Donnerstag, 22. April 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Prevymis
Prevymis
Medizin
14. August 2015

Mammographie-Screening: Kollektive Intelligenz verbessert Diagnostik

Brustkrebs ist der am häufigsten diagnostizierte Krebs bei Frauen. Breit angelegte Mammographie-Screening-Programme haben zum Ziel, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Doch auch wenn wie üblich zwei Ärzte die Röntgenaufnahmen beurteilen, führt das häufig zu falschen Entscheidungen: Etwa 20% der Patientinnen, die zum Zeitpunkt des Screenings Krebs haben, werden als krebsfrei diagnostiziert, rund 20% der Patientinnen, bei denen Krebs diagnostiziert wird, sind zum Zeitpunkt der Diagnose krebsfrei. Eine neue Studie zeigt nun, dass sich mithilfe kollektiver Intelligenz deutliche Verbesserungen in der Brustkrebsdiagnose erzielen lassen.

„Bereits fünf unabhängige Einschätzungen von Ärzten genügen, um die Befundgenauigkeit bei der Brustkrebsdiagnose erheblich zu verbessern“, sagt Dr. Max Wolf vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Gemeinsam mit einem interdisziplinären Team untersuchte der Verhaltensbiologe, wie sich das Brustkrebs-Screening mit Methoden der kollektiven Intelligenz verbessern lässt. „In der Regel wird ein Mammogramm von zwei Ärzten untersucht“, erklärt er. „Wir wollten herausfinden, ob ein Ansatz, der die unabhängigen Einschätzungen von mehreren, sagen wir drei, fünf oder sogar zehn Ärzten berücksichtigt, deutlich bessere Ergebnisse erzielen kann.“

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler einen der international umfangreichsten Mammographie-Datensätze, in dem über einhundert Radiologen unabhängig voneinander jeweils mehr als einhundert Mammogramme beurteilten. Neben diesen über 15.000 Beurteilungen berücksichtigten sie dabei auch den tatsächlichen Gesundheitsstatus der Patientinnen.

Kollektive Einschätzung verhindert falsche Befunde

Auf Grundlage dieser Daten konnten die Forscher zeigen, dass bereits fünf unabhängige Befunde zu einem Ergebnis führen, das selbst die Genauigkeit des besten Arztes deutlich übertrifft. Die einzelnen Einschätzungen der verschiedenen Ärzte werden hierfür mithilfe einfacher Schwarmintelligenz-Regeln wie der Mehrheitswahl oder der Quorumswahl integriert. Das Ergebnis: im Vergleich zu dem jeweils besten Arzt konnten auf diese Weise sowohl die Anzahl der falsch positiven Befunde (Krebsdiagnose, obwohl kein Krebs vorliegt), als auch die Anzahl der falsch negativen Befunde (Diagnose krebsfrei, obwohl Krebs vorliegt) gesenkt werden.

„Das Verfahren ist sehr einfach und ließe sich leicht automatisieren und in das Screening-Programm eingliedern“, sagt Max Wolf. Die medizinischen Gutachter würden dann unabhängig voneinander am Computer die digitalen Röntgenaufnahmen beurteilen. Anschließend könnte eine Software auf Basis dieser Einzeleinschätzungen den Befund ermitteln. „Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass die Effektivität des Mammographie Screenings durch das Prinzip der kollektiven Intelligenz entscheidend verbessert werden könnte“, fasst der Wissenschaftler zusammen. Unbegrenzt viele Ärzte-Meinungen brauche es dafür nicht: Ab einer Anzahl von etwa acht unabhängigen Einschätzungen flache der zusätzliche Nutzen sogar deutlich ab. Wenn es um die Optimierung von Diagnoseverfahren in der Medizin geht, könnte das Prinzip der kollektiven Intelligenz demnach eine wertvolle Ergänzung zu rein technischen Verbesserungen sein.

Quelle: Forschungsverbund Berlin e.V.

Literatur:

Max Wolf, Jens Krause, Patricia A. Carney et al. Collective intelligence meets medical decision-making: the collective outperforms the best radiologist, PLOS ONE 2015.
http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0134269


Anzeige:
Ibrance
Ibrance
 
Das könnte Sie auch interessieren
Helfen und sich helfen lassen - neues Informationsblatt vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsfoschungszentrums
Helfen+und+sich+helfen+lassen+-+neues+Informationsblatt+vom+Krebsinformationsdienst+des+Deutschen+Krebsfoschungszentrums
Alexander Raths / Fotolia.com

Die Diagnose Krebs ist für die meisten Menschen ein Schock. Das gilt auch für Partner, Familienangehörige und Freunde von Krebspatienten. Neben der Sorge und dem Impuls, den anderen zu unterstützen, fühlen sich viele in dieser Situation zunächst unsicher und überfordert. Die Angst, im Miteinander etwas falsch zu machen, ist groß. Zur Unterstützung von Angehörigen und Freunden hat der...

Sonnensünden kommen erst nach Jahrzehnten ans Tageslicht
Sonnens%C3%BCnden+kommen+erst+nach+Jahrzehnten+ans+Tageslicht
© Peter Atkins / Fotolia.com

Die moderne Krebsmedizin hat bei der Behandlung von Tumorerkrankungen in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielt. Das gilt insbesondere auch für Hautkrebs, der durch ein Übermaß an UV-Strahlung ausgelöst wird. Die Hautkrebszahlen steigen. Auch das Dresdner Hauttumorzentrum am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) verzeichnet kontinuierlich mehr Hautkrebspatienten – darunter viele...

Geballtes Wissen zu Krebs für alle
Geballtes+Wissen+zu+Krebs+f%C3%BCr+alle
© Krebsinformationsdienst, DKFZ; Bild: Pixabay 849820

Der offizielle Startschuss fiel am 30. März 1999. Die Internetseite des Krebsinformationsdienstes (KID), einer Abteilung des Deutschen Krebsforschungszentrums, ging online. Heute nutzen monatlich rund 600.000 Besucher die Seite. Gefragte Themen sind Hintergründe zur Erkennung und Behandlung von Krebs, neue Therapieverfahren, aber auch Tipps zum Umgang mit der Erkrankung im Alltag. Alle, die sich vor Krebs schützen möchten,...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Mammographie-Screening: Kollektive Intelligenz verbessert Diagnostik"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.