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Medizin

17. Dezember 2020 Digitalisierung: Zu wenig darauf ausgerichtet, was der Arzt braucht?

Ärzte können digitale Gesundheitsanwendungen (DigA) verordnen und in wenigen Wochen wird die elektronische Patientenakte (ePA) eingeführt. Wo steht Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems? Was fördert und was bremst den Fortschritt? Dies wurde im Rahmen der Digital Health Conference des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) in verschiedenen Paneln diskutiert. Ein Fazit: Weder Ärzte noch Patienten sind gut auf die ePA vorbereitet.
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Jörg Debatin, Chairman des health innovation hub (hih) des Bundesministeriums für Gesundheit, zog eine positive Zwischenbilanz. Durch die Corona-Pandemie habe die Digitalisierung einen unerwarteten Schub bekommen. „Die Video-Sprechstunde ist nicht mehr nur ein Hobby von einigen Wenigen, sondern wird inzwischen von 130.000 Ärzten angeboten.“ Diese Entwicklung sei über die Pandemie hinaus relevant. Kritischer äußerte sich Petra Thürmann, Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit. Vor allem in den Krankenhäusern gebe es noch einen erheblichen Nachholbedarf, sagte sie.

Elektronische Patientenakte: Informieren und entmystifizieren

Zudem bestünden große Defizite im Bereich der Gesundheitskompetenz. „Die Patienten sind bisher immer außen vor gewesen“, dies müsse sich grundlegend ändern, so die Ärztin. „Die ePA gehört ins Fernsehen, und zwar in die 10 Sekunden vor der Tagesschau. So würden wir auch ältere und konservativere Menschen erreichen, die kaum Erfahrung mit Social Media haben“, bekräftigte Debatin. Thürmann mahnte zudem einfache Lösungen an, um Entwicklungen wie in Frankreich zu vermeiden. Dort werde das Pendant zur ePA, das „Dossier Médical“, nur von wenigen Bürgern genutzt, berichtete sie. Ein Grund: Die Nutzer können selbst entscheiden, wer Zugriff auf ihre Daten haben darf, jede Berechtigung muss jedoch einzeln erteilt werden („Opt-in“). Dies führe dazu, dass sie bis zu 35 Mal klicken müssten.
Debatin warb insbesondere bei den Ärzten um Unterstützung. „Wenn der Hausarzt dem Patienten sagt, ‚das mit der ePA lassen wir mal‘, hat er eigentlich verloren. Das ganze Konzept hat dann verloren. Deshalb müssen wir entmystifizieren, was auf die Ärzte zukommt.“ Die ePA beschränke sich nicht darauf, „einen klobigen Konnektor in das System einzubauen“, vielmehr biete sie konkrete Vorteile wie verbesserte Abläufe, Zeitersparnis und eine bessere Patientenversorgung.

Patient nicht mehr „in Scheiben schneiden“: Intersektorale Vernetzung

Torsten Müller vom Beratungsunternehmen KPMG warnte davor, die Bedürfnisse der Ärzte zu pauschalisieren. Praktiziert der Arzt im ländlichen Raum oder ist er in der spezialisierten Versorgung tätig? Dies seien wichtige Fragen, um den Nutzen der Telematik-Infrastruktur (TI) an konkreten Anwendungsfällen aufzeigen zu können.
Daniela Teichert, AOK Nordost, berichtete über gute Erfahrungen beim Aufbau eines eigenen Gesundheitsnetzwerks gemeinsam mit den Ärzten. Technisch forderte sie sichere, aber auch einfache Lösungen. „Wenn ein Arzt, um mit dem elektronischen Ausweis einen Brief zu signieren, 3 Mal eine 20-stellige PIN eingeben muss, macht er das genau einmal und dann nie wieder.“ Im komplexen deutschen Gesundheitssystem müsse immer die jeweilige Perspektive der Beteiligten berücksichtigt werden. Jedoch biete die Digitalisierung erstmals die Chance, intersektoral zu agieren, „ohne den Patienten in Scheiben zu schneiden, nämlich den ambulant und den stationär behandelten, so Teichert.
Jan Wemmel, Bereichsleiter beim IT-Unternehmen Arvato Systems, schlug ein abgestuftes Sicherheitskonzept vor. Der Konnektor entspreche „höheren Sicherheitsanforderungen als so manches Gerät, das in der NATO eingesetzt wird“, betonte er. Es sei zu hinterfragen, ob ein Patient die gleichen Sicherheitsanforderungen erfüllen müsse wie eine Arztpraxis. Die Diskussion sollte sich daher weniger um die Sicherheit drehen, sondern vielmehr darum, wie eine bessere Vernetzung entstehen kann. Um Produkte wie die ePA und das eRezept auch international besser zu vernetzen, müssten entsprechende Standards von vornherein integriert werden, forderte er.

Start-ups: Zwischen Innovation und Kostendruck

Hih-Chef Debatin lobte das beschleunigte Zulassungsverfahren (Fast-Track) für DiGA, das den Standort Deutschland für Innovatoren aus der ganzen Welt attraktiv gemacht habe. „Darüber spricht man in Singapur und Australien“, betonte er. Er hob hervor, dass dabei keine Kompromisse bei der Sicherheit gemacht wurden. Eine klare Botschaft richtete er an Startup-Unternehmen: „Die Hersteller von Apps müssen von Anfang an eine Kultur des Datenschutzes und der Cybersecurity implementieren. Medizin ist Vertrauensgeschäft. Wenn man dieses Vertrauen verspielt, ist es sehr schwer wiederzuerlangen.“
Für Start-ups sei dies jedoch mit Problemen verbunden, erwiderte Katharina Jünger von der TeleClinic, einem Anbieter von Video-Sprechstunden. „Wir wollen in Deutschland Innovation, aber auch ein sehr hohes Niveau, beispielsweise beim Datenschutz.“ Innovationen erreichten den Markt daher langsamer als in anderen Ländern. „Wer finanziert Innovationen, die zu einem frühen Zeitpunkt noch nicht profitabel sind?“, fragte sie. Zudem forderte sie einen breiten Wettbewerb ohne staatliche Beteiligung. „Für uns als Start-up ist wichtig, dass der Staat nicht gleichzeitig Akteur im Markt ist“, betonte die Unternehmerin.

Pharmaindustrie fordert Zugang zu Daten

Wie kann Digitalisierung ganz konkret helfen, neue Therapien zu entwickeln und diese in die Versorgung zu bringen? Diese Frage erörterte Chantal Friebertshäuser vom Pharmaunternehmen MSD Deutschland, anhand einiger Beispiele. Mit Hinweis auf die hohen Aufwendungen für klinische Forschung in Deutschland verband sie dies mit der Forderung, privaten Unternehmen Zugang zu Gesundheitsdaten zu ermöglichen. Sie erwähnte dabei auch die deutsche Genom-Initiative genomDE, eine zentrale Genomdatenbank, die im ersten Schritt die Versorgung von Krebspatienten verbessern soll.
Auch bei der Krebsprävention könnte Deutschland erfolgreicher sein, so Friebertshäuser. Obwohl humane Papillomaviren (HPV) für jeden zwanzigsten Krebsfall verantwortlich sind, seien in Deutschland weniger als 30% der 15-jährigen Mädchen und Jungen geimpft, berichtete sie. Grund seien Fehlinformationen und Mängel bei Erinnerungssystemen. Mit einem ePA-gestützten Recall-System auf Basis der Empfehlungen der Ständigen Impfkommission wäre es möglich, besser aufzuklären und die Impfquote zu erhöhen.
COVID-19 mache deutlich, wie wichtig es sei, Gesundheitsdaten aus der Routineversorgung in Echtzeit auszuwerten, sagte sie weiter. So basierten politische Entscheidungen unter anderem auf Intensiv-Kapazitäten. Sobald die ersten Impfstoffe verfügbar sind, werde ein digitales Register gebraucht, um nachvollziehen zu können, wer wann womit geimpft wurde. Auch die Einladungen zur Folgeimpfung und die Erfassung von Nebenwirkungen könnten damit gesteuert werden.

Machtstrukturen und Partikularinteressen hemmen den Fortschritt

„Häufig muss es erst zu Katastrophen kommen, damit Menschen erkennen, dass sich etwas ändern muss“, konstatierte Oliver Bruzek vom Softwarehersteller CompuGroup Medical, ebenfalls mit Blick auf die Corona-Pandemie. „Der Mangel an Digitalisierung wird überall sichtbar: bei der Nachverfolgung von Infektionen, bei den Infektionszahlen und bei der Überforderung der Gesundheitsämter mit ihren Bleistiften und Faxgeräten.“
Er wies auch darauf hin, dass sich das Berufsbild des Arztes ändern wird. „Niemand glaubt, dass ärztliches Handeln obsolet werden wird“, betonte er. Fundamentale Veränderungen seien jedoch in fast allen Bereichen unausweichlich. Immer stärker werde es darauf ankommen, unterschiedliche Disziplinen miteinander zu verzahnen: sensorgesteuertes medizinisches Monitoring, pflegerische Tätigkeiten und das Wissensmanagement.
Scharf kritisierte er das Denken und Agieren in Machtstrukturen und Partikularinteressen, in Diskussionen darüber, „wer mitreden darf, wer spezifizieren und wer zertifizieren darf“. Wenn weiter die Risiken vor den Chancen angesiedelt würden und „wir uns bei jedem Schritt mit den Zauderern und Bewahrern von Partikularinteressen aufhalten“, werde Deutschland vom Rest der Welt beim Aufbau einer modernen Gesundheitsversorgung überholt.

Anne Krampe-Scheidler

Quelle: Digital Health Conference


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