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Medizin

09. März 2017 Neue Ansätze für die Patientenversorgung: Tumorboards und Onko-Lotsen

Eine halbe Million Menschen erhalten jährlich in Deutschland die Diagnose Krebs, Tendenz steigend. Die Wissenschaft passt sich an, entwickelt hervorragende molekulargenetische Diagnoseverfahren und immer passgenauere Therapien für den einzelnen Erkrankten. Doch die Innovationen kommen in der Praxis nicht allen Patienten zugute, die profitieren könnten. Visionäre wollen das ändern.
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Ein Arbeitskreis aus Vertretern von Medizin, Politik, Wissenschaft, Krankenkassen und Selbsthilfe hat anderthalb Jahre beraten, wie dem Problem zu begegnen ist. Im Ergebnis legten Teilnehmer dieser Elefantenrunde in einer Pressekonferenz der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) ein Positionspapier vor, das eine grundlegend neue Form der onkologischen Versorgung zum Inhalt hat. „Ich bin froh, dass wir über alle Interessensgegensätze einen tragfähigen Konsens gefunden haben“, äußerte die Juristin Karin Maag, Mitglied der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag.

Die Experten sind überzeugt, dass es notwendig ist, sektorenübergreifende onkologische Netzwerke zu errichten, in denen Kliniken, Praxen, aber auch Patientenorganisationen mitarbeiten. Diese Netzwerke sollen mit den bereits bestehenden Zentren (z.B. den Comprehensive Cancer Centres) eng zusammenarbeiten, Verdrängung soll es nicht geben. Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung ist auszubauen. „Der Paragraf 116b muss mehr Zug bekommen“, so die Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar (SPD).

Im Rahmen der Netzwerke schlagen die 19 Autoren des Positionspapiers auch die Einrichtung einer „interdisziplinären translationalen Therapiekonferenz“ vor, der Vertreter aller an der Therapie und Behandlung beteiligten Berufsgruppen und Fachrichtungen sowie Vertreter der Selbsthilfe angehören. In diesen Tumorboards sollen Fälle von Patienten besprochen werden, deren onkologische Erkrankung eine aufwändige molekulare Diagnostik und eine dementsprechend komplexe Therapiestrategie erfordert. Vermutet z.B. ein Arzt, sein Patient kann von einem bestimmten Medikament oder einer Medikamentenkombination profitieren – obwohl der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) aufgrund fehlender Daten für die Substanz keinen Zusatznutzen beschieden hat – kann er ihn an das Tumorboard überweisen. Die Mitglieder beraten dann, ob die Therapie genutzt werden sollte. Voraussetzung für eine Anwendung ist allerdings, dass Arzt und Patient einer Dokumentation der Behandlungsdaten für das Klinische Krebsregister zustimmen. Ziel ist schließlich eine „integrierte, Wissen generierende onkologische Forschung“, die auch dem G-BA neue Daten für die Nutzenbewertung liefert und damit ggf. einen raschen Transfer medizinischer Innovationen in die Regelversorgung unterstützt.

„Die Patienten wollen einen schnellen Marktzugang bei Innovationen, aber unter sicheren Bedingungen“, unterstrich Ralf Rambach vom Haus der Krebs-Selbsthilfe-Bundesverband die Vorschläge der Arbeitsgruppe. Prof. Dr. med. Michael Hallek, Direktor des Zentrums für Integrierte Onkologie Köln Bonn, zeigte sich überzeugt, dass das Modell der Tumorboards eine große Relevanz für den Versorgungsalltag entwickeln wird, denn es könne heute „selbst für einen gut informierten Arzt zur Kunst werden, die richtige Therapie zu empfehlen." Arzt und Patient bräuchten viel Wissen, oft aber gebe es zu wenige Daten. „Das Modell gilt übrigens für viele Felder in der Medizin, wo Innovationen eine Rolle spielen“, so Prof. Hallek.

Zur Erweiterung der Datenbasis drängt der Arbeitskreis auch auf eine umfassende und gemeinsame Nutzung von relevanten, bildgebenden, biologischen oder molekulargenetischen Daten (Omics). Die notwendigen Strukturen zum Austausch müssten zeitnah geschaffen und praxistauglich werden. Die Weiterleitung der Daten in klinische Krebsregister sei durch den Staat hoheitlich sicherzustellen, um deren Sicherheit und Verfügbarkeit zu gewährleisten.

Ein weiterer Vorschlag betrifft „Patienten-Navigatoren“ und „Onko-Lotsen“. Diese sollen Patienten zukünftig von der Diagnose an durch die gesamte Versorgung begleiten. Lotsen können Mitarbeiter von Einrichtungen sein, aber auch Vertreter der Selbsthilfeverbände. Konkret hat sich die Arbeitsgruppe hierzu nicht festgelegt. Vorgeschlagen wird für Patienten mit einer potenziell lebensbedrohlichen Erkrankung zudem die Möglichkeit der Prähabilitation. Das heißt, sie sollen – sofern keine sofortige medizinische Intervention erforderlich ist – an einer fünftägigen Schulung mit psychotherapeutischen, psychosozialen, sozialrechtlichen und medizinischen Inhalten teilnehmen können.

Weiterhin vorgeschlagen wird, die Basisdaten aus den Klinischen Krebsregistern zusammenzuführen und über eine einheitliche Qualitätsberichterstattung öffentlich zu machen. Die psychookologische Versorgung soll entsprechend dem Nationalem Krebsplan auch die Regelversorgung werden.

Die Experten erhoffen, mit ihrem Konzept, welches konkrete Vorschläge für gesetzgeberische Maßnahmen beinhaltet, spätestens in der nächsten Legislatur bei der Politik Gehör zu finden.    
 
Cornelia Kolbeck

Quelle: Pressekonferenz: „Zukunft der onkologischen Versorgung“; 6.3.2017, Berlin, Veranstalter: Deutsche Krebsgesellschaft


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