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Medizin
20. März 2020

Gastroenterologen fordern Systemreform: Mediziner wollen sich um Menschen kümmern, nicht um Prozesse

Ärzte sollen endlich wieder das tun, was sie gelernt haben: Patienten medizinisch gut betreuen. Dies forderte der Berufsverband Gastroenterologie Deutschland (BVGD). Angesichts von Überbelastung und Dauerstress richtete dessen Vorsitzender einen eindringlichen Appell an die Politik: „Schützt die Ärzte, sonst fliegt uns das Gesundheitssystem um die Ohren.“
Neu ist die Kritik der Gastroenterologen nicht. Aber möglicherweise haben sie den richtigen Zeitpunkt getroffen, um sie erneut auf die Tagesordnung zu setzen. Denn die Coronakrise wirkt wie ein Brennglas für die strukturellen Probleme des Gesundheitssystems. „Wir haben ein krankes Gesundheitssystem, das auch Mitarbeiter krank macht“, so der Befund von Prof. Dr. Joachim Labenz, Vorsitzender des BVGD und Direktor der Inneren Medizin am Diakonie Klinikum Jung-Stilling, Siegen.

Ausgliederung der Pflege fahrlässig

Das Fallpauschalensystem (G-DRG) ziehe „die Schlinge um den Hals der Kliniken jedes Jahr enger“, so Labenz. Medizinische Entscheidungen würden zunehmend von ökonomischen Überlegungen getriggert, es gehe um den „richtigen Patienten im richtigen Bett“. Dass die Pflege aus dem DRG ausgegliedert wurde, bezeichnete er als Systembruch. Der Druck laste somit nur noch auf den Ärzten. Er kritisierte zudem die „irrwitzige Dokumentation“, bei der „jeder Handschlag und jedes Gespräch“ aufgeschrieben werden müssten. „Ärzte verbringen mehr Zeit am PC als mit dem Patienten.“

Zeitkürzung der Koloskopie

Als Beispiel für die Fehlentwicklung nannte er die Kürzung der Vergütung für die Koloskopie, eine Untersuchung, die nachweislich Leben rettet. Diese wird zum 1. April 2020 um 10% reduziert, mit der Begründung, dass 18 statt vorher 30 Minuten ausreichend seien. „Wenn Sie die Zeit verkürzen, verschlechtern Sie die Qualität“, warnte Labenz.

Weiterbildung als „Effizienzhindernis“

„Wir schicken unsere Besten institutionalisiert in den Burnout“, konstatierte Dr. Cornelius Weiß, stellvertretender Sprecher des Jungen Forums im Berufsverband Deutscher Internisten und Gründer des Bündnis Junge Internisten. Leistungsbereite junge Mediziner träfen auf ein System mit einer „Leidenschaft nicht für Menschen, sondern für Prozesse“, kritisierte er.

Jeder fünfte Arzt nimmt Medikamente zur Arbeitsbewältigung

Wie er berichtete, nimmt jeder fünfte Arzt in Weiterbildung Medikamente ein, um den Arbeitsalltag bewältigen zu können (1). Sie investierten Arbeitszeit, Leidenschaft und Wissen in ein System, das immer stärker alles wegrationalisiere, was diesen Input aufwiegen könne: „Zufriedene und dankbare Patienten sowie eine gute Weiterbildung.“ Letztere werde nur noch als „Effizienzhindernis“ betrachtet, kritisierte Weiß. Die Digitalisierung könnte Ärzte entlasten, aber auch zu einer weiteren Arbeitsverdichtung führen, nach dem Motto „noch ein Patient, und noch eine Untersuchung.“

Burnout-Gefahr vor allem bei jungen Klinikärzten

Eine repräsentative Umfrage unter 638 Gastroenterologen in Kliniken und Praxen kommt zu ähnlich alarmierenden Ergebnissen. Wie Dr. Dr. Charles Christian Adarkwah, Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin, Kreuztal-Krombach, erläuterte, erfolgte die Befragung anonym, da das Thema „Schwäche zeigen“ besonders tabuisiert sei.
Demnach zeigte sich eine klare Korrelation zwischen der Arbeitszufriedenheit und dem Burnout-Risiko. Vor allem in Kliniken und bei jungen Ärzten besteht aufgrund einer hohen Arbeitsbelastung und Arbeitsdichte Handlungsbedarf – mehr als die Hälfte von ihnen ist Burnout-gefährdet. „Je niedriger die Stellung in der Klinik, desto unzufriedener sind die Mediziner,“ so der Versorgungsforscher. Und die Zufriedenheit hänge maßgeblich davon ab, wie viel Raum für die Patientenversorgung bleibt.

Sicherheit vor Effizienz

Prof. Dr. Reinhard Strametz vom Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) wies auf weitere Folgen der Überbelastung hin. Bei schweren oder Beinahe-Fehlern seien Selbstvorwürfe und Zweifel am eigenen Können für viele Ärzte schlimmer als juristische Konsequenzen. Betroffene Mediziner würden so zum second victim.
Der offene Umgang mit Fehlern sei vor allem bei älteren Kollegen ein „extrem tabuisiertes Thema“, sagte der Medizinökonom von der Hochschule RheinMain, Wiesbaden. Auch in der somatischen Medizin gebe es einen deutlichen Bedarf für eine andere Fehlerkultur. Am besten helfen Gespräche mit Kollegen, bei denen man sich „trauen darf zuzugeben, dass man überfordert ist“. Schon im Studium müssten angehende Mediziner in Simulationstrainings auf kritische Situationen vorbreitet werden, so Strametz. Er selbst bringe den Studierenden bei, „dass ein Krankenhaus keine Wurstfabrik ist“ und rette damit wahrscheinlich mehr Menschenleben als als Anästhesist.

Was muss sich ändern?

Die Referenten stellten zusammenfassend folgende Forderungen (1):
  • Abschaffung der Fallpauschalen (DRG),
  • Verbesserung der Arbeitsbedingungen, insbesondere für junge Ärzte in Kliniken,
  • Schaffung von Personaluntergrenzen für Ärzte,
  • Definition und Begrenzung der ärztlichen Tätigkeit; Entlastung von fachfremder Arbeit (z.B. Prozessorganisation und Dokumentation),
  • leistungsgerechte Vergütung für niedergelassene Ärzte,
  • Aufwertung und Vergütung der Weiterbildung,
  • offener und ehrlicher Umgang mit Fehlern.

Anne Krampe-Scheidler

Quelle: Berufsverband Gastroenterologie Deutschland (BVGD)

Literatur:

(1) Raspe M et al. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2020 Jan; 63(1): 113-121.


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