Mittwoch, 4. August 2021
Navigation öffnen
Medizin
15. Juni 2021
CML-Management+weitgehend+leitliniengerecht%2C+aber+verbesserungsf%C3%A4hig+%E2%80%93+Ergebnisse+einer+Querschnittsbefragung+bei+britischen+H%C3%A4matologen
© Pee Paew - stock.adobe.com

CML-Management weitgehend leitliniengerecht, aber verbesserungsfähig – Ergebnisse einer Querschnittsbefragung bei britischen Hämatologen

Der Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) Imatinib hat seit seiner Einführung im Jahr 2001 die Therapie der chronischen myeloischen Leukämie in der chronischen Phase (CML-CP) revolutioniert und das Zeitalter der zielgerichteten Therapien eingeläutet. Inzwischen stehen Zweit- und Drittgenerations-TKI zur Verfügung, die im Vergleich zu Imatinib das Erreichen besonders rascher und tieferer Remissionen ermöglichen (1). Es gibt bisher allerdings wenige Erkenntnisse darüber, in welchen Therapielinien welche Präparate in der Versorgungsroutine bevorzugt eingesetzt werden, welche primären Behandlungsziele bei der CML verfolgt werden und aufgrund welcher Kriterien ein Therapiewechsel eingeleitet wird. Eine Umfrage bei hämatologisch tätigen Ärzten in Kliniken des Vereinigen Königreichs (UK), deren Daten bei der virtuellen EHA-Jahrestagung 2021 präsentiert wurden, zeigt, dass das CML-Management in Großbritannien weitgehend internationalen Empfehlungen folgt, aber noch Potenziale zur Optimierung aufweist (2).
Die britische Umfrage (ADAPT CML Survey) wurde durchgeführt, um eine bessere Vorstellung vom Management der CML-CP in der Versorgungroutine zu gewinnen, Behandlungswege zu beschreiben, aber auch, um mögliche Problemfelder aufzuspüren und Verbesserungspotenzial aufzuzeigen. Dazu wurden von Juli bis Oktober 2020 strukturierte Interviews mit 46 Hämatologie-Fachärzten geführt, die in 27 Bezirkskrankenhäusern (district general hospitals (DGH); 59%) oder größeren Zentren (tertiary centres (TC); 41%) tätig waren. Die Antworten wurden deskriptiv analysiert.

Wie Dr. Mhairi Copland, Glasgow, UK, beim EHA berichtete, gaben die befragten Ärzte an, dass sie im Rahmen der CML-Diagnostik routinemäßig Untersuchungen gemäß den aktualisierten Leitlinien des European LeukemiaNet (ELN) aus dem Jahr 2020 (3) durchführten, aber nur 89% berichteten von der Durchführung einer Chromosomenanalyse (CBA) oder einer quantitativen RT-PCR-Analyse. 11% gaben an, eine Mutationsanalyse der BCR-ABL1-Tyrosinkinase-Domäne beauftragt zu haben. 61% der Behandler nutzen kein validiertes Tool zur Abschätzung des kardiovaskulären Risikos der Patienten. Sokal war das am häufigsten verwendete prognostische Scoring-Tool (76%).

Im Mittel wurden 60% der Patienten mit CML-CP in der Erst-, 25% in der Zweit- und 10% der Patienten in der Drittlinie behandelt, wobei es keine relevanten Unterschiede zwischen DGH und TC gab. Unabhängig von der Therapielinie oder Intoleranz oder Resistenz gegenüber einer vorherigen Therapie war in allen Behandlungslinien das Erreichen einer guten molekularen Remission (MMR; BCR-ABL1-Transkripte (IS) < 0,1%) das wichtigste Behandlungsziel der Ärzte, das 61% der Befragten für die Erstlinie nannten. Eine tiefere Remission strebten deutlich weniger an (37% für die Erstlinie), wobei die Bedeutung dieses Behandlungsziels mit zunehmender Therapielinie noch weiter abnahm. Unverträglichkeit gegenüber dem verwendeten TKI war der am häufigsten genannte Grund für den Wechsel zu einer Zweit- (67%) oder Drittlinientherapie (54%), während der Wechsel zur vierten Behandlungslinie in 80% der Fälle durch TKI-Intoleranz verursacht wurde. TKI-Intoleranz hatte nach Ansicht der befragten Ärzte eine ungünstige Auswirkung auf die Lebensqualität der Patienten (85%) und beeinflusste auch ihre Compliance negativ (80%).

In der Erstlinie wurde den Befragten zufolge am häufigsten der TKI Imatinib eingesetzt (98%), in der Zweitlinie die Zweitgenerations-TKI Dasatinib (50%) und Nilotinib (41%) und in der Drittlinie Zweitgenerations-TKI wie Nilotinib, Dasatinib und Bosutinib (39%) sowie mutationsspezifische TKI (37%) und Bosutinib (22%) oder Ponatinib (2%). Als Faktoren, die die TKI-Wahl in den unterschiedlichen Therapielinien beeinflussen, wurden über alle Therapielinien besonders häufig die Wirksamkeit, das Sicherheitsprofil und die Verträglichkeit der Medikation genannt. Die befragten Ärzte berichteten, dass sie im ersten und den folgenden Jahren der TKI-Behandlung das Ansprechen auf die Behandlung durch PCR-Analysen auf BCR-ABL1-Transkripte oder Zytogenetik eng überwachten, wobei 78% allein auf den Nachweis von BCR-ABL1-Transkripten durch PCR setzten. 83% führten im ersten Behandlungsjahr alle 3 Monate ein Monitoring durch. Dieses Vorgehen entspricht den aktuellen ELN-Behandlungsempfehlungen (1), die rund 70% der befragten Hämatologen als Leitfaden für das Patientenmanagement nutzten.

Die von den Befragten am häufigsten genannten Optimierungsfelder der CML-Therapie für die erste Behandlungslinie betrafen Verbesserungen der Lebensqualität (48%), das Erreichen einer therapiefreien Remission (48%) und eine verminderte TKI-Toxizität (46%), während für die Zweitlinie vor allem eine verminderte TKI-Toxizität (63%), eine bessere Lebensqualität für die Patienten (43 %) und eine verminderte Resistenz gegenüber TKI-Therapien (41%) gewünscht wurden. Für die dritte Behandlungslinie standen ein Überwinden der Resistenz gegenüber aktuellen Therapien (72%), eine verminderte TKI-Toxizität (59%) und eine bessere Eignung der Patienten für eine Transplantation (54%) im Vordergrund. 89% der Befragten wünschen sich zudem bessere Fortbildungsmöglichkeiten.

Zusammenfassend legen die Ergebnisse der britischen Umfrage nahe, dass im klinischen Alltag in den ersten beiden Behandlungslinien die Verträglichkeit von TKI ein Problemfeld bleibt, während TKI-Resistenz in späteren Linien das größere Problem darstellt. Die Daten weisen auch darauf hin, dass das CML-Management in Großbritannien weitgehend den aktuellen ELN-Empfehlungen entspricht, aber auch Bereich existieren, die einer Verbesserung bedürfen. Diese umfassten beispielsweise eine sorgfältigere Dokumentation der individuellen Risikobewertung, eine bessere diagnostische Abklärung auch auf chromosomaler und molekularer Ebene, die Durchführung einer Mutationsanalyse bei Versagen der Behandlung und eine bessere Evaluation der TKI-Compliance.

Dr. rer. nat. Claudia Schöllmann

Quelle: Virtuelle Jahrestagung der European Hematology Association (EHA) vom 9.-17. Juni 2021

Literatur:

(1) Onkopedia-Leitlinie „Chronische myeloische Leukämie (CML)“, stand Juni 2018. Abrufbar unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/chronische-myeloische-leukaemie-cml/@@guideline/html/index.html. Letzter Aufruf: 11.06.2021.
(2) Copland M et al. A survey of healthcare professionals in the United Kingdom to describe current pathways and management practices in chronic myeloid leukemia: The ADAPT CML survey. EHA 2021, Abstract EP682 und e-Poster.
(3) Hochhaus A et al. European LeukemiaNet 2020 recommendations for treating chronic myeloid leukemia. Leukemia 2020;34:966-84.


Das könnte Sie auch interessieren

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"CML-Management weitgehend leitliniengerecht, aber verbesserungsfähig – Ergebnisse einer Querschnittsbefragung bei britischen Hämatologen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EHA 2021
  • SCD: Häufigere und längere VOC-bedingte Krankenhausaufenthalte nach Vorgeschichte von VOC-Hospitalisierungen – Ergebnisse einer Beobachtungsstudie
  • Real-World-Daten des ERNEST-Registers untermauern Überlebensvorteil unter Ruxolitinib bei primärer und sekundärer Myelofibrose
  • I-WISh-Studie: Ärzte sehen TPO-RAs als beste Option, um anhaltende Remissionen bei ITP-Patienten zu erzielen
  • Phase-III-Studie REACH2 bei steroidrefraktärer akuter GvHD: Hohes Ansprechen auf Ruxolitinib auch nach Crossover
  • SCD: Neues digitales Schmerztagebuch zur tagesaktuellen Erfassung von VOCs wird in Beobachtungsstudie geprüft
  • Französische Real-World-Studie: Eltrombopag meist frühzeitig nach ITP-Diagnose im Rahmen eines Off-label-Use eingesetzt
  • Fortgeschrittene systemische Mastozytose: Französische Real-World-Studie bestätigt klinische Studiendaten zur Wirksamkeit von Midostaurin
  • CML-Management weitgehend leitliniengerecht, aber verbesserungsfähig – Ergebnisse einer Querschnittsbefragung bei britischen Hämatologen
  • Britische Real-World-Studie: Kardiovaskuläres Risikomanagement bei MPN-Patienten in der Primärversorgung nicht optimal
  • Myelofibrose: Früher Einsatz von Ruxolitinib unabhängig vom Ausmaß der Knochenmarkfibrose