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Medizin
02. Dezember 2020

Update Krebsimmuntherapie: Neuer Standard beim HCC / protektiver Effekt auf ZNS-Metastasen beim ES-SCLC

Das Immunsystem wirkungsvoll unterstützen und körpereigene Abwehrmechanismen gegen Tumorzellen aktivieren – das sind wesentliche Ziele moderner Krebsimmuntherapien. So hat beispielsweise die Zulassung von Atezolizumab (Tecentriq®) in Kombination mit Chemotherapie, die Behandlung von Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium („extensive stage“, ES-SCLC) nach über 20 Jahren des therapeutischen Stillstands revolutioniert. Nun zeigt eine aktuelle Analyse der Zulassungsstudie IMpower133, dass Patienten unter der Kombinationstherapie zudem von einem protektiven Effekt im zentralen Nervensystem (ZNS) profitieren (1).
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Auch für Patienten mit fortgeschrittenem oder nicht resezierbarem hepatozellulärem Karzinom (HCC) setzt die kürzlich erfolgte Zulassung von Atezolizumab in Kombination mit Bevacizumab (Avastin®) einen neuen Therapiestandard nach über einer Dekade ohne therapeutischen Fortschritt: Die systemische First-Line-Therapie ist im Vergleich zum Tyrosinkinaseinhibitor (TKI) Sorafenib in allen Endpunkten signifikant überlegen – und das bei längerem Erhalt der Lebensqualität (2). Über die aktuellen Entwicklungen beim HCC und ES-SCLC sprachen Experten auf dem 17. AIO-Herbstkongress.

„Auf die Neuzulassung einer wirksamen Therapie beim HCC haben wir lange gewartet. Die Daten sind sehr eindrucksvoll, sodass wir mit Atezolizumab und Bevacizumab beim HCC in der First-Line einem neuen Therapiestandard entgegenblicken“, erläutert Dr. Dirk Waldschmidt, Köln, den Stellenwert der Zulassung. Nach mehr als zehn negativen Phase-III-Studien gegen den bisherigen Standard Sorafenib zeigte die Studie IMbrave150 erstmals einen statistischen und klinisch bedeutsamen Vorteil durch die Behandlung mit Atezolizumab und Bevacizumab beim HCC, bei einer gleichzeitig guten Verträglichkeit (2, 3). „Das HCC ist ein häufiges Karzinom, mit rund 9.000 Neuerkrankungen und 8.000 Sterbefällen pro Jahr ist der medizinische Bedarf sehr hoch. Mit der Kombination haben wir nun seit langer Zeit wieder die Chance unseren Patienten eine wirksame Verbesserung im fortgeschrittenen Stadium anzubieten“, so Dr. Waldschmidt.

Durchbruch nach über einer Dekade ohne therapeutischen Fortschritt

„Einer raschen Aufnahme der neuen Kombinationstherapie in die Leitlinien sollte nichts im Wege stehen“, resümiert Dr. Waldschmidt. Das Mortalitätsrisiko bei HCC-Patienten war mit der Kombinationstherapie um 42% reduziert (OS: NE vs. 13,2 Monate im Sorafenib-Arm; HR: 0,58; 95%-KI: 0,42 – 0,79; p=0,0006). Der signifikante Vorteil, ebenfalls für das PFS (p < 0,0001), wurde bei gleichzeitig längerem Erhalt der Lebensqualität im Vergleich zu Sorafenib erreicht (11,2 vs. 3,6 Monate; HR: 0,63; 95 %-KI: 0,46 – 0,85) (2). „Nicht nur die überzeugende Verbesserung der Wirksamkeit, sondern auch die Verlängerung der Lebensqualität tragen zu dem lang erwarteten therapeutischen Durchbruch beim HCC bei“, erläutert Dr. Waldschmidt. „Da bei den meisten HCC-Patienten eine begleitende Leberzirrhose vorliegt, sollte aber eine regelmäßige Kontrolle der Leberfunktion und vor Therapiebeginn bei allen Patienten ein Screening auf Ösophagusvarizen durchgeführt werden“, beschreibt der Experte. „Bei Vorhandensein von Varizen sollte vor der Anwendung der Krebsimmuntherapie eine adäquate Behandlung durchgeführt sein.“

ES-SCLC: Doppelt so lange ohne ZNS-Progress durch Krebsimmuntherapie

„Das Auftreten von ZNS-Metastasen bei Patienten mit kleinzelligem Lungenkarzinom im fortgeschrittenen Stadium ist ein weiterer prognostisch ungünstiger Faktor, dem wir jetzt vorbeugen können“, erläutert Dr. Claas Wesseler, Hamburg. Diese Form des Lungenkarzinoms gilt als sehr aggressiv und bildet früh Metastasen. Bereits mehr als 10% der Patienten weisen bei der Diagnose ZNS-Metastasen auf und mehr als 50% der Betroffenen entwickeln diese in weniger als 2 Jahren (4). 

Eine explorative Analyse der Zulassungsstudie IMpower133 zeigte nun präventive Effekte der Kombinationstherapie auf den intrakraniellen Progress: In der ITT-Population waren die Patienten unter der Kombinationstherapie etwa doppelt so lange ohne intrakranielle Progression wie unter alleiniger Chemotherapie (median 20,2 vs. 10,5 Monate; HR: 0,66; 95%-KI: 0,44 – 1,00; p = 0,046) (1). „Zum ersten Mal haben wir valide Daten, die zeigen, dass auch dem Progress häufig auftretender ZNS-Metastasen beim ES-SCLC entgegengewirkt werden kann“, schildert Dr. Wesseler. „Dabei profitieren die mit der Kombinationstherapie behandelten Patienten unabhängig von einer prophylaktischen Schädelbestrahlung.“ Darüber hinaus konnte der Progress neuer Läsionen u.a. in Lunge, Lymphknoten, Leber, Nebenniere, Knochen sowie Pleura unter der Kombinationstherapie ebenfalls um rund 13% reduziert werden. „Die Risikoreduktion des intrakraniellen Progresses durch Atezolizumab ist bemerkenswert und bestätigt die Kombinationstherapie als Standard für alle ES-SCLC-Patienten“, resümiert Dr. Wesseler.

Quelle: Roche

Literatur:

(1) Wesseler C., AIO 2020, oral presentation
(2) Waldschmidt D., AIO 2020, oral presentation
(3) Finn RS et al., N Engl J Med 2020; 382(20): 1894-1905
(4) TECENTRIQ (atezolizumab) (summary of product characteristics). Grenzach Wyhlen, Germany: Roche Registration GmbH; 2020


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