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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

10. März 2016 „Weißer Hautkrebs“ – Definition und Therapiemöglichkeiten

Interview mit Prof. Dr. Thilo Gambichler, Hauttumorzentrum der Ruhr-Universität, Bochum.

Um den Unterschied zum malignen Melanom, dem schwarzen Hautkrebs, zu verdeutlichen, spricht man bei Basalzellkarzinomen (Basaliomen) und Plattenepithelkarzinomen der Haut (Spinaliomen) auch von „weißem“ oder „hellem“ Hautkrebs. Obwohl die Inzidenz aller Hautkrebserkrankungen ansteigt, treten besonders letztere immer häufiger auf. Einen Überblick über ihre Eigenschaften und ihre jeweiligen Behandlungsoptionen gibt Prof. Dr. Thilo Gambichler, Leiter des Hauttumorzentrums der Ruhr-Universität, Bochum, in einem Interview mit JOURNAL ONKOLOGIE.

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Prof. Dr. Thilo GambichlerJOURNAL ONKOLOGIE: Herr Prof. Gambichler, welche Formen des „weißen“ Hautkrebses gibt es, und wodurch unterscheiden sie sich?

Gambichler: Der Begriff „weißer Hautkrebs“ (non-melanoma skin cancer) umfasst insbesondere die Hauttumore Basalzellkarzinom und Plattenepithelkarzinom. Das Basalzellkarzinom – das früher auch Basaliom genannt wurde – bildet nur extrem selten Tochtergeschwülste und wird deshalb auch als „semi-maligner“ Tumor betrachtet. Aber es kann infiltrierend durch Haut, Muskeln und Knochen wachsen, so dass es diese Strukturen ohne rechtzeitige Behandlung zerstören kann. Am häufigsten tritt das Basalzellkarzinom in sonnenexponierten Hautarealen auf und braucht meist Jahrzehnte, bis es sich entwickelt. Somit erkranken Menschen zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr am häufigsten am Basalzellkarzinom.

Die Vorstufe des Plattenepithelkarzinoms ist die sog. aktinische Keratose. Sie tritt an jenen Körperstellen auf, die häufig der Sonne ausgesetzt sind, wie Nase, Stirn, Schläfen, Unterlippe und Handrücken. Bei Männern sind auch Ohren, Nacken und gegebenenfalls Glatze besonders gefährdet. Typisch für die aktinische Keratose ist eine schuppige oder krustige Erhebung auf der Hautoberfläche, die sich wie Sandpapier anfühlt. Invasive Plattenepithelkarzinome der Haut, insbesondere großflächigere und/oder dickere Tumore, bergen die Gefahr der Metastasierung in sich. Diese Tumoren sind oft erhaben und haben eine hyperkeratotische, krustige Oberfläche.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie häufig sind die unterschiedlichen Formen?

Gambichler: Die Inzidenz des Basalzellkarzinoms beträgt in Deutschland etwa 170 Neuerkrankungen/100.000 Einwohner/Jahr. Das Basalzellkarzinom ist der häufigste bösartige Tumor weltweit. Die Inzidenz für das Plattenepithelkarzinom beträgt etwa 30 Neuerkrankungen/100.000 Einwohner/Jahr.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Patienten sind hauptsächlich betroffen?

Gambichler: Patienten mit hellem Hauttyp (z.B. Photo-Hauttyp I und II) sowie Patienten mit chronischer, hoher ultravioletter (UV)-Belastung sind in der Regel betroffen. Seltener spielen auch genetische Faktoren eine Rolle, die zu einem vermehrten Auftreten von Basalzell- bzw. Plattenepithelkarzinomen führen (z.B. Gorlin-Goltz-Syndrom, DNA-Reparatur-Defekte).

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Sehen Sie eine Zunahme der Inzidenz?

Gambichler: In den nächsten 30 Jahren ist mit einer erheblichen Zunahme der Inzidenzraten von Hautkrebs zu rechnen. Ein wichtiger Grund hierfür ist der Anstieg der allgemeinen Lebenserwartung. Da der „weiße Hautkrebs“ insbesondere im höheren Alter vorkommt, werden die Inzidenzen bei der zuvor genannten Bevölkerungsentwicklung signifikant zunehmen.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Was sind die üblichen Behandlungsmaßnahmen?

Gambichler: Die Therapie der Wahl ist die vollständige Exzision der Tumore. Zu den anderen Therapieoptionen gehören z.B. Kryochirurgie, Laser, photodynamische Therapie und topische Immunmodulatoren.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie ist die Prognose der Patienten?

Gambichler: Bezüglich der Lebenserwartung ist die Prognose in der Regel gut, wenn man von fortgeschrittenen Stadien des Plattenepithelkarzinoms absieht. Aber die Tumore sind mit einer erheblichen Morbidität verbunden, da sich häufig immer wieder neue Läsionen entwickeln.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie häufig sehen Sie fortgeschrittene Stadien und wie sind diese definiert?

Gambichler: Wir sehen sie insbesondere häufiger bei Transplantationspatienten, also immunsupprimierten Patienten. Bei diesen ist das Auftreten von multiplen Plattenepithelkarzinomen mit sehr aggressivem Verlauf extrem erhöht. Zu den fortgeschrittenen Stadien zählt man Tumore in sehr großer Ausdehnung, die radikale chirurgische Maßnahmen erfordern und/oder Patienten mit Lymphknoten- oder Fernmetastasierung.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wieso kommt es überhaupt zu so weit fortgeschrittenen Stadien?

Gambichler: Patienten in fortgeschrittenen Stadien sind oft solche, die aus ländlichen, medizinisch unterversorgten Gegenden kommen, in denen kaum ein Problembewusstsein gegenüber Hauttumoren besteht. Darüber hinaus sehen wir – wie oben bereits erwähnt – häufiger fortgeschrittene Stadien bei immunsupprimierten Patienten.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie ändert sich das therapeutische Vorgehen in solchen fortgeschrittenen Fällen? Gibt es dann spezielle chirurgische und systemische Maßnahmen?

Gambichler: Wie bereits o.g., sind oft radikale, teils auch entstellende chirurgische Maßnahmen notwendig. Je nach Manifestation der Tumorerkrankung gehören Lymphadenektomien, Strahlentherapie sowie palliative Chemotherapien ebenfalls zum Therapiearsenal.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wo sind hier die Grenzen der chirurgischen Möglichkeiten erreicht?

Gambichler: Grenzen der chirurgischen Behandlungsmöglichkeiten sind z.B. dann erreicht, wenn ein Verschluss oder die Deckung einer Wunde nicht möglich ist und/oder wo zu große funktionelle Einbußen zu befürchten sind.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Kann durch neoadjuvante Behandlung eine sekundäre Resektabilität erreicht werden?

Gambichler: In ausgewählten Fällen gibt es auch neoadjuvante Therapieansätze.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Mittlerweile gibt es mit Vismodegib (Erivedge®) ein Medikament zur Behandlung des „weißen Hautkrebses“. Können Sie uns etwas über die Wirkungsweise sagen und bei welchen Subtypen es wirkt?

Gambichler: Vismodegib ist ein neuer Wirkstoff für Patienten mit metastasiertem oder lokal fortgeschrittenem Basalzellkarzinom. Die Zulassung gilt für Erwachsene, bei denen eine Operation oder Strahlentherapie nicht geeignet ist. Das niedermolekulare Vismodegib ist der erste Vertreter der neuen Wirkstoffklasse der Hedgehog(Hh)-Signalweg-Inhibitoren. Der Hh-Signalweg spielt eine wichtige Rolle in der humanen Embryogenese und kontrolliert Zellwachstum und -differenzierung. Physiologischerweise bindet das Protein Hedgehog an das PTCH-Protein der Zelle und unterbricht dessen Hemmwirkung auf den 7-Transmembranrezeptor Smoothened (SMO). Damit wird die Hh-Signalkaskade unterhalb von SMO aktiviert und über Transkriptionsfaktoren letztlich die Genexpression angeregt. Bei Erwachsenen ist der Signalweg normalerweise inaktiv. Mutationsbedingt (bei 90% der Basalzellkarzinome) kann er jedoch aktiviert sein. Vismodegib bindet spezifisch an den Rezeptor SMO und inhibiert damit die Aktivierung der Signaltransduktion, was zu einer Rückbildung des Tumors führen kann.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Gibt es bestimmte Kriterien, die auf ein erhöhtes Metastasierungsrisiko beim Plattenepithelkarzinom hinweisen?

Gambichler: Der Tumordurchmesser und die Tumordicke sowie der Differenzierungsgrad und andere histologische Kriterien spielen eine große Rolle bei der Metastasierungswahrscheinlichkeit von Plattenepithelkarzinomen. Ebenso auch bestimmte Risikolokalisationen (Ohr, Lippe). Die chronische Immunsuppression spielt genauso eine große Rolle.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Metastasieren nur große Basalzellkarzinome, oder ist das Metastasierungsrisiko unabhängig von der Tumorgröße?

Gambichler: Der Tumordurchmesser ist das derzeit am besten evaluierte Kriterium für eine Metastasierungsrisikobewertung beim Basalzellkarzinom.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Unter einer BRAF-Therapie bei Patienten mit malignem Melanom können gelegentlich sekundär Plattenepithelkarzinome auftreten. Es wurde beobachtet, dass dies seltener der Fall ist, wenn die BRAF- mit einer MEK-Inhibition kombiniert wird. Wie ist dies zu erklären?

Gambichler: Dies ist zu erklären durch eine paradoxe Stimulation des MAPK-Signalwegs in Keratinozyten, die keine BRAF-, sondern eine RAS-Mutation aufweisen.

 

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie werden diese Fälle behandelt?

Gambichler: Diese Tumore sind meist sehr gut differenziert und unproblematisch. Eine einfache Exzision ist ausreichend.
 

JOURNAL ONKOLOGIE: Was für präventive Maßnahmen gibt es gegen die Entstehung von Hauttumoren?

Gambichler: An erster Stelle ist hier der UV-Schutz zu nennen. Sekundäre Maßnahmen bestehen aus regelmäßen dermatologischen Kontrollen insbesondere bei Hochrisikopatienten.


Vielen Dank für das Gespräch!


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