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Medizin

20. Juni 2017 Zentralität vs. Dezentralität – was dient der Versorgungsgerechtigkeit?

Bei schwerwiegenden und komplexen Erkrankungen, wie bei Tumorerkrankungen, stellt sich für Patienten schnell die Frage: Wie und vor allem wo werde ich am besten behandelt? Haben Menschen aus ländlichen Regionen die gleiche Chance auf eine bestmögliche medizinische Versorgung wie die aus München oder Berlin? Ist es wichtig, Kompetenz in Krankenhäusern oder thematisch spezialisierten Zentren zu bündeln? Erreicht man eine qualitative Verbesserung, wenn bestimmte Leistungen in einer Hand bleiben? Oder müssen eher Wege gefunden werden, die medizinisches Fachwissen in die breite Fläche bringen, damit alle Patienten auf kurzem Weg einen bestmöglichen Zugang zu innovativen Therapien erhalten? Daher stellt sich in der Krebsmedizin die Frage: Wie viel Zentralisierung brauchen wir, welche Formen sind eher kontraproduktiv?
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Pro und Contra zum Thema zentrale Strukturen aus Sicht des Bundesverbandes Deutscher Pathologen e.V.

„Auf der Ebene der onkologischen Krebszentren ist die Bündelung von Know-how und technischer Ausstattung ausgesprochen wichtig“, erklärt Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Bürrig, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Pathologen. „Bundesweit gibt es mehr als 1.200 zertifizierte Krebszentren, in denen Patienten von einem erfahrenen interdisziplinären Team behandelt werden, das die komplexen Krankheitsbilder kennt und die richtigen Therapiewege bahnt. Zu viel Zentralisierung oder an der falschen Stelle schadet dagegen.“

Jede Krebsdiagnose erfolgt durch erfahrene Pathologen

Bei dem Versuch, Qualität zu sichern und zu optimieren, geht es immer auch um die Strukturen der Gesundheitsversorgung. Im vergangenen Jahr schrieb die AOK beispielsweise die prätherapeutische BRCA-Diagnostik bei Brustkrebs zentral aus. Etwa 5% aller Mammakarzinome sind Folge einer Mutation im BRCA1- oder BRCA2-Gen. Alle Krebszentren sollten – so der Wunsch der Kasse – entsprechende Untersuchungen von Gewebeproben nicht mehr ihrem Kooperationspartner aus der Pathologie zuweisen, sondern ausschließlich einem Institut, welches den Zuschlag für die Diagnostik durch die AOK erhielt. Folge ist nun, dass beispielsweise behandelnde ÄrztInnen in Lübeck einen „Laborwert“ aus Süddeutschland zugesandt bekommen, ohne Interpretation und Kenntnis über den konkreten und individuellen Krankheitsverlauf der Patienten.

„Dieser Ansatz von mehr Zentralisierung war kontraproduktiv. Zum einen, weil die Tumorzentren dadurch in ihrer Kompetenz beschnitten wurden. Viel wichtiger ist aber zu betonen, dass die BRCA-Analyse kein reiner Laborwert ist. Ohne die Integration der Befunde in eine umfassenden diagnostische Beurteilung  eines erfahrenen Pathologen ist keine aussagefähige Krebsdiagnose zu stellen“, so Prof. Bürrig. „Im Labor ermittelte Werte müssen in Verbindung mit der klassischen feingeweblichen Beurteilung interpretiert werden. Daten sind keine Diagnosen. Auch bei gleichen im Labor analysierten Ergebnissen können unterschiedliche Tumorarten vorliegen. Dies kann nur der Pathologe feststellen und daraus die im Einzelfall sinnvolle Therapieempfehlung ableiten.“

Versorgungsgerechtigkeit zählt

Aus Sicht des Berufsverbandes braucht eine qualitätsgesicherte medizinische Versorgung von Krebspatienten sowohl zentrale als auch dezentrale Strukturen. Neben den Kompetenzzentren mit hochspezialisierter Ausstattung und großer Nähe zu neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen wird ein engmaschiges, flächendeckendes Netz von MedizinerInnen und Krankenhäusern benötigt, damit aktuelles Wissen in der Fläche bei den Patienten ankommt. Das Ziel ist Versorgungsgerechtigkeit. Unabhängig, ob Patienten im Norden oder im Süden, im Westen oder im Osten der Republik wohnen, sollen sie bei gleichem Krankheitsbild die gleiche Behandlung erhalten und sich gleichermaßen in medizinisch besten Händen wissen.

Noch ist der Weg von der Diagnostik zum Krankenbett oft weit. Neue Diagnose- und Behandlungsverfahren brauchen Zeit, bis verlässliche Daten bezüglich ihrer Wirkung im Versorgungsalltag vorliegen und ihre Vorteile gegenüber etablierten Standards bewiesen sind. Hier geht es wiederum um die Schaffung effektiver zentraler Strukturen, indem alle Leistungserbringer vernetzt werden und sie ihre Behandlungsdaten in klinischen Krebsregistern verbindlich dokumentieren.

Quelle: Bundesverband Deutscher Pathologen


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