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Medizin

04. März 2020 Prostatakarzinom: ADT als Therapiestandard

Für Patienten mit Prostatakarzinom (PC) aus Berlin/Brandenburg wird es künftig ein Hauptstadturologie-Netzwerk geben. Prof. Dr. Kurt Miller, Berlin, erläuterte die Ziele und die geplante Umsetzung auf einer Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Krebskongresses (DKK). Zudem spannte er den Bogen von laufenden Studien zur PCa-Therapie über den derzeitigen Behandlungsstandard bis hin zur jahrelang bewährten Androgendeprivation, beispielsweise mit Triptorelin (Pamorelin®).
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In der Medizin hat es nach den Ausführungen von Miller, Berliner Charité, in den letzten Jahren enorme Fortschritte gegeben. Als Beispiel nannte er die Gentherapie basierend auf der Crispr/Cas9-Schere, mit deren Hilfe erstmals 2 Patientinnen mit Beta-Thalassämie und Sichelzellanämie womöglich geheilt werden konnten (1).

Targeted therapy

Neue Erkenntnisse über den Einfluss individueller Unterschiede im genetischen Profil und molekularbiologischer Mechanismen auf die Pathogenese von Krebs revolutionierten in den letzten Jahren auch die Tumortherapie. Die Behandlung von Krebs auf der Basis von molekular-genetischen Untersuchungen und Biomarkern im Tumorgewebe oder Blut ist Grundlage der maßgeschneiderten Therapie („targeted therapy“), die sehr zielgerichtet in diese Pathologie eingreift.

PARP-Inhibitoren

Bekannte Beispiele für diese Mechanismen sind bestimmte Genveränderungen – BRCA1/2- oder ATM-Mutationen – die auf Defekte der Reparatur von Schäden im Erbmaterial hinweisen. PARP-Inhibitoren (Poly(ADP-Ribose)-Polymerase) greifen gezielt in diese genetisch bedingten Krankheitsprozesse ein. Wichtige Vertreter einer Biomarker-orientierten Therapie sind Checkpoint-Inhibitoren mit immunonkologischer Wirkung, durch die bei einzelnen Krebserkrankungen wie Hautkrebs oder Lungenkrebs bereits bahnbrechende Erfolge erzielt wurden (2).

Hauptstadturologie-Netzwerk

Damit derartige Erkenntnisse schneller bekannt und im Behandlungsalltag umgesetzt werden, haben Miller und Kollegen vom urologischen Tumorzentrum der Berliner Charité das Hauptstadturologie-Netzwerk gegründet. Es soll modernste Diagnostik und damit die zielgerichtete Behandlung von Prostatakarzinom-Patienten überall in Berlin/Brandenburg verfügbar machen. „Jeder 5. Tumor ist urologischen Ursprungs und gerade das Prostatakarzinom gilt heutzutage immer noch als der häufigste Tumor des Mannes“, begründete Miller die Wahl der Indikation.

Anonymisierte Patientenplattform

Das Herzstück des Netzwerkes, das Ende Februar startet, ist eine Plattform, auf der sich die Patienten und die ihnen vertrauten Ärzte registrieren und die Patientendaten anonymisiert eingeben können. Unabhängig davon, wo der Patient in der Region lebt, erhält er von seinem Arzt im Netzwerk immer die neuesten Informationen und beispielsweise Vorschläge für die Teilnahme an aktuellen Studien. Darüber hinaus profitiere der Patient, weil seine Daten nicht nur von seinem behandelnden Arzt, sondern über die Plattform zudem durch ein Team von Spezialisten der Charité kontrolliert und ausgewertet werde, erläuterte Miller. Erkrankungsstadium und Risikograd werden dadurch beispielsweise genauer differenziert.

Genomanalyse

Derzeit erhalten weniger als 5% aller Krebspatienten in Deutschland eine Genomanalyse, die eine wichtige Grundlage für individuelle Therapieentscheidungen und den Einsatz von modernen, zielgerichteten Therapien ist. Die Charité bietet bereits jetzt Prostatakarzinom-Patienten, die dort an Studien teilnehmen, eine Genomanalyse an. In einem nächsten Schritt sollen gemäß Miller Patienten, die im Hauptstadturologie-Netzwerk registriert sind, auch unabhängig von Studienteilnahmen die Möglichkeit erhalten, ihr Genom untersuchen zu lassen.

Neue Entwicklungen beim Prostatakarzinom

Beim Prostatakarzinom steht die „targeted therapy“ noch am Anfang. Jedoch wurde auch hier beispielsweise ein gehäuftes Auftreten von BRCA1/2-Mutationen gerade bei aggressiven Tumoren nachgewiesen. Daher gibt es laut Miller inzwischen erste klinische Studien zur Behandlung des Prostatakarzinoms mit PARP-Inhibitoren.
Er stellte eine Phase-III-Studie vor, in der der Einsatz eines PARP-Inhibitors bei Patienten mit einem Prostatakarzinom im späten Stadium (mit einem metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom bzw. mCRPC) nach Versagen einer vorherigen mCRPC-Therapie überprüft wurde, bei denen BRCA1/2- oder ATM-Mutationen vorliegen (3). Wie eine Auswertung dieser Studie ergab, weisen ca. 10% der mCRPC-Patienten BRCA1/2- und weitere 6% ATM-Mutationen auf (4). „Damit eröffnen sich für Patienten mit diesem pathogenetischen Profil Möglichkeiten für eine individualisierte Therapie“, betont Miller.
Er berichtete von weiteren, bereits laufenden oder geplanten Studien zur Wirksamkeit von anderen PARP-Inhibitoren beim mCRPC, in die Patienten bereits jetzt bzw. künftig eingeschlossen werden können. „Darauf weisen wir dann natürlich Patienten mit passenden Einschlusskriterien und deren Ärzte aus Berlin-Brandenburg im Rahmen unseres Netzwerkes hin“, hob er hervor. Auch zur Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren beim mCRPC werde es demnächst mehrere Studien geben, ergänzte Miller.

ADT – Therapiestandard beim Prostatakarzinom

Aufgrund der zentralen Rolle von Androgenen für das Wachstum bösartiger Prostatakrebszellen bilde die Androgendeprivationstherapie (ADT) seit Jahrzehnten das Fundament der medikamentösen Therapie, hob Miller hervor. Die aktuell gültige S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom empfiehlt eine ADT bereits bei lokal fortgeschrittenen Stadien als (neo)adjuvante Therapie begleitend zur Strahlentherapie (5). Auch Patienten mit positivem Lymphknotenstatus können nach radikaler Prostatektomie oder Strahlentherapie von einer ADT profitieren (5). Für metastasierte Stadien ist die ADT Standard der Therapie (5).

ADT zentraler Bestandteil aller neuen Therapieregime

Mit Einführung der Hormontherapien der 2. Generation, wie Abirateron, Enzalutamid oder Apalutamid stehen seit einigen Jahren neue antiandrogene Wirkprinzipien zur Therapie metastasierter und/oder kastrationsresistenter Formen des Prostatakarzinom (mCRPC, mHSPC,M0CRPC) zur Verfügung (6-8). Miller betonte, dass die Kombination dieser neuen Hormontherapien mit der Standard-ADT wie auch die Fortführung der ADT-Basistherapie bei Patienten, die eine Chemotherapie erhalten, zentraler Bestandteil aller neuen Therapieregime bleibt, weil die LHRH-vermittelte Blockade der Testosteron-Ausschüttung aus den Hoden bei Fortschreiten der Erkrankung weiterhin eine Rolle spielt (9, 10).
Dies gilt auch für die neuesten Studien mit bislang nicht zugelassenen Wirkstoffen, wie den PARP-Inhibitoren beim mCRPC (3).
Darüber hinaus gewährleistet die dauerhafte Wirkstofffreisetzung aus den LHRH-Depotformulierungen mit Wirkungsdauer über 1, 3 oder 6 Monate eine hohe Zuverlässigkeit und Therapiesicherheit für die Patienten, betonte Miller.

Wirkprofilunterschiede der ADT

Gemäß Miller steht eine Reihe von LHRH-Agonisten zur Testosteronsenkung zur Verfügung, die sich laut verfügbarer Daten im individuellen Wirkprofil unterscheiden. So zeigte sich in einer aktuellen retrospektiven Auswertung von Therapiedaten von Shim et al., dass Triptorelin (Pamorelin®) im Vergleich zu Goserelin und Leuprorelin im Durchschnitt die niedrigsten Testosteron-Werte und die höchste Rate an Patienten mit Kastrationswerten < 10 ng/dl erzielte (11).
Die Ergebnisse untermauern eine ältere Studie, in der die Kastration über einen Zeitraum von 9 Monaten bei Einsatz von Triptorelin besser aufrechterhalten werden konnte als bei Einsatz von Leuprorelin (12). Diese Wirkprofilunterschiede könnten insbesondere bei Kombination der ADT mit einer Chemotherapie wie Docetaxel oder Cabazitaxel eine Rolle spielen, betonte Miller.

Im Hauptstadturologie-Netzwerk registrieren

Der Prostatakarzinom-Experte appellierte abschließend, dass sich möglichst viele Patienten – zunächst in Berlin/Brandenburg, künftig u.U. auch bundesweit – in dem Hauptstadturologie-Netzwerk registrieren sollten, damit sie von der bestmöglichen Diagnostik, von einer maßgeschneiderten Therapie sowie von neuen oder in der Entwicklung befindlichen Behandlungsmethoden profitieren.

Quelle: Ipsen


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