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JOURNAL ONKOLOGIE – NEWS
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21. März 2018

Zweifel an der Wirksamkeit von Cannabis gegen Krebs

Eine Forschungsgruppe der Medizinischen Universität Graz untersuchte in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt, welche Rolle körpereigene Rezeptoren für Cannabinoide bei Dickdarmkrebs spielen. Dabei konnte gezeigt werden, dass manche dieser Rezeptoren eine krebsfördernde Wirkung haben können (1).
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Die Rolle von Cannabis als Gesellschaftsdroge wird derzeit heiß diskutiert. Neben Überlegungen zu einer möglichen Freigabe geraten Cannabinoide als Medikament in den Fokus der Forschung, insbesondere bei Krebserkrankungen. So ist bekannt, dass Cannabis die Nebenwirkungen der Chemotherapie bekämpfen kann, indem es Appetit anregt und Übelkeit bekämpft, weshalb Medizinhanf in Deutschland seit Kurzem ärztlich verschrieben werden kann. Dessen Inhaltsstoff THC ist schon länger als Medikament zugelassen.

Cannabis wirkt sich auch direkt auf Krebserkrankungen aus: An Mäusen ließ sich zeigen, dass bestimmte Cannabinoid-Rezeptoren des Körpers eine Schutzfunktion haben und die Metastasenbildung hemmen können, etwa bei Leukämie (2). Es gibt aber noch eine Reihe weiterer Rezeptoren, die mit den oben genannten in Verbindung stehen, und über deren Reaktion auf Cannabinoide wenig bekannt ist. Eine Forschungsgruppe um den Pharmakologen und Biologen Rudolf Schicho von der Medizinischen Universität Graz hat nun untersucht, wie sich ein Membranrezeptor namens GPR55, der auf Cannabinoide reagiert und mit Cannabinoid-Rezeptoren zusammenarbeitet, auf die Entwicklung von Dickdarmkrebs auswirkt. Dabei zeigte sich, dass eine positive Wirkung von Cannabis bei Weitem nicht so klar ist wie erhofft.

Cannabis kann positiven Effekt haben

„Cannabinoid-Rezeptoren spielen eine wichtige Rolle bei Krebs“, erklärt Schicho. „Aus Forschungen an Mäusen weiß man, dass ein Ausschalten des bekanntesten Cannabinoid-Rezeptors zur Bildung von Tumoren im Darm führt“ (3). Das würde darauf hindeuten, dass Cannabis einen positiven Effekt bei Krebs hat. Das Endocannabinoid-System, das auf Cannabis anspricht und etwa Appetit, Emotionen, Energiehaushalt oder auch Schmerz und Immunabwehr reguliert, besteht aber aus einer ganzen Reihe weiterer Rezeptoren, die miteinander im Zusammenhang stehen. Dazu gehört auch der Rezeptor GPR55. „Dieser Rezeptor tritt im Darm sehr häufig auf und spielt dort eine wichtige Rolle“, sagt Schicho. Seine Rolle bei Dickdarmkrebs sei bisher nicht untersucht worden. „Die Wirkung von Cannabinoiden für diese Krebsart ist weitgehend unbekannt.“

Mäuse mit fehlendem Rezeptor

Für ihre Forschungen haben Schicho und sein Team bei Mäusen ein bestimmtes Gen ausgeschaltet, sodass diesen der Rezeptor GPR55 fehlte. Eine Beobachtung war, dass diese Mäuse weniger Tumoren im Dickdarm bildeten als gewöhnliche Mäuse. Das war erwartet worden, dieses Ergebnis kannte man aus Forschungen zu Hautkrebs. Der Rezeptor GPR55 fördert also das Tumorwachstum, im Gegensatz zu anderen Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems.

„Das Neue war, dass wir uns die Mikroumgebung des Tumors angesehen haben. Ein Tumor besteht nicht nur aus Tumorzellen – es gibt dort immer auch eine große Zahl von Leukozyten.“ Die Analyse der Leukozyten-Population von Krebspatientinnen und -patienten hilft in der Praxis dabei, den Verlauf der Krankheit einzuschätzen. „Bei den Mäusen ohne GPR55 beobachteten wir eine völlig veränderte Leukozyten-Population“, erklärt Schicho. Diese habe das Tumor-Wachstum gebremst. Das bedeutet daher umgekehrt, dass der Rezeptor GPR55 das Tumor-Wachstum fördert.
Die Leukozyten spielen aber auch eine wichtige Rolle bei der Metastasenbildung. In dem FWF-Projekt zeigte sich, dass ein Ausschalten des Rezeptors GPR55 das Auswandern der Krebszellen in die Leber behindert. „Das lässt sich womöglich gegen die Bildung von Metastasen verwenden“, sagt Schicho, der sich von diesen Ergebnissen auch Auswirkungen auf die Etablierung von Immuntherapien gegen Krebs verspricht.

Die Wirkung von Cannabis verstehen

Schicho betont, dass es sich um Grundlagenforschung handelt und mögliche Medikamente gegen GPR55 vielleicht erst in 10 Jahren zu erwarten seien. Cannabis werde allerdings schon jetzt als Medikament eingesetzt und man müsse verstehen, wie es auf Krebspatientinnen und -patienten wirke. Bisherige positive Ergebnisse seien nun infrage gestellt: „Im Endocannabinoid-System gibt es neben Rezeptoren, die vor Krebs schützen, auch solche, die Krebs fördern“, fasst der Grazer Wissenschafter zusammen. Schicho betont die politische Bedeutung dieser Ergebnisse: „Es wird oft behauptet, Cannabis sei gut, man könne das bei diesen und jenen Krankheiten verschreiben. Es gilt aber zu bedenken, wie Cannabis eigentlich wirkt. Bevor man gesellschaftspolitisch beurteilen kann, ob Cannabis freigegeben werden soll oder als Medikament verwendet wird, müssen wir mehr darüber wissen.“
Quelle: Wissenschaftsfonds FWF
Literatur:
(1) Hasenoehrl C et al. Int J Cancer 2018;142(1):121-132. doi:10.1002/ijc.31030.
(2) Kargl J et al. Br J Pharmacol 2016;173(1):142-54. doi:10.1111/bph.13345.
(3) Hasenoehrl C et al. Neurogastroenterol Motil 2016;28(12):1765-1780. doi:10.1111/nmo.12931.
 
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