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19. Juni 2021
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Britische Real-World-Studie: Kardiovaskuläres Risikomanagement bei MPN-Patienten in der Primärversorgung nicht optimal

Patienten, die an einer myeloproliferativen Neoplasie (MPN) leiden, haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein deutlich erhöhtes Risiko für venöse und arterielle Thrombosen, die mit erhöhter Morbidität und Mortalität einhergehen (1, 2). Eine britische Kohortenstudie, deren Daten beim EHA-Kongress 2021 vorgestellt wurden, untersuchte auf Basis eines großen landeseigenen Patientenregisters die kardiovaskuläre Gesundheit und das Thromboserisiko von MPN-Patienten in der Primärversorgung im Vereinigten Königreich (3). Dabei wurde deutlich, dass bezüglich des Managements kardiovaskulärer Risiken von MPN-Patienten in der Primärversorgung Optimierungsbedarf besteht.
Im Vereinigten Königreich werden MPN-spezifische Behandlungen in der Regel von spezialisierten Hämatologiezentren im Rahmen der Sekundärversorgung durchgeführt, während Erkrankungen, die mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergehen, Bestandteil der Primärversorgung sind. Nun wurde eine britische retrospektive Kohortenstudie mit MPN-Patienten durchgeführt, deren Daten der vom National Health Service finanzierten Datensammlung Clinical Practice Research Datalink (CPRD) entstammen. Dabei sollte insbesondere geprüft werden, ob MPN-Patienten mit ihrem erhöhten Risiko für thromboembolische Ereignisse (TEs) in der Primärversorgung ausreichend berücksichtigt und adäquat behandelt werden.

Wie Dr. Frederick Chen, London, UK, beim EHA 2021 berichtete, wurden im Studienzeitraum vom 01.01.2012 bis 21.08.2019 erwachsene Patienten mit der Erstdiagnose Polycythaemia vera (PV), Essentielle Thrombozythämie (ET) oder primäre Myelofibrose (MF) erfasst und über mindestens 24 Monate nachbeobachtet. Das einzige Ausschlusskriterium für die Teilnahme an der Studie war Schwangerschaft. Ziel der Untersuchung war es, die Epidemiologie und die Risikofaktoren von MPN-Patienten in der Versorgungsroutine zu erfassen und darüber hinaus Informationen über die Komorbiditäten der Patienten (ermittelt via Charlson-Komorbiditäts-Index), ihr thrombotisches/kardiovaskuläres Risikoprofil vor der MPN-Diagnose sowie das Auftreten von TEs und kardiovaskulären Ereignissen nach der Diagnose zu erhalten. Die Daten wurden deskriptiv analysiert.

Unter den insgesamt etwa 19,5 Millionen im CPRD erfassten Patienten wurden 2.477 Patienten mit MPN identifiziert (medianes Alter 68 Jahre), die für die Analyse in Frage kamen, davon 1.315 mit PV, 336 mit ET, 146 mit MF und 680 mit nicht näher spezifizierten MPN. Die Prävalenz von PV und MF war damit weitgehend konsistent mit der in anderen epidemiologischen Studien, während die Prävalenz von ET im CPRD niedriger war als in Vergleichsuntersuchungen. 89,89% aller MPN-Patienten hatten einen Charlson-Komorbiditäts-Index von 0–2 und 96,25% einen von 0–5, die Studienteilnehmer wiesen demnach vergleichsweise wenige Komorbiditäten auf. Die Prävalenz von MPN lag bei 12,72 pro 100.000, wobei die PV mit 6,75 pro 100.000 der häufigste MPN-Subtyp war, gefolgt von ET (1,73 pro 100.000) und MF (0,75 pro 100.000).

In der gesamten MPN-Kohorte waren vor der Diagnose 325 Thrombose-Fälle aufgetreten, wobei die mediane Zeit von der Thrombose bis zur MPN-Diagnose 3.100,8 Tage (ca. 8,5 Jahre) betrug. In der Gesamt-MPN-Population wurden als die häufigsten kardiovaskulären Risikofaktoren vor der MPN-Diagnose Rauchen (59,8 %) und das Vorliegen einer ischämischen Herzerkrankung (27,7%) identifiziert, seltener waren Hypertonie (14,6%), Diabetes (13,1%), Dyslipidämie (12,8%) und Fettleibigkeit (8,8%). Um das individuelle kardiovaskuläre Risiko zu senken, wurden 88,9 % der Patienten mit Hypertonie, 82,4% der Patienten mit Dyslipidämie und 77,9% der Patienten mit Diabetes mellitus mit entsprechenden Medikamenten behandelt.

Nach der MPN-Diagnose traten 372 TEs und/oder kardiovaskuläre Ereignisse ein, davon 214 bei der PV, 64 bei der ET, 9 bei der MF und 85 bei den nicht näher spezifizierten MPN. Die häufigsten mit Thrombosen assoziierten Ereignisse waren Schlaganfall (27,2%), tiefe Venenthrombosen (17,7%) und Myokardinfarkt (14,8%). Myokardinfarkte wurden besonders häufig bei der PV (15,9%) und seltener bei der ET (10,9%) dokumentiert; bei der MF wurde kein einziger Myokardinfarkt beobachtet.

Die Autoren betonen, dass die aktuelle Kohortenstudie die erste überhaupt ist, die die kardiovaskuläre Gesundheit und das Thromboserisiko britischer MPN-Patienten in der Primärversorgung auf Basis des CPRD untersucht. Die epidemiologischen Daten im Vereinigten Königreich entsprechen weitgehend vergleichbaren Untersuchungen aus anderen Regionen und bestätigen das erhöhte Risiko für Thrombosen und kardiovaskuläre Ereignisse bei MPN-Patienten im Vergleich zur Normalbevölkerung. Kritisch merken die Autoren an, dass im britischen Datensatz bei immerhin 680 von 2.477 Patienten die MPN-Erkrankung nicht näher spezifiziert war. Zudem sei deutlich geworden, dass 11,1% bis 22,1% der Patienten mit Komorbiditäten, die mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko einhergehen (Hypertonie, Diabetes, Dyslipidämie), nicht adäquat pharmakologisch behandelt würden. Die Autoren sehen einen Verbesserungsbedarf für das Management kardiovaskulärer Risiken von MPN-Patienten sowie die Notwendigkeit, die Koordination an der Schnittstelle von Primär- und Sekundärversorgung zu verbessern.
 

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Dr. Claudia Schöllmann

Quelle: Virtuelle Jahrestagung der European Hematology Association (EHA) vom 9.-17. Juni 2021

Literatur:

(1) Spivak JL. Myeloproliferative Neoplasms. N Engl J Med 2017; 376: 2168-2181.
(2)  Ellis HM et al. Treatment of thromboembolic events coincident with the diagnosis of myeloproliferative neoplasms: a physician survey. Thromb Res 2014; 134: 251-254.
(3) Chen F et al. An epidemiological study of the cardiovascular health and thrombotic risk profiles of patients with myeloproliferative neoplasms in primary care across the United Kingdom. EHA 2021, Abstract EP1090 und e-Poster.


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