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Medizin
18. Juni 2021
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CIPN: Capsaicin statt Antidepressiva und Opioide?

Die durch Chemotherapie verursachte Polyneuropathie (CIPN) stellt für die Betroffenen eine erhebliche Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität dar. Bislang stehen keine präventiven Ansätze zur Verfügung, und auch therapeutische Maßnahmen sind in ihrer Wirksamkeit stark begrenzt. Die QUCIP-Studie, die die Wirkung von Capsaicin auf das Schmerzbild untersucht, wurde auf einem Symposium im Rahmen der 40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) vorgestellt.
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Schwerwiegende Beeinträchtigung

Die CIPN geht mit einer funktionellen und strukturellen Affektion des peripheren Nervensystems einher, die sich in vielfältigen klinischen Symptomen manifestiert. Kommt es initial noch zu sensiblen Reizerscheinungen mit distal symmetrischer Verteilung mit Symptomen wie:
  • Kribbelparästhesien,
  • Handschuh- und/oder Strumpf-förmiges Taubheitsgefühl,
  • neuropathische Schmerzen,
entwickelt sich später ein aszendierender Verlauf mit:
  • distal vermindertem Vibrationsempfinden,
  • abgeschwächten beziehungsweise erloschenen Muskeleigenreflexen und
  • sensibler Ataxie und motorischen Defiziten.

Hohe Inzidenzen

Die Inzidenz liegt – je nach Chemotherapiesubstanz und -dosierung bei 19-95%. Typischerweise setzt die CIPN innerhalb der ersten 2 Monate der Behandlung ein und verschlechtert sich Dosis-abhängig unter der Therapie. Die Symptomatik kann sich nach der Behandlung zurückbilden, aber auch persistieren. Auch ist das Auftreten des Coasting-Phänomens möglich, das die Zunahme und das Neuauftreten nach Therapieende bezeichnet.

Klinische und apparative Diagnostik

Die klinische Untersuchung sollte in jedem Fall die folgenden 4 Punkte umfassen:
  • Motorik: Inspektion und Dokumentation von Faszikulationen oder Athrophien und Bestimmung der Kraftgrade in einzelnen Muskelgruppen
  • Reflexstatus
  • Sensibilität: Berührung (Q-Tip), Schmerz (Zahnstocher zur Frage nach mechanischer Hyperalgesie), Testung des Vibrations- und Temperaturempfindens
  • funktionelle Beeinträchtigung: Gang und Stand (Romberg-Versuch), Feinmotorik.
Zudem hat sich die Patientenevaluation über den painDETECT-Fragebogen als sehr nützlich erwiesen, da er die Symptomatik und das persönliche Schmerzempfinden deutlich abbildet.

Vorteile von Capsaicin im Vergleich zu anderen Substanzen

Bislang stehen zur Behandlung folgende Substanzen zur Verfügung:
  • Duloxetin,
  • Pregabalin,
  • Gabapentin,
  • Amitriptylin,
  • Lamotrigin,
  • Opioide.
Sie alle zeichnet ein unterschiedlicher Empfehlungsgrad und Nebenwirkungsprofil aus. Die topische Therapie mit Capsaicin hingegen zeigt keine direkten systemischen Nebenwirkungen wie beispielsweise Pregabalin. Die auftretenden Nebenwirkungen – Brennen und Erythem an der Applikationsstelle – sind überwiegend lokal und reversibel. Es bestehen keine bekannten Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten; auch eine Dosisanpassung bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion ist nicht notwendig. Die analgetische Wirkung tritt binnen 7 Tagen ein, ohne dass eine zeitaufwendige Dosisfindung nötig wäre. Zudem kommt es zu einer andauernden Schmerzlinderung (median 3 bis 5 Monate), was die Reduktion systemischer Medikamente ermöglicht.

Leitlinienempfehlung zum Capsaicin-Pflaster

Dementsprechend hat das Capsaicin-Pflaster Eingang in klinische Guidelines und Algorithmen zur Behandlung neuropathischer Schmerzen gefunden: In der NeuPSIG (Neuropathic Pain Special Interest Group) 2015 als Zweitlinienempfehlung, in der S3-Leitlinie 2020 als Salvage Option und in der Leitlinie der DGN (Deutsche Gesellschaft für Neurologie) als Zweitlinienempfehlung, wobei „bei lokalisierten neuropathischen Schmerzen auch der primäre Einsatz zu erwägen“ ist.

Evidenz zur Schmerzreduktion

Es liegen mehrere Studien vor, die – gemessen am Mittelwert der NPRS-Skala – eine signifikante Reduktion von Spontanschmerzen, Berührungs- und Kälte-evozierten Schmerzen belegen. Allerdings war die Probandenzahl jeweils mit n < 20 sehr klein. Eine größere Zahl an Patienten wurde über den painDETECT-Fragebogen ausgewertet (n=571), der einen deutlichen Rückgang aller untersuchten Neuropathie-Symptome verzeichnet, sowohl im Gesamtkollektiv als auch in der Gruppe der CIPN-Patienten (n=10). Trotzdem lässt die geringe Zahl an Patienten noch immer keine aussagekräftige Evidenz zur Wirksamkeit zu.

QUCIP-Studie

Primäre Endpunkte

Daran knüpft die QUCIP an – eine multizentrische, nicht-interventionelle Beobachtungsstudie zur lokalen Behandlung der CIPN bei Mammakarzinom-Patientinnen, die zur Behandlung der Schmerzen ein Capsaicin-Pflaster (QUENTENZA®) erhalten. Die zentrale Frage der Studie mit mind. 77 Patientinnen ist, ob der neuropathische Schmerz, einschließlich der neuropathischen Symptome durch eine Behandlung von 8%igem Capsaicin (179 mg) in Form eines kutanen Pflasters unter Alltagsbedingungen reduziert werden kann. Außerdem stehen die Auswirkungen auf die Lebensqualität im Vordergrund.

Einschlusskriterien

Eingeschlossen werden Patientinnen mit folgenden Charakteristika:

Ausschlusskriterien

Nicht aufgenommen werden Patientinnen, die
  • sich unter palliativer Chemotherapie befinden,
  • schwanger sind,
  • eine Kontraindikation gemäß der Fachinformation zu Capsaicin 179 mg aufweisen,
  • unter einer Polyneuropathie anderer Genese leiden,
  • nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Verlauf

Das Capsaicin-Pflaster wird jeweils 30 Minuten an den Füßen und 60 Minuten an anderen Körperstellen appliziert. Innerhalb von 9 Monaten kommt es zu 3 Applikationen. Dabei werden beide telefonischen Befragungen und die 3 Visiten dokumentiert. Der Hauptzielparameter sind die neuropathischen Schmerzen sowie neuropathische Symptome.
Als sekundäre Zielparameter wurden unter anderem festegelegt:
  • Schmerzintensität,
  • Schmerzreduktion,
  • CIPN-bezogene Lebensqualität,
  • Schlafqualität,
  • Zufriedenheit mit der Therapie von Patientin und Arzt,
  • Reduktion der begleitenden Schmerzmedikation,
  • Größe des schmerzhaften Areals bei Mehrfachapplikation,
  • Verträglichkeit,
  • Kosten.
Die Rekrutierung der Patientinnen hat sich Pandemie-bedingt verzögert. Mit dem Abschlussbericht kann daher im Februar 2023 gerechnet werden.

Fazit

Aufgrund der geringen Probandenzahl fehlt es den bislang durchgeführten Studien an Aussagekraft. Trotzdem weisen sie eindeutig darufhin, dass Capsaicin eine wirksame, gut verträgliche Behandlungsoption bei lokalisierten neuropathischen Schmerzen darstellt. Bei der schmerzhaften CIPN werden spontane Schmerzen wie auch die typischen Neuropathie-Symptome reduziert. Es ist also anzunehmen, dass auch die QUCIP-Studie mit einer höheren Patientinnenkohorte zu vergleichbaren Ergebnissen kommen wird.

Susanne Morisch

Quelle: Online-Lunch-Symposium „Mehr als eine Nebenwirkung – Chemotherapie-induzierte Polyneuropathie (CIPN) erkennen und topisch behandeln“, 18.06.2021; Veranstalter: Grünenthal


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