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20. Februar 2012 Länger leben mit Bauchspeicheldrüsenkrebs: Aktiv leben durch moderne Therapien

Vor drei Jahren erhielt Klaus Pescher die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, fortgeschrittenes Stadium. Dank eines zielgerichteten Wirkstoffes bekam er die Krankheit in den Griff. Heute fühlt er sich gesund und fit.

Zwar war Klaus Pescher mit seinem Körpergewicht nicht ganz zufrieden – immerhin wog er über 85 Kilo. Aber als er ohne eigenes Zutun sieben Kilo innerhalb von sechs Wochen verlor, wurde er doch nervös. „Das war mir zu viel. Meine Frau sagte: Damit musst du zum Arzt gehen“, erinnert sich der 68-Jährige aus Köln. Gesagt, getan. Der Arzt untersuchte ihn, nahm Blut ab, prüfte die Blutzuckerwerte. Das Ergebnis war alles andere als positiv: Bei der Diabeteskontrolle kam heraus, dass der Patient einen Blutzuckerwert von 385 mg/dl hatte. Normal wäre ein Wert bis zu 140 mg/dl. Klaus Pescher erinnert sich: „Sie müssen sofort ins Krankenhaus, sagte der Arzt und schrieb mir eine Überweisung. Da ich aber überhaupt keine Beschwerden hatte, bin ich erst am nächsten Tag zum Krankenhaus gefahren. Inzwischen war der Wert auf 495 gestiegen.“

 

Im Krankenhaus suchten die Ärzte nach der Ursache für die hohen Blutzuckerwerte. Eine Computertomographie brachte Klarheit. Es lag ein Schatten auf der Bauchspeicheldrüse. Die Diagnose lautete Krebs. Eine Operation war unausweichlich. Für den chirurgischen Eingriff ließ sich Klaus Pescher nach Heidelberg verlegen. Eine Bekannte hatte ihm dort eine Klinik empfohlen. Doch die Operation brachte nicht die ersehnte Heilung. Im Gegenteil: „Die Chirurgen haben dann gesehen, es sind Metastasen da, also Tochtergeschwulste. Und deshalb konnten sie chirurgisch nichts mehr für mich tun“, berichtet der Patient. Der Schock war groß: „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen. Meine Frau und ich weinten.“ Doch der Arzt beruhigte ihn: Auch wenn der Tumor nicht mehr operabel sei – man könne mit Medikamenten noch sehr viel tun. Es gebe einen neuen Wirkstoff, der das Leben der Patienten verlängern könne.

 

Damit Klaus Pescher nicht alle 14 Tage nach Heidelberg kommen muss, wandte er sich an die Universitätsklinik Köln. Dort wurde der moderne Wirkstoff Erlotinib im Rahmen einer Studie getestet. Diese Behandlung zählt zu den so genannten zielgerichteten Therapien und ist mittlerweile auch in Deutschland zugelassen. Der Ansatz ist ganz anders als bei der Chemotherapie, wie Dr. Dirk Waldschmidt, Oberarzt für Gastroenterologie und Hepatologie an der Uniklinik Köln, erklärt: „Die Chemotherapie wirkt unspezifisch auf zahlreiche Zellen im menschlichen Körper und versucht, alle sich schnell teilenden Zellen zum Absterben zu bringen. Daraus erklären sich auch die Nebenwirkungen: Magenschleimhautzellen, Mundzellen und Haarzellen teilen sich schnell – Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Haarausfall sind die Folge.

 

Der Wachstumshemmer Erlotinib wirkt dagegen vor allem an den Tumorzellen selbst. „Die Krebszelle an sich ist für den Körper eigentlich kein großes Problem“, weiß Dr. Waldschmidt. „Die Schwierigkeit beginnt mit der schnellen und unkontrollierten Vermehrung der Krebszellen. Denn bei diesen Zellen finden sich Rezeptoren, an denen gewisse Enzyme andocken können, um ein Vielfaches häufiger als bei normalen Körperzellen. Durch dieses Andocken kommt es zur Zellteilung und durch die Zellteilung zur Vermehrung. Aus einer Zelle werden zwei, aus zwei vier und so weiter. Und der Tumor wird immer größer. Wir wissen mittlerweile, wie die Signalwege funktionieren und können sie mit Hilfe moderner Medikamente gezielt durchbrechen. Dadurch werden die Tumorzellen daran gehindert, sich weiterhin unkontrolliert zu vermehren.“ Dieses Medikament – ein so genannter Wachstumshemmer - gibt es als Tablette. Es kann nachweislich das Überleben von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs verlängern.

 

Erlotinib wird begleitend zu dem Chemotherapeutikum Gemcitabin eingesetzt. Diese Behandlung wird in der gemeinsamen Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften zur Therapie von Bauchspeicheldrüsenkrebs empfohlen. Dabei wird die Chemotherapie als Infusion zu Beginn wöchentlich über sieben Wochen gegeben. Nach einer Woche  Therapiepause werden weitere 3-wöchige Therapiezyklen, jeweils gefolgt von einer einwöchigen Therapiepause, angeschlossen. Die Erlotinib-Tablette wird ohne Unterbrechung einmal täglich eingenommen. Weil Klaus Pescher an einer Studie teilnimmt, konnte er sogar vollständig auf Infusionen verzichten. Stattdessen erhielt er die begleitende Chemotherapie namens Capecitabin ebenfalls in Tablettenform. Einmal pro Woche muss Klaus Pescher in die Klinik kommen. Sein Arzt prüft, wie er die Tabletten verträgt und ob es Nebenwirkungen gibt. Denn einziger Wermutstropfen ist: Eine charakteristische Hautreaktion zeigt, dass Erlotinib gut wirkt. Auch Klaus Pescher bekam trockene Haut und eine Hautreaktion am Kinn. Die Hautreaktion kann mit rückfettenden Cremes und, falls diese nicht helfen, mit cortisonhaltigen Salben oder Antibiotika gut behandelt werden.

 

Mit den Nebenwirkungen kann Klaus Pescher gut leben: „Ich sage bewusst gut leben, denn es gibt sowieso nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich lehne die gesamte Therapie ab, dann kann ich mir ungefähr ausrechnen, wie lang ich noch zu leben habe, oder ich nehme kleine Einschränkungen in Kauf. Es ist eben so, wie man in Köln sagt: Et es wie et es.“

 

Drei Jahre sind seit der Diagnose „Bauchspeicheldrüsenkrebs“ vergangen. Allein das sei schon „ein riesiger Therapieerfolg“, betont Waldschmidt. „Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs sind die Überlebenschancen meist nicht sehr gut. Drei Jahre habe ich jetzt hinter mir“, wie Klaus Pescher meint. Er blickt lieber weiter und nimmt jetzt die nächsten Jahre in Angriff. Pescher schöpft großen Mut aus der Tatsache, dass der Tumor nicht größer geworden ist, wie regelmäßige CT-Untersuchungen zeigen. Das Blutbild ist stabil, die Leberwerte hervorragend.

 

Klaus Pescher freut sich: „Im Prinzip fühle ich mich überhaupt nicht krank, da ich keinerlei Schmerzen und nichts habe. Das Einzige, was mich dann an die Krankheit erinnert, sind die Tabletten, die ich regelmäßig nehme.“ Er kann alles unternehmen, auch wegfahren. Dann werden die wöchentlichen Arztbesuche mit Zustimmung seines Arztes auch schon mal gelockert. Er genießt ganz unabhängig sein Leben beim Camping mit Caravan, hat Dauerkarten fürs Eishockey und fährt gern Motorrad. Die notwendige Kraft für sein aktives Leben zieht Klaus Pescher aus seiner positiven Lebenseinstellung: „Man darf nicht dauernd an die Krankheit denken, man sollte vor allem optimistisch in die Zukunft sehen und auch positiv leben“. Sein Arzt verrät uns: „Er versucht aus allem das Beste zu machen“. Dass er diese Unabhängigkeit trotz Krebserkrankung genießen kann, hat er der modernen Therapie in Tablettenform zu verdanken. Davon ist Klaus Pescher, wie er sagt, „begeistert.“


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