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Medizin

04. Juni 2020 Onkologie VirtuOS: ASCO-Highlights deutscher Experten zur Therapie des Mammkarzinoms

Aus Sicht von Prof. Dr. Volkmar Müller, Hamburg, waren die interessanteren Resultate des diesjährigen ASCO im Hinblick auf die Therapie des Mammakarzinoms auf dem Gebiet der metastasierten Erkrankung erzielt worden, wie er anlässlich der – erstmal vollumfänglich digitalen – Veranstaltung „Onkologie VirtuOS“ erklärte. Aber auch die Primärtherapie lokaler Tumoren hatte neue Erkenntnisse hervorgebracht, die durchaus das Potenzial haben, die aktuellen Behandlungsstandards zu verändern.
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Primärtherapie beim lokalen Mammakarzinom

Wie Prof. Dr. Hans-Joachim Lück, Hannover, der die Online-Session moderierte, betonte, waren im Bereich des primären Mammakarzinoms vor allem zwei Phase-III-Studien wichtig. Die erste der beiden ist die von Dr. Seema A. Khan vorgestellte ECOG-ACRIN-2108-Studie, in der untersucht worden war, ob bei neu diagnostizierten Mammakarzinom-Patientinnen im Stadium IV und mit intaktem Primärtumor eine lokoregionale Therapie (LRT) das Gesamtüberleben (OS) nach einer optimalen systemischen Therapie (OST) verbessert (1). Es zeigte sich, dass es weder im Hinblick auf die Rate des 3-Jahres-OS signifikante Unterschiede gab (68,4% OST + LRT vs. 67,9% OST (HR=1,09; 90%-KI: 0,80-1,49; p=0,63)) noch in Bezug auf das progressionsfreie Überleben (PFS; p=0,40). Die gesundheitsbezogene Lebensqualität (Health Related Quality of Life, HRQoL) war im OST + LRT-Arm 18 Monate nach der Randomisierung signifikant schlechter als im OST-Arm. Das Fazit von Khan war daher, dass eine frühe lokale Therapie die Überlebenschancen von Patientinnen mit de novo metastasiertem Mammakarzinom bei intaktem Primärtumor nicht verbessert. Obwohl das Risiko einer lokalen Krankheitsprogression ohne LRT 2,5-fach erhöht war, verbesserte die LRT des Primärtumors die HRQoL nicht.

Die zweite interessante Studie war die TRAIN-2-Studie, in der Patientinnen mit HER2-positivem (HER2+) Mammakarzinom unter dualer HER2-Blockade eine neoadjuvante Chemotherapie mit oder ohne Anthrazykline erhalten hatten (2). Die Patientinnen bekamen entweder 3 Zyklen 5-Fluorouracil, Epirubicin und Cyclophosphamid (FEC), gefolgt von 6 Zyklen Paclitaxel und Carboplatin (PC) oder 9 Zyklen Paclitaxel + Carboplatin (PC), jeweils in Kombination mit Trastuzumab (T) und Pertuzumab (Ptz). Eine erste Analyse hatte bereits in beiden Armen hohe Raten an komplettem Ansprechen gezeigt. Nach einem medianen Follow-up von 48,8 Monaten waren nun auch die Raten des ereignisfreien Überlebens (EFS) für beide Arme etwa gleich: 92,7% für FECT-PTC-Ptz und 93,6% unter PTC-Ptz. Und auch die OS-Raten unterschieden sich kaum: 97,7% für FECT-PTC-Ptz und 98,2% für PTC-Ptz. Die Erstautorin der Studie, Dr. Anna van der Voort, schlussfolgerte daraus, dass Anthrazykline die Wirksamkeit der neoadjuvanten Chemotherapie nicht verbessern, wohl aber mit einer klinisch relevanten Toxizität assoziiert sind. Somit könne ein Carboplatin/Taxan-basiertes Regime zusammen mit einer dualen HER2-Blockade bei allen Mammakarzinom-Patientinnen im Stadium II-III in Betracht gezogen werden.  

Erstlinientherapie beim mTNBC

In der KEYNOTE-355-Studie wurden Patientinnen mit metastasiertem triple-negativen Mammakarzinom (mTNBC) 2:1 entweder zu Pembrolizumab + Chemotherapie oder Placebo + Chemotherapie randomisiert (3). Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von ca. 26 Monaten wurde das PFS unter der Chemoimmuntherapie bei Patientinnen mit einem CPS ≥ 10 signifikant und klinisch relevant verbessert im Vergleich zur alleinigen Chemotherapie: 9,7 Monate vs. 5,6 Monate (HR=0,65; p=0,0012). Auch bei Tumoren mit niedrigerer PD-L1-Expression (CPS ≥ 1) konnte eine Verlängerung des medianen PFS von 5,6 Monate auf 7,6 Monate beobachtet werden (HR=0,74; p=0,0014), die statistische Signifikanz wurde jedoch verfehlt. Ebenso war das PFS in der Intention-to-treat-Population zwar unter der Pembrolizumab-basierten Therapie verbessert (5,6 vs. 7,5 Monate; HR=0,82), aber auch hier nicht signifikant. Der PFS-Vorteil zugunsten der Chemoimmuntherapie war über alle vordefinierten Patientinnen-Subgruppen konsistent. Die Sicherheitsprofile stimmten in beiden Armen mit bereits aus früheren Studien bekannten überein.

HER2+ mBC

Vorbehandelte Patientinnen mit metastasiertem HER2+ Mammakarzinom (HER2+ mBC) wurden in der Phase-II-Studie HER2CLIMB in einer 2:1 Randomisierung entweder mit dem gegen HER2 gerichteten Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) Tucatinib zusätzlich zu Trastuzumab + Capecitabin oder aber Placebo + Trastuzumab + Capecitabin behandelt (4). Es zeigte sich, dass bei allen Patientinnen sowohl das PFS als auch das OS durch die zusätzliche Gabe des oralen TKIs signifikant verbessert werden konnten. Die nun auf dem ASCO 2020 von Dr. Nancy U. Lin vorgestellte Analyse der Studie zeigte nun, dass auch Patientinnen mit Hirnmetastasen profitieren. So wurde eine Reduktion des Risikos eines ZNS-PFS (definiert als Progress im Hirn oder Tod) um 68% im Tucatinib-Arm (HR=0,32; 95%-KI: 0,22-0,48; p<0,0001) beobachtet. Das mediane ZNS-PFS betrug 9,9 Monate im Verum-Arm vs. 4,2 Monate im Kontroll-Arm. Das Risiko zu versterben war insgesamt um 42% unter Tucatinib reduziert (OS: HR=0,58; 95%-KI: 0,40-0,85; p=0,005). Das mediane OS betrug 18,1 Monate (Tucatinib-Arm) vs. 12,0 Monate (Placebo-Arm). Das intrakranielle Gesamtansprechen war im Tucatinib-Arm höher mit 47,3% (95%-KI: 33,7-61,2) vs. 20,0% im Kontroll-Arm (95%-KI: 5,7-43,7). Die mediane Dauer des intrakraniellen Ansprechens betrug unter Tucatinib 6,8 Monate (95%-KI: 5,5-16,4) vs. 3,0 Monate unter Placebo (95%-KI: 3,0-10,3). Bei Patientinnen mit isolierter Hirnprogression, die die Studientherapie nach lokaler Behandlung fortsetzten, war das Risiko einer zweiten Progression oder von Tod um 67% reduziert (HR=0,33; 95%-KI: 0,11-1,02) und das mediane PFS seit Randomisierung lag bei 15,9 Monaten vs. 9,7 Monaten zu Gunsten des Tucatinib-Arms. Lin resümierte, dass Tucatinib in Kombination mit Trastuzumab und Capecitabin bei diesen z.T. stark vorbehandelten Patientinnnen mit vorliegenden Hirnmetastasen die ORR-IC verdoppelte und das Risiko einer IC-Progression oder Tod um zwei Drittel sowie das Risiko zu versterben um fast die Hälfte reduzierte. Diese Ergebnisse kommentierte auch Müller: "Dies wird wohl nach erfolgter Zulassung von Tucatinib auch in Deutschland ein neuer Behandlungsstandard für die Drittlinie werden."

sk

Quelle: Onkologie VirtuOS, 01.-03.06.2020; Veranstalter: Roche

Literatur:

(1) Khan SE et al. J Clin Oncol 38: 2020 (suppl; abstr LBA2).
(2) van der Voort A et al. J Clin Oncol 38: 2020 (suppl; abstr 501).
(3) Cortes J et al. J Clin Oncol 38: 2020 (suppl; abstr 1000).
(4) Lin NU et al. J Clin Oncol 38: 2020 (Suppl; abstr 1005).

 


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