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Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

29. September 2016 Forschung für besseren Schutz vor Gebärmutterhalskrebs

Humane Papillomviren, kurz HPV, sind die häufigsten sexuell übertragenen Viren der Welt. Einige Virentypen können Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und andere Krebsarten verursachen. Wissenschaftler kooperieren jetzt in einer neuen Studie, um ein HPV-Typ-spezifisches Modell für den Krankheitsverlauf von HPV-Infektionen zu entwickeln. Dazu werden klinische Daten aus großen populationsbasierten Studien der Frauenklinik Wolfsburg in Zusammenarbeit mit einer epidemiologischen Arbeitsgruppe vom HZI ausgewertet. Die Studie wird von der Niedersächsischen Krebsgesellschaft mit 15.000 Euro gefördert und soll es zukünftig erlauben, die Vorsorge- und Screeningstrategien für HPV-Infektionen anzupassen.
Humane Papillomviren sind eine Gruppe von DNA-Viren, die Zellen der Haut und verschiedener Schleimhäute befallen und diese zu unkontrolliertem Wachstum treiben können. Bisher sind über 150 HPV-Typen bekannt. Sogenannte Niedrigrisiko-Typen verursachen vorwiegend harmlose Genitalwarzen, Hochrisiko-Typen können bei lang anhaltender Infektion Gebärmutterhalskrebs auslösen.

„Es ist nach aktuellen Untersuchungen sehr wahrscheinlich, dass die meisten Krebserkrankungen des Gebärmutterhalses auf HPV-Infektionen beruhen, die vor dem 30. Lebensjahr erworben wurden. Später ist die Gefahr einer Neuinfektion relativ gering“, sagt Prof. Dr. Karl Ulrich Petry, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Wolfsburg. Diese Ergebnisse stammen aus einem HPV-Screening-Pilotprojekt, welches seit 2006 am Klinikum Wolfsburg mit bisher 23.000 Teilnehmerinnen läuft. Seit 2009 koordinierte Petry außerdem zwei große epidemiologische Studien mit 2300 Frauen in Wolfsburg. Durch den dabei durchgeführten HPV-Test kann man feststellen, ob eine Frau mit Viren aus der Hochrisiko-Gruppe infiziert ist. Bei diesen Frauen ist es statistisch wahrscheinlicher, dass sich Veränderungen des Gebärmutterhalses entwickeln oder bereits vorliegen, die zu einer Krebsvorstufe oder Krebs führen könnten.

Bisher sind die genauen Zeitabläufe der HPV-Infektion für die meisten Genotypen aber noch ungeklärt. In der neuen Kooperation zwischen dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung und der Frauenklinik in Wolfsburg wollen die Wissenschaftler jetzt untersuchen, wann Neuinfektionen mit den unterschiedlichen HPV-Genotypen in Abhängigkeit vom Alter erworben werden. Zudem analysieren die Wissenschaftler, ob verschiedene Risikofaktoren, zum Beispiel das Alter, Tabakkonsum oder die Anzahl der Kinder, eine Infektion begünstigen könnten. „Wenn wir die Dynamik besser verstehen, mit der HPV-Infektionen je nach Genotyp zu Krebsvorstufen führen, können wir die Präventions- und Screeningstrategien anpassen“, sagt Petry.

„Durch die Wolfsburger Kohortenstudien haben wir eine hervorragende Datenbasis für eine epidemiologische Auswertung erhalten“, sagt Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk, Leiter der Arbeitsgruppe Epidemiologische und statistische Methoden am HZI. „Mit diesen klinischen Daten können wir jetzt den natürlichen Krankheitsverlauf einer HPV-Infektion simulieren und die Entwicklung der Krebsvorstufen und deren Voranschreiten gut abbilden.“

Die HZI-Arbeitsgruppe greift dabei auf umfangreiche Erfahrungen in der dynamischen Modellierung der potenziellen Auswirkungen der Impfung gegen humane Papillomviren zurück. Die Arbeiten wurden im Rahmen eines vom Robert-Koch-Institut geförderten Projektes durchgeführt. Die Ergebnisse stützten die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zur Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs.

Nun geht es den Forschern darum, den effektiven HPV-Test und die HPV-Impfung in einer sinnvollen Empfehlung zu kombinieren. „Das fertige HPV-Modell wird es uns erlauben, optimale Zeitpunkte für Screening-Untersuchungen und HPV-Impfungen festzulegen“, sagt Petry. „Dadurch wird es möglich sein, Gebärmutterhalskrebs in ein bis zwei Generationen in Europa weitestgehend auszuradieren. Die Ergebnisse aus der neuen Studie werden dazu beitragen.“
„Wir fördern diese sinnvolle Studie, weil sie ein exzellentes Beispiel dafür ist, wie Forschung mit gesellschaftlicher Relevanz in die Klinik transportiert werden kann – für zukünftige präventive Maßnahmen“, sagt Prof. Jörn Hilfrich, Vorstandsmitglied der Niedersächsischen Krebsgesellschaft e.V.

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Literatur:

Luyten A, Buttmann-Schweiger N, Luyten K et al. Int J Cancer. 2014 Sep 15;135(6):1408-16. DOI: 10.1002/ijc.28783. Epub 2014 Feb 27.
Petry KU, Luyten A, Justus A, Iftner A et al. BMC Infect Dis. 2013 Mar 13;13:135. DOI: 10.1186/1471-2334-13-135.
Horn J, Damm O, Kretzschmar ME et al. Vaccine. 2013 May 1;31(19):2372-80. DOI: 10.1016/j.vaccine.2013.03.006. Epub 2013 Mar 18. 


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