpha And TIR Motif Containing 1) ist ein Protein-kodierendes Gen, das in verschiedene Rezeptorsignalwege involviert ist, wie den Toll-like Receptor Signaling Pathway und den aktivierten TLR4-Signalweg. Zu den mit SARM1 assoziierten Krankheiten gehören die Waller‘sche Degeneration, komplexe molekulare Vorgänge, die nach einer Schädigung von Nerven im peripheren Nervensystem oder von Faserbahnen des ZNS auftreten.

In früher klinischer Prüfung befindet sich APX3330, ein oral bioverfügbarer Inhibitor von Apurin/Apyrimidin-Endonuklease 1/Reduktionsoxidations (Redox)-Effektorfaktor-1 (APE1/Ref-1; APEX1) mit potentiellen antiangiogenen und antineoplastischen Aktivitäten. APX3330 blockiert spezifisch die Redox-Aktivität von APE1/Ref-1 und beeinträchtigt nicht seine Fähigkeit, als DNA-Reparatur-Endonuklease zu fungieren (2).

Ebenfalls in früher klinischer Untersuchung ist das Sphingosin-1-phosphat-Analogon Fingolimod, das bisher bei Patienten mit Multipler Sklerose eingesetzt wird. Fingolimod senkt die Zahl der Lymphozyten, die in das ZNS einwandern und dort Nervenbahnen schädigen können (3, 4).

Auch für die Therapie der manifesten CIPN gibt es mehr negative als positive Studien. Zur Behandlung der CIPN wird der selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin empfohlen, obwohl die Evidenzlage mäßig ist. Sie basiert auf der Crossover Studie von Smith et al. (5) mit 231 Patienten, die Duloxetin vs. Placebo zur Therapie der CIPN untersucht (Duloxetin 30 mg für die ersten 14 Tage, dann 60 mg). Patienten in der Duloxetin-Gruppe (vor Crossover) berichteten über eine signifikante Abnahme des neuropathischen Schmerzes. In einer explorativen Subgruppe war der Effekt von Duloxetin auf die Platin-induzierte CIPN größer als auf die Taxan-induzierte CIPN.

Neue nicht-pharmakologische Interventionen sollten ergänzend zu Duloxetin zur Behandlung der CIPN angewandt werden, sagte Staff. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Bewegungstraining die CIPN verbessern kann. Obwohl in den Studien unterschiedliche Übungsregime, Trainingsintensitäten und Techniken bei unterschiedlichen Patientenkollektiven und verschiedenen neurotoxischen Therapien angewandt wurden, kommen alle übereinstimmend zum Ergebnis, dass die Bewegungsinterventionen die CIPN-Symptomatik, die Balance und die Lebensqualität verbessern. Einige kleine Studien gibt es zur sog. Scrambler-Therapie, einer nicht-invasiven Technik, bei der die transkutane elektrische Stimulation von Schmerzfasern mit der Absicht angewandt wird, Schmerzen, Taubheit und Kribbeln zu vermindern. Mit dieser Technik wurden Schmerzreduktionen zwischen 20% und 53% erreicht (6). Insgesamt bleiben bei der CIPN nach wie vor viele Fragen offen und eine Lösung des Problems ist derzeit nicht in Sicht.

Dr. rer. nat. Petra Ortner

Quelle: General Session 2, ASCO PallOnc, 16.11.2018.

Literatur:

(1) Geisler S. et al. Brain 2016;139(12):3092-3108.
(2) Shah F et al. npj Precision Oncology 2017;1:19.
(3) Stockstill K et al. J Exp Med 2018; doi:10.1084/jem.20170584.
(4) Emery EC et al. N Engl J Med 2018;379:485-487.
(5) Smith EM et al. JAMA 2013;309(13):1359-67.
(6) Pachman DR et al. Support Care Cancer 2015;23(4):943-951.


Das könnte Sie auch interessieren

Forschung für besseren Schutz vor Gebärmutterhalskrebs

Forschung für besseren Schutz vor Gebärmutterhalskrebs
© Petry

Humane Papillomviren, kurz HPV, sind die häufigsten sexuell übertragenen Viren der Welt. Einige Virentypen können Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und andere Krebsarten verursachen. Wissenschaftler kooperieren jetzt in einer neuen Studie, um ein HPV-Typ-spezifisches Modell für den Krankheitsverlauf von HPV-Infektionen zu entwickeln. Dazu werden klinische Daten aus großen populationsbasierten Studien der Frauenklinik Wolfsburg in Zusammenarbeit mit einer...

Was Krebspatienten in der kalten Jahreszeit beachten sollten

Was Krebspatienten in der kalten Jahreszeit beachten sollten
© Jenny Sturm / fotolia.com

Außen kalt, innen überheizt, dazu Glatteis, Schnee und trübes Licht – der Winter ist für Krebspatienten keine leichte Zeit. Aufgrund der geschwächten Immunabwehr und den damit einhergehenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind besondere Vorsichtsmaßnahmen zu beachten. Im Monatsthema Dezember gibt das ONKO-Internetportal hilfreiche Tipps, wie Krebspatienten gut und sicher durch die kalten Monate kommen.

Ein Zebra erobert die sozialen Medien

Ein Zebra erobert die sozialen Medien
© #zebrasNETfinden

Mehr Aufmerksamkeit für Neuroendokrine Tumoren (NET) und die Förderung der Früherkennung – das war Ziel der Awareness-Aktion #zebrasNETfinden, die im Rahmen des internationalen NET Cancer Days am 10. November stattfand. Mit Infoständen in sieben deutschen Städten und einer Foto-Aktion in den sozialen Medien konnte die Kampagne eine Vielzahl von Menschen auf Symptome und Therapiemöglichkeiten dieser seltenen Krebserkrankung aufmerksam machen.

Krebs und Sexualität - ein doppeltes Tabu

Krebs und Sexualität - ein doppeltes Tabu
© Expensive / fotolia.com

Eine Krebserkrankung hinterlässt Spuren, körperliche und seelische. Für Patientinnen ist es manchmal schwer, über ihre Empfindungen und Ängste zu sprechen. Umso belastender kann es sein, die mit der Krankheit häufig einhergehende Beeinträchtigung der Sexualität in Worte zu fassen. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums bietet Unterstützung an – auch bei Fragen, die viele als heikel empfinden.

Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel - keine falschen Hoffnungen wecken

Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel - keine falschen Hoffnungen wecken
@ efmukel / Fotolia.com

Das Opioid Methadon sollte nicht zur Tumortherapie eingesetzt werden. Die derzeit vorliegenden Daten aus Labor- und Tierversuchen sowie einer Studie mit 27 Krebspatienten reichen nicht aus, um eine Behandlung zu rechtfertigen. Einige Medienberichte wecken dennoch bei an Leukämie oder Hirntumor erkrankten Patienten die falsche Hoffnung auf Heilung. Methadon ist zur Behandlung starker Schmerzen zugelassen und ein etabliertes Medikament in der Schmerztherapie bei Krebserkrankten. Darauf...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Neue Erkenntnisse und Einsichten in die CIPN"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EHA 2019
  • Subgruppenanalyse der ELIANA- und ENSIGN: Tisagenlecleucel auch bei jungen Patienten mit r/rALL und zytogenetischen Hochrisiko-Anomalien sicher und effektiv
  • Polycythaemia vera: Molekulares Ansprechen korreliert mit vermindertem Thrombose-Risiko und einer Reduktion von Thrombose- und PFS-Ereignissen
  • AML-Therapie 2019: Neue Substanzen im klinischen Einsatz, aber nach wie vor hoher Bedarf an neuen Therapieoptionen
  • Eisenüberladung bei Patienten mit Niedrigrisiko-MDS auch in Pankreas und Knochenmark nachweisbar
  • CML: Switch auf Zweitgenerations-TKIs nach unzureichendem Ansprechen auf Imatinib in der Erstlinie führt zu tieferen molekularen Remissionen
  • FLT3-mutierte AML: Midostaurin wirksam bei allen ELN-Risikoklassen und bei unterschiedlichen Gensignaturen
  • Real-world-Daten: Transfusionsabhängigkeit und Ringsideroblasten bei Niedrigrisiko-MDS assoziiert mit toxischen Eisenspezies und verkürztem Überleben
  • Erstlinientherapie der CML: Nilotinib führt auch im klinischen Alltag zu tieferen molekularen Remissionen als Imatinib
  • Weltweite Umfrage bei Ärzten und Patienten zur ITP-Therapie unterstreicht Zufriedenheit mit Thrombopoetinrezeptor-Agonisten
  • Therapiefreie Remission nach zeitlich begrenzter Zweitlinientherapie mit Eltrombopag bei Patienten mit primärer ITP erscheint möglich