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Medizin

15. Mai 2017
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Onkologische Supportivtherapie: Neues zur Antiemese, Neutropenie-Prophylaxe und zur Integration der Selentherapie

Die überwiegende Mehrheit der Tumorpatienten in Deutschland leidet unter Selenmangel. Insbesondere nach einer Strahlentherapie werden stark defizitäre Werte gemessen. Über das Potenzial einer Substitution bei diagnostiziertem Selendefizit mit anorganischen Selen in Form von Natriumselenit berichtete Dr. Peter Holzhauer, Oberaudorf. Nach ersten vielversprechenden Studienergebnissen forderte er weitere Studien in der onkologischen Supportivtherapie. Febrile Neutropenien sind eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation vieler Chemotherapieprotokolle. Eine Prophylaxe mit Granulozyten-koloniestimulierenden Wachstumsfaktor (G-CSF)-Präparaten wie Pegfilgrastim (Neulasta®) kann helfen, Mortalität (1,2) und Morbidität durch febrile Neutropenien zu reduzieren, stationäre Aufenthalte zu vermeiden und die geplante Dosisintensität der Chemotherapie zu erhalten, erklärte Prof. Hartmut Link, Kaiserslautern. Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen werden durch verschiedene Pathomechanismen ausgelöst. Die aktuellen Antiemese-Leitlinien nationaler und internationaler Fachgesellschaften empfehlen bei hoch emetogenen Chemotherapien und seit Neuem auch bei bestimmten moderat emetogenen Substanzen wie Carboplatin vor der Chemotherapie ein antiemetisches Kombinationsregime aus 5-HT3-Rezeptortantagonist, NK1-Rezeptorantagonist und Dexamethason, berichtete Prof. Karin Jordan, Heidelberg. Ein neuer NK1- Rezeptorantagonist mit besonders langer Halbwertszeit ist Rolapitant, dessen Zulassung in der EU im April 2017 erwartet wird.
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Immer mehr Tumorpatienten fordern supportive und komplementäre Maßnahmen ein. Diese gewinnen damit im klinischen Alltag an Bedeutung und entwickeln sich beständig fort, konstatierte die Moderatorin des 37. Münchener Fachpresseworkshops, Prof. Petra Feyer, Berlin. Die Integration von Selen in die onkologische Supportivtherapie steht noch am Anfang, wie Dr. Peter Holzhauer, Oberaudorf, berichtete. Selen ist ein essentielles Spurenelement und entfaltet als Bestandteil von Selenoproteinen zahlreiche pleiotrope Effekte. Selen wirkt antiinflammatorisch, antioxidativ, zytoprotektiv und spielt eine wesentliche Rolle bei DNA-Reparaturvorgängen sowie im Schilddrüsenstoffwechsel. Für den Bereich der Onkologie und Hämatologie sind neben der Optimierung von DNA-Reparaturmechanismen bei gesunden Zellen vor allem wichtige immunologische Abläufe wie Aktivierung des T-Zell-Rezeptors und Antikörper vermittelte Zytotoxizität (ADCC) abhängig von einer ausreichenden Versorgung mit Selen, sagte Holzhauer. Darüber können Selenmetabolite selektiv für Tumorzellen Apoptose auslösen.

Anorganisches Selen: Hohe Bioverfügbarkeit

„Selen ist allerdings nicht gleich Selen. In Deutschland wird bei onkologischen Patienten Natriumselenit eingesetzt“, so Holzhauer weiter. Anorganisches Selen wird selektiver in Selenoproteine eingebaut. Die Auswahl des geeigneten Selenmetaboliten für die Substitution sei von großer Bedeutung, so Holzhauer. Während anorganische, redoxaktive Selenverbindungen wie Natriumselenit unmittelbar bioverfügbar seien („nach 30 Minuten wird das anorganisches Selen bereits in Selenoproteine eingebaut“), würden organische Selenverbindungen überwiegend unspezifisch in Strukturproteine eingebaut. Erst nach drei bis vier Monaten sei organisch gebundenes Selen in Selenproteinen nachweisbar. „Organisches Selen ist damit als nicht bioverfügbarer Metabolit therapeutisch völlig ungeeignet und für onkologische Anwendungen obsolet“, sagte Holzhauer. Organisch gebundenes Selen könne zudem im Organismus kumulieren, während anorganisch gebundenes Selen im Falle einer Überdosierung ausgeschieden werde.

Substitution mit Natriumselenit nur bei nachgewiesenem Mangel

Deutschland ist wie viele europäische Länder Selenmangelgebiet. Als Optimalbereich für die Selenkonzentration werden derzeit 122 μg (130–150 μg/l im Serum), entsprechend 152,5 μg (167-188 μg/l) im Vollblut (3) diskutiert. Das Bundesministerium für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt Werte von 100-140 μg/l im Serum und 120 -160 μg/l im Vollblut an. Im Selendefizit sei keine ausreichende und optimale Aktivität von Selenoproteinen gewährleistet, sagte Holzhauer: „Ab der Untergrenze von 100 μg/l im Vollblut werden wichtige Selenoproteine wie die Glutathionperoxidase überhaupt erst aktiv“. In Deutschland lägen die durchschnittlichen Selenspiegel jedoch nur bei 70-80 μg/l im Serum. „80-90 % aller Tumorpatienten haben einen Selenmangel“, konstatierte Holzhauer. Eine Selensupplementation sollte nur bei Personen mit defizitärer Versorgungslage nach vorheriger Diagnostik durchgeführt werden. Deshalb sei es obligat, vor einer Substitution den Selenspiegel der Patienten zu messen. Es gelte der Grundsatz: „Nur Defizite, keine Normalwerte und nur mit anorganischem Selen substituieren.“

Selen in Form von Natriumselenit besitzt nach Angaben von Holzhauer eine sichere therapeutische Breite, Selentoxizitäten seien im Grunde nur bei einer dauerhaften extremen Überdosierung möglich. „In Nahrungsergänzungsmitteln wie Multivitamin-/Multimineral-Kombinationen ist fast ausschließlich organisch gebundenes Selen enthalten. „Selenvergiftungen durch solche Nahrungsergänzungsmittel mit Fingernagelveränderungen und Haarverlust wurden beobachtet“, berichtete Holzhauer.
 
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