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23. Juni 2021
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Französische Real-World-Studie: Eltrombopag meist frühzeitig nach ITP-Diagnose im Rahmen eines Off-label-Use eingesetzt

Der orale Thrombopoetinrezeptor-Agonist (TPO-RA) Eltrombopag ist zur Behandlung von Patienten mit primärer Immunthrombozytopenie (ITP) ab einem Alter von einem Jahr zugelassen, wenn die Erkrankung 6 Monate oder länger nach Diagnosestellung andauert und die Patienten gegenüber anderen Therapien wie Kortikosteroiden und Immunglobulinen refraktär sind (1). Nationale und internationale Behandlungsleitlinien empfehlen allerdings, eine Zweitlinientherapie, etwa mit TPO-RAs, frühzeitig im Krankheitsverlauf einzuleiten (2-5). Die französische Real-World-Studie ELEXTRA untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit von erwachsenen ITP-Patienten, die unter klinischen Alltagsbedingungen mit Eltrombopag behandelt wurden. Ein Fokus lag dabei auf Patienten, die den TPO-RA im Rahmen eines Off-label-Use innerhalb von 6 Monaten nach Erstdiagnose erhalten hatten (6). Die Daten, die bei der EHA-Jahrestagung 2021 vorgestellt wurden, legen nahe, dass frühzeitiger Einsatz von Eltrombopag in Frankreich längst klinische Realität ist.
Französische, deutsche und internationale ITP-Behandlungsleitlinien empfehlen das frühzeitige Einleiten eine Zweitlinientherapie, etwa mit TPO-RAs, nach Versagen der Erstlinienbehandlung mit Kortikosteroiden (2–5). Die französische Real-World-Studie ELEXTRA wurde aufgelegt, um Erkenntnisse aus der Versorgungsroutine zur Anwendung von Eltrombopag (Revolade®) bei erwachsenen ITP-Patienten zu gewinnen. Datenbasis war das das multizentrische CARMEN-France-Register, das prospektive Daten von erwachsenen ITP-Patienten in Frankreich erhebt. Ausgewählt für die Analyse wurden Registerdaten von Patienten, bei denen zwischen 2013 und 2019 binnen 6 Monaten nach ITP-Diagnose im Rahmen eines Off-Label-Use eine Therapie mit Eltrombopag eingeleitet wurde.

Die Auswertung der Wirksamkeit erfolgte bei Patienten, die bei Therapiebeginn eine Thrombozytenzahl < 30 x 109/l aufwiesen. Erhöhte sich durch die Behandlung die Thrombozytenzahl auf ≥ 30 x 109/l, wurde dies als Ansprechen gewertet, bei Thrombozytenzahlen ≥ 100 x 109/l als komplettes Ansprechen. Zudem wurden Nebenwirkungen der Medikation mittels eines WHO-Scores erhoben und dokumentiert.

Von 799 in das Register aufgenommenen Patienten hatten 156 (19,5%) eine Behandlung mit Eltrombopag erhalten, darunter 95 (60,9%) während der ersten 6 Monate der ITP-Diagnose. Die Patienten waren im Mittel 60,5 Jahre alt und gleichmäßig auf beide Geschlechter verteilt. 34,7% hatten mindestens eine Komorbidität entsprechend dem Charlson Comorbidity Index (CCI) und 58,9% mind. einen kardiovaskulären Risikofaktor (ohne Berücksichtigung von Alter und Geschlecht).

Bei der ITP-Diagnose betrug die mediane Thrombozytenzahl der Patienten 7 x 109/l; 76 Patienten (80,0%) litten unter Blutungen.

Die mediane Zeit von der Erstdiagnose der ITP bis zum Einsatz von Eltrombopag betrug 1,6 Monate: 77,9% erhielten den TPO-RA innerhalb von 3 Monaten nach der Diagnose. 95,8% der Patienten waren leitliniengerecht vorbehandelt mit Kortikosteroiden, 69,5% hatten intravenös Immunglobuline erhalten; in deutlich geringerem Umfang waren andere Medikamente wie Dapson (11,6%), Hydroxychloroquin (6,3%), Rituximab (5,3%), Romiplostim (5,3%), Vinblastin (5,3%) und Danazol (2,1%) eingesetzt worden. Kein Patient war splenektomiert worden. Eltrombopag wurde überwiegend als Zweit- und Drittlinientherapie eingesetzt (43,2% bzw. 33,7%).

Zu Beginn der Eltrombopag-Behandlung wiesen 48 der 95 Patienten eine Thrombozytenzahl < 30 x 109/l auf; davon erreichten 81,3% ein Gesamtansprechen und 79,2% ein Komplettansprechen. Die mediane Zeit bis zum Gesamtansprechen betrug 7 Tage und die bis zum Komplettansprechen 16 Tage. Von den 39 Patienten mit Gesamtansprechen hatten 25 zu Beginn der Eltrombopag-Behandlung überlappend noch ein anderes Medikament einschließlich Steroiden, Immunglobulinen oder Rituximab erhalten, doch wurde die Begleittherapie in 58% der Fälle beendet. Das Ansprechen auf Eltrombopag war unabhängig vom Alter der Patienten, dem Geschlecht, dem CCI-Score und der Anzahl der Vortherapien.

Bei der letzten Nachuntersuchung, die im Register dokumentiert war, hatten 57 Patienten Eltrombopag abgesetzt, davon 17 wegen mangelnder Wirksamkeit oder Wirksamkeitsverlusts, 15 wegen Nebenwirkungen und 9 wegen eines anhaltenden kompletten Ansprechens. Insgesamt berichteten 16 Patienten (16,8%) 17 unerwünschte Effekte, darunter 5 Thrombozytosen, 6 Venenthrombose, 3 Fälle von Hautausschlag sowie jeweils ein Fall von Hepatitis, Magen-Darm-Beschwerden und Durchfall.

Die Autoren schließen aus ihrer Real-World-Analyse, dass Eltrombopag in Frankreich meist in Form eines Off-Label-Use binnen 6 Monaten nach ITP-Diagnose eingesetzt wird. Damit werden im klinischen Alltag Leitlinienempfehlungen umgesetzt, auch wenn dieser Einsatz durch die Zulassung nicht gedeckt wird. Die Wirksamkeit dieses frühen Einsatzes war der eines späteren Einsatzes gemäß der Zulassung vergleichbar. Auch das Muster an Nebenwirkungen war konsistent mit früheren Berichten.

Dr. Claudia Schöllmann

Quelle: Virtuelle Jahrestagung der European Hematology Association (EHA) vom 9.–17. Juni 2021

Literatur:

(1) Fachinformation Revolade®, aktueller Stand.
(2) Haute Autorité de Santé, Purpura thrombopénique de l’enfant et de l’adulte. Protocole ationale de Diagnostic et de Soins. 2017
(3) Onkopedia Leitlinie Immunthrombozytopenie (ITP), Stand Marz 2021. Abrufbar unter https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/immunthrombozytopenie-itp/@@guideline/html/index.html. Letzter Aufruf: 11. Juni 2021.
(4) Neunert C et al. American Society of Hematology 2019 guidelines for immune thrombocytopenia. Blood Adv 2019,3: 3829–866.
(5) Provan D et al. Updated international consensus report on the investigation and management of primary immune thrombocytonepia. Blood Adv 2019; 3: 3780-817.
(6) Moulis G et al. Off-label use of eltrombopag in adult patients with immune thrombocytopenia before six months of disease duration in the real-world in France. Results of the ELEXTRA study. EHA 2021, Abstract EP1125 und e-Poster.


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