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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
26. März 2021
Seite 1/2

Zielgerichtete Therapie für Brustkrebs­-Patientinnen

Interview mit Prof. Dr. med. Sherko Kümmel, Kliniken Essen-Mitte (KEM).
In der metastasierten Situation des Mammakarzinoms rücken neben der klassischen Chemotherapie die zielgerichteten Therapien mehr und mehr in den Vordergrund. Die personalisierte Therapie hat die Herangehensweise bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen in den vergangenen Jahren grundlegend verändert und die Lebenserwartung vieler Patientinnen deutlich verbessert. Prof. Dr. Sherko Kümmel, Essen, zeigt die Chancen und die Ziele auf, die sich durch die personalisierte Therapie ergeben.
Prof. Dr. Sherko Kümmel
Prof. Dr. Sherko Kümmel
Wie würden Sie die personalisierte Medizin bzw. die Präzisionsonkologie definieren und in welche Richtung geht sie?

Generell bewegen wir uns in Richtung personalisierte Medizin, auch wenn wir, wie ich meine, noch in den Anfängen davon stecken bzw. auf den ersten Stufen angekommen sind – und das auf alle Fälle erfolgreich. Mit dem, was wir jetzt täglich lernen, was an Studien und neuen Daten hinzukommt, wird sich das künftig noch deutlich weiterentwickeln. Ob es nun personalisierte Medizin ist, wenn es um die Suche von Mutationen geht oder ob es Präzisionsonkologie ist, wenn ein passendes Medikament verabreicht wird, welches dann Wirkung zeigt – ich würde sagen, dass der Übergang in dieser Situation fließend ist.

Auch aus dem Blickwinkel eines Brustkrebs-Spezialisten ist die zielgerichtete Therapie insbesondere beim Bronchialkarzinom besonders weit entwickelt und kann als Vorreiter in der Präzisionsonkologie gesehen werden. Es gibt hier bereits verschiedene Mutationen, nach denen sich klar definierte Therapieentscheidungen richten. Insgesamt gesehen geht es aber bei allen soliden Tumoren sprunghaft voran. Durch die deutliche Verbesserung der Computerleistung ist es inzwischen möglich, innerhalb von Stunden ein komplettes Genom eines Tumors zu sequenzieren. Wir haben also auf der einen Seite hunderttausende Daten und auf der anderen Seite nun auch die Rechnerleistung, um diese Daten zu verarbeiten, sodass wir exponenziell an Wissen für solche Situationen dazugewinnen und die Entwicklung hier Schritt für Schritt vorangeht.

Wird grundsätzlich bei jeder Brustkrebs-Patientin ein genetisches Profil erhoben, sind die Testungen also für alle Betroffenen zugänglich? Oder kann man eine klare Aussage treffen, bei welchen bzw. wie vielen Patientinnen eine molekulare Diagnostik durchgeführt werden sollte? Wie entscheidend sind hier die Kosten der Therapien?

Sicherlich ist das bislang nicht Standard für jede Patientin, sondern immer noch Patientinnen in bestimmten Krankheitssituationen vorbehalten. In der frühen Erkrankungssituation, in der es schließlich auch um Heilung geht, sind wir mit solchen Daten grundsätzlich sehr vorsichtig. Aktuell kommt die molekulare Diagnostik beim Mammakarzinom in der fortgeschrittenen, rezidivierten oder metastasierten Situation zur Anwendung. In Zukunft wird sicherlich ein OnkoPanel oder Next Generation Sequencing, d.h. eine weitergreifende Mutationsanalyse für eine zielgerichtete Therapie, immer häufiger zum Einsatz kommen.

In unserem Zentrum wurde in den vergangenen 2 bis 3 Jahren bei über 150 Patientinnen in der metastasierten Situation ein molekulares Tumorprofiling durchgeführt. Das sind Patientinnen, die nicht auf Therapien angesprochen haben oder einen untypischen Verlauf aufwiesen oder bei denen die nächste Behandlungssequenz nicht klar war.

Wo eindeutige Pathways vorliegen, ist man dagegen immer noch zurückhaltend, z.B. ein Next Generation Sequencing oder ein OnkoPanel einzuleiten. In Zukunft, wenn mehr und speziellere Daten vorliegen, wird die molekulare Diagnostik jedoch sicherlich nicht nur für einzelne, sondern für einen Großteil der Patientinnen zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass die Methoden auch immer preiswerter werden und leichter verfügbar sind.

Wenn Medikamente, die in der metastasierten Situation mit großem Erfolg eingesetzt werden, wie CDK4/6- oder PI3K-Inhibitoren wie z.B. Alpelisib, auch in der frühen Erkrankungsphase noch mehr Patientinnen eine Heilung ermöglichen, wird die Präzisionsmedizin sicher auch in dieser Situation Anwendung finden. Wir erstellen ja auch bereits in der frühen Erkrankungssituation z.B. mit dem Oncotype DX-, dem MammaPrint- oder dem EndoPredict-Test Genexpressionsprofile, womit viel zusätzliche therapeutische Sicherheit erreicht werden kann. Dies ist auch eine Form der individualisierten Therapie, durch die man z.B. den Nutzen einer Chemotherapie vorhersagen und damit ggf. darauf verzichten kann. Genexpressionsprofile gehören in der frühen Erkrankungssituation zum Standard auch in der Behandlung des Mammakarzinoms, um zu klassifizieren, ob diese Patientin zusätzlich eine Chemotherapie braucht; es geht hierbei nicht um die zielgerichtete Therapie.

Bezüglich der Kostenübernahme gab es bei uns bislang wenig Restriktionen. Durch die zügige Entwicklung der molekularen Diagnostik wird diese hoffentlich auch günstiger, sodass Diskussionen zum finanziellen Aspekt nicht nötig sind und wir diese Untersuchungen dann immer mehr Patientinnen anbieten können. Ich hoffe, dass das in naher Zukunft der Fall sein wird. Ob die nahe Zukunft in 2, 3 oder 5 Jahren ist, weiß ich nicht.

Inklusive molekularem Tumorboard, Analyse der Situation und Kos­tenübernahmeanträge sind wir bei etwa 4% der Patientinnen, die wir dann anhand der Analytik mit einem Medikament zielgerichtet versorgen. Eine Studie, die Patientinnen mit einem Mammakarzinom, die eine differente zielgerichtete Therapie anhand des molekularen Tumorboards erhalten, mit denjenigen unter einer Standardtherapie vergleicht, liegt noch nicht vor.

Natürlich haben wir aber sehr gute Beispiele dafür, dass einige Patientinnen seit Jahren in einer stabilen Erkrankungssituation bei guter Lebensqualität sind. Dies kann auch als großer Erfolg gewertet werden. Mit einer anderen Therapie wären diese guten Ergebnisse teilsweise wahrscheinlich nicht erreicht worden. Bei den 4% der Patientinnen, bei denen wir die Präzisionsmedizin anwenden konnten, haben wir also klinisch sehr erfolgreiche Verläufe gesehen.

 
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