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18. Juni 2020
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Mammkarzinom mit BRCA1/2-Mutation: Mehr Lebensqualität unter Talazoparib

Seit dem 2. Juni 2020 steht PatientInnen mit einem Hormonrezeptor-positiven/HER2-negativen oder triple-negativen, lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Mammakarzinom mit einer BRCA1/2-Mutation in der Keimbahn (gBRCA1/2) der PARP-Inhibitor Talazoparib (Talzenna®) zur Verfügung. In der Zulassungsstudie EMBRACA verlängerte der Inhibitor das mediane progressionsfreie Überleben gegenüber Chemotherapie signifikant und erzielte eine mehr als doppelt so hohe Ansprechrate (1, 2). Sehr deutlich ausgeprägt war auch der positive Einfluss von Talazoparib auf die Lebensqualität: Diese wurde verbessert bzw. blieb bei PatientInnen im Talazoparib-Arm fast viermal so lange erhalten wie im Chemotherapie-Arm (2, 3). Was diese und weitere Parameter für die PatientInnen bedeuten, erörterten Dr. med. Johannes Ettl, München, und Prof. Dr. med. Georg Pfeiler, Wien, im Rahmen einer Pressekonferenz.
Bei etwa 15% aller PatientInnen mit einem triple-negativen Mammakarzinom (TNBC) bzw. 5% mit einem Hormonrezeptor-positiven (HR+)/HER2-negativen Mammakarzinom lässt sich eine BRCA1/2-Mutation in der Keimbahn nachweisen (4). „In einem fortgeschrittenen Setting ermöglicht der PARP-Inhibitor Talazoparib eine wirksame und zielgerichtete Therapie, die zugleich patientenfreundlich ist“, erklärte Ettl, Leitender Oberarzt im interdisziplinären Brustzentrum der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde, Technische Universität München. Die zulassungsrelevante Phase-III-Studie EMBRACA untersuchte die Wirksamkeit und die Sicherheit von Talazoparib bei insgesamt 431 PatientInnen mit HR+/HER2-negativem oder triple-negativem, lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Mammakarzinom mit BRCA1/2-Mutation in der Keimbahn (2). „Damit ist EMBRACA die bislang größte Studie zu einem PARP-Inhibitor in dieser Indikation“, unterstrich Ettl. Die TeilnehmerInnen erhielten 1 x tgl. oral 1 mg Talazoparib (n=287) oder eine Chemotherapie nach Wahl des Arztes in der jeweiligen Standarddosis (n=144) (2). Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS); sekundäre Endpunkte umfassten u.a. die objektive Ansprechrate (ORR), das Gesamtüberleben (OS) sowie die patientenberichtete Lebensqualität (PRO) (2).

Signifikant verlängertes medianes PFS (mPFS) und höhere Ansprechraten

„Die zielgerichtete Therapie mit Talazoparib verzögerte die Zeit bis zur Krankheitsprogression gegenüber Chemotherapie signifikant“, so Ettl. Das mPFS lag unter dem PARP-Inhibitor bei 8,6 Monaten (95-%-KI: 7,2–9,3), während es bei der Chemotherapie nach 5,6 Monaten (95-%-KI: 4,2–6,7) erreicht war (1, 2). Damit einher ging eine relative Reduktion des Progressionsrisikos um 46% (HR=0,54; 95-%-KI: 0,41–0,71; p<0,0001) (1, 2). „Die Verlängerung des mPFS unter Talazoparib war über alle untersuchten Subgruppen hinweg zu beobachten“, konstatierte Ettl. Auch die Ansprechraten zeigten deutliche Vorteile für den PARP-Inhibitor: So sprachen unter Talazoparib mehr als doppelt so viele PatientInnen an (ORR Talazoparib vs. Chemotherapie: 62,6%; 95-%-KI: 55,8–69,0; vs. 27,2 %; 95-%-KI: 19,3–36,3; p<0,0001). 5,5% der PatientInnen erzielten unter Talazoparib sogar ein komplettes Ansprechen, verglichen mit 0% unter Chemotherapie (1, 2). Für das Gesamtüberleben als sekundären Endpunkt der Studie ergab sich kein signifikanter Unterschied (19,3 Monate unter Talazoparib vs. 19,5 Monate unter Chemotherapie; HR=0,85; 95-%-KI: 0,67–1,07; p=0,17) (5).

Gesteigerte Lebensqualität mit Talazoparib

„PARP-Inhibitoren sind der Chemotherapie in vielfacher Hinsicht überlegen“, fasste Ettl zusammen. „An Talazoparib besonders hervorzuheben sind die umfangreichen und sehr guten Daten zur von den Patienten selbst berichteten Lebensqualität.“ So verbesserte sich der Global Health Status/QoL der Patienten mit dem PARP-Inhibitor im Vergleich zum Ausgangswert um 3,0 Punkte, während unter der Chemotherapie eine statistisch signifikante Verschlechterung um 5,4 Punkte auftrat (p<0,0001) (3). Für den Patienten spürbare Symptome wie Fatigue, Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung waren signifikant verbessert (3). Weiterhin war die Zeit bis zu einer Verschlechterung des Global Health Status/QoL unter Talazoparib mit 24,3 Monaten (95-%-KI: 13,8–nicht erreicht) fast viermal länger gegenüber 6,3 Monaten (95-%-KI: 4,9–12,2) unter Chemotherapie (HR=0,38; 95-%-KI: 0,26–0,55; p<0,0001) (3). Fatigue (57,1%), Anämie (49,6%), Übelkeit (44,3%), Neutropenie (30,2%), Thrombozytopenie (29,6%) und Kopfschmerz (26,5%) waren die häufigsten unerwünschten Ereignisse unter Talazoparib (1). Diese seien insgesamt gut handhabbar, erklärte Ettl. Zudem sei ein Therapiemanagement, z.B. durch Dosisreduktionen, möglich (1).

Erfahrungen aus dem klinischen Alltag: Einfache Einnahme – mehr Freiheit

„Auch meine Erfahrungen aus der klinischen Praxis decken sich mit den positiven Ergebnissen der EMBRACA-Studie“, unterstrich Pfeiler, Leiter der onkologischen Brustkrebsambulanz an der Medizinischen Universität Wien, und berichtete: „Die Patientinnen, die ich bisher mit Talazoparib behandelt habe, waren vergleichsweise jung und hatten teilweise kleine Kinder. Natürlich ist jede Lebenssituation ganz individuell, aber erstmal eine Alternative zur Chemotherapie zu haben, ist doch für nahezu alle meiner Patientinnen mit fortgeschrittenen Formen von Brustkrebs eine große Erleichterung. In der Studie zeigte Talazoparib eine sehr gute Wirksamkeit über alle klinisch relevanten Subgruppen hinweg – dies sogar bei schwer behandelbaren Patientinnen mit ungünstiger Prognose. Wegen dieser guten Daten habe ich Talazoparib z.B. schon bei Patientinnen mit Hirnmetastasen eingesetzt, aber auch bereits bei viszeralen Metastasen. Neben der guten Wirksamkeit ist die Lebensqualität ein zentraler Grund, aus dem ich Talazoparib empfehle. Hier spielt auch die Verabreichungsform eine Rolle. Auch, dass Talazoparib nur einmal täglich eingenommen zu werden braucht, verschafft meinen Patientinnen viel Freiheit.“

Bedeutung der BRCA-Keimbahntestung steigt durch eine neue Therapierelevanz

„Weil das Ergebnis die Behandlungsmöglichkeiten beeinflussen kann, ist eine routinemäßige gBRCA-Testung schon bei der Diagnose eines fortgeschrittenen Mammakarzinoms sinnvoll und wichtig“, stellte Ettl abschließend heraus. Nationale wie internationale konsensusbasierte Leitlinien empfehlen die Testung für alle PatientInnen mit einem HER2-negativen fortgeschrittenen Mammakarzinom (6, 7) – diese kann in Deutschland bei PatientInnen, die für eine PARP-Inhibitor-Therapie infrage kommen, seit Januar 2020 mittels EBM-Ziffer 11601 abgerechnet werden – auch ohne das Vorliegen von Risikofaktoren und unabhängig der Familienanamnese (8).

Quelle: Pfizer

Literatur:

(1) Fachinformation Talzenna®, Stand März 2020
(2) Litton JK, Rugo HR, Ettl J et al. Talazoparib in Patients with Advanced Breast Cancer and a Germline BRCA Mutation. N Eng J Med 2018;379(8):753–763
(3) Ettl J, Quek RGW, Lee HK et al. Quality of Life with Talazoparib versus physician’s choice of chemotherapy in patients with advanced breast cancer and germline BRCA1/2 mutation: patient-reported outcomes from the EMBRACA phase III trial. Ann Oncol 2018;29(9):1939–1947
(4) Armstrong N, Ryder S, Forbes C et al. A Systematic Review of the International Prevalence of BRCA Mutation in Breast Cancer. Clin Epidemiol 2019;11:543–561
(5) Litton JK, Hurvitz SA, Mona LA. Talazoparib (TALA) in germline BRCA1/2 (gBRCA1/2)-mutated human epidermal growth factor receptor 2 negative (HER2-) advanced breast cancer (ABC): Final overall survival (OS) results from randomized Phase 3 EMBRACA trial. AACR Annual Meeting 2020; Abstract CT071.
(6) Thomssen C, Lüftner D, Untch M et al. International Consensus Conference for Advanced Breast Cancer, Lisbon 2019: ABC5 Consensus – Assessment by a German Group of Experts. Breast Care 2020;15(1):82–95
(7) Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie. Empfehlungen Brustkrebsrisiko und Prävention. Online verfügbar unter https://bit.ly/2ATcxkY. (letzter Zugriff am 06.06.2020)
(8) Kassenärztliche Bundesvereinigung. Online-Version des EBM. www.kbv.de/html/online-ebm.php. (letzter Zugriff am 06.06.2020)


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