Sonntag, 26. Mai 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

22. März 2018 Verhungern Krebspatienten in unserer Wohlstandsgesellschaft?

„Ein sträflich vernachlässigtes Thema bei der Behandlung von Krebspatienten ist deren Ernährungsstatus“, monierte der niedergelassene Onkologe Dr. Oliver Marschal, Braunschweig, auf einem DKK-Satellitensymposium. Dabei geht eine unzureichende Ernährung nicht nur mit einer erhöhten Mortalität, sondern auch mit mehr Nebenwirkungen in der onkologischen Behandlung und mit einem schlechteren Ansprechen auf diese Therapien einher.
Außerdem verschlechtert sich durch Mangelernährung ein äußerst relevanter Eckpfeiler jeder onkologischen Therapie, nämlich die Lebensqualität. „Dadurch sinkt das Selbstwertgefühl von unseren Patienten dramatisch, etwa wenn sie im Spiegel nur noch einen abgemagerten Körper erblicken“, gibt Marschal zu bedenken. Und eine Kachexie kommt selten allein: „Denn sie ist assoziiert mit Schmerzen, Fatigue, Übelkeit, aber auch mit Angst, Verwirrung und schweren Depressionen.“

Die harten Fakten, so der Onkologe: 30 bis 50% der Krebspatienten weisen bereits bei Diagnosestellung Mangelernährungszeichen auf (1). Und zirka 50.000 Tumorpatienten sterben pro Jahr in Deutschland direkt an Mangelernährung (2) – „unbemerkt von jedweder Öffentlichkeit“, fügt Marschal hinzu. Auch von medizinischer Seite wird diesem Thema nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet, weil seitens der Kostenträger keinerlei Abrechnungssmöglichkeit vorgesehen ist.

Wenn überhaupt eine Ernährungsunterstützung angeboten wird, kommt sie in der Endphase der onkologischen Erkrankung, und damit meist zu spät, „um noch wirklich nützlich sein zu können.“ Marschal empfiehlt jedem Arzt, der mit Krebskranken oder z.B. unterernährten geriatrischen Patienten zu tun hat, einen permanenten Kontakt zu Ernährungswissenschaftlern oder Diätassistenten aufzubauen. „Das sind meist hochqualifizierte Personen, die den Arzt sehr effektiv in solchen Fragen unterstützen können.“

Zwar gibt es klare Empfehlungen hinsichtlich der Art der enteralen und parenteralen Ernährung durch Leitlinien (3, 4), was aber leider von den Kostenträgern bei ihren Regressforderungen nicht berücksichtigt wird. „Da wird dann eine kostengünstigere Alternative zum Dreikammer-Beutel verlangt, obwohl dies ernährungsmedizinisch und hygienisch nicht vertretbar ist.“

Enorme Effekte von Krafttraining bei Krebs

Die Ernährungsmedizinerin Prof. Dr. med. Yurdagül Zopf, Erlangen, ergänzte, dass eine Mangelernährung oftmals von einer systemischen Inflammation begleitet wird. Außerdem steht ein schlechteres Überleben mit einem erhöhten Verlust an Muskelmasse in eindeutigem Zusammenhang (5). Daher ist eine ausreichende Ernährung stets mit entsprechender Bewegung, nach Möglichkeit sogar (Kraft-)Training zu verbinden, damit die zugeführte Energie in Muskulatur umgesetzt werden kann.

Ein entscheidender Faktor bei der Ernährung ist dabei die ausreichende Zufuhr an Eiweiß. Benötigt ein gesunder Mensch ungefähr 0,8 g pro kg Körpergewicht am Tag, so steigt dieser Bedarf bei Krebspatienten aufgrund eines veränderten Metabolismus auf bis zu 1,5 g/kg KG/d. Dieser Bedarf kann gesichert werden durch eine parenterale Ernährung etwa mit einem Dreikammerbeutel (z.B. Olimel®), der eingesetzt werden sollte, wenn eine orale oder enterale Ernährung nicht mehr möglich ist.

Für Personen, die nicht mehr die ausreichende Stärke für ein eigenständiges Muskeltraining haben, gibt es mittlerweile ausgezeichnete Hilfsmittel wie eine Weste mit Elektro-Muskel-Stimulation. „Damit konnten weitgehend immobilisierte Patienten wieder zum eigenständigen Training zurückgeführt werden“, konstatiert Zopf.

Reimund Freye

Quelle: Satellitensymposium: Die verpasste Chance in der Tumortherapie, im Rahmen des 33. Deutschen Krebskongresses 2018, Berlin, 23. Febr. 2018; Veranstalter: Baxter

Literatur:

(1) Bachmann J et al. J Gastrointest Surg 2008; 12(7): 1193-201.
(2) Müller MC et al. Mangelernährung in Deutschland (Studie). ISBN-13: 978-3000226786.
(3) Lordick F et al. Ann O ncol 2016; 27(suppl 5): v50-v57;doi:10.1093/annonc/mdw329.
(4) Arends J et al. S3-Leitlinie der DGEM; Aktuel Ernahrungsmed 2015; 40: e1-e74.
(5) Blauwhoff-Buscermolen S et al. J Clin Oncol 2016; 34(12):1339-44.


Das könnte Sie auch interessieren

Frauenärzte der GenoGyn fordern Maßnahmen gegen riskanten Alkoholkonsum

Frauenärzte der GenoGyn fordern Maßnahmen gegen riskanten Alkoholkonsum
© karepa / Fotolia.com

Beim Alkoholkonsum belegt Deutschland im weltweiten Vergleich stets Spitzenplätze: Rund zehn Liter reinen Alkohols werden hierzulande nach aktuellen Informationen des Bundesgesundheitsministeriums jedes Jahr pro Kopf getrunken und verursachen alljährlich volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von 26,7 Milliarden Euro. „Obwohl Erkenntnisse über das Suchtpotenzial von Alkohol in der Gesellschaft inzwischen hinlänglich verbreitet sind, finden Bier, Wein und...

Brustkrebs bei Männern

Brustkrebs bei Männern
© Zerbor / fotolia.com

Jährlich erkranken zwischen 600 und 700 Männer an Brustkrebs. Das macht rund ein Prozent aller Brustkrebsfälle aus. Da es für Männer keine Brustkrebs-Früherkennungsprogramme gibt und der Gedanke an Krebs zunächst fern liegt, wird die Erkrankung beim Mann meist erst in späteren Stadien diagnostiziert als bei Frauen. Dadurch verstreicht wertvolle Zeit, die bei der Behandlung fehlt. Wie Brustkrebs beim Mann entsteht, erkannt und behandelt wird,...

Erstes bundesweites Sommertreffen junger engagierter Krebspatienten

Erstes bundesweites Sommertreffen junger engagierter Krebspatienten
© Frantab / fotolia.com

„Danke für den gemeinsamen Spirit. Möge er uns weiter beflügeln“, so ein Feedback zum ersten Sommertreffen junger Krebspatienten in Deutschland. Frauen und Männer aus der gesamten Bundesrepublik kamen vom 29. Juni bis 1. Juli 2018 das erste Mal in Lauterbach (Hessen) zu einem gemeinsamen Kennenlernen und Austausch zusammen. Die etwa 50 Teilnehmer engagieren sich in den TREFFPUNKTEN der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Die Stiftung hatte...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Verhungern Krebspatienten in unserer Wohlstandsgesellschaft?"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.