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Medizin

30. August 2019 Neue diagnostische und therapeutische Strategien in der Dermato-Onkologie: Interview mit Kongresspräsident Prof. Dr. med. Edgar Dippel

Beim 29. Deutschen Hautkrebskongress vom 11. bis 14. September 2019 in Ludwigshafen werden von internationalen Experten die neuen dermato-onkologischen Studien zur Prävention, Diagnostik und Therapie vorgestellt und diskutiert. In der Melanomtherapie, bei der Behandlung des Basalzellkarzinoms, bei aktinischen Keratosen, bei kutanen Lymphomen und anderen Hautkrebsarten gibt es weitere vielversprechende Entwicklungen. Doch ist Hautkrebs trotz immenser medizinischer Fortschritte immer noch die häufigste Krebserkrankung, die Zahl der Neuerkrankungen hat sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland verdoppelt. Tagungspräsident Prof. Dr. med. Edgar Dippel, Chefarzt der Hautklinik im Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein gGmbH, gibt im Interview erste Einblicke in Schwerpunkte und Highlights des hochkarätigen Kongresses.
Welche besonderen Schwerpunkte und Akzente haben Sie beim diesjährigen Hautkrebskongress in Ludwigshafen gesetzt?

Dippel: „Im Bereich der Dermato-Onkologie haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten entscheidende Entwicklungen stattgefunden, die immer mehr Einzug in die Praxis halten. Wie das überaus vielfältige, praxisbezogene Programm deutlich zeigt, wird unsere Jahrestagung nicht nur den aktuellen Wissensstand des Fachbereichs abbilden, sondern auch neue Strategien in Diagnostik und Therapie beim Hautkrebs vorstellen. Mit Blick auf den ASCO 2019, also den weltweit größten Krebskongress der American Society of Clinical Oncologie, der gerade Anfang Juni in Chicago stattfand,  werden die aktuellen Erkenntnisse aus der Dermato-Onkologie präsentiert. Das heißt, es werden topaktuell zudem auch die neuen Ergebnisse dermato-onkologischer Studien diskutiert. Im Fokus stehen die Langzeitergebnisse bei der Therapie des metastasierten Melanoms, die neuen Resultate der adjuvanten Therapien und weitere Ergebnisse der systemischen Therapie bei Plattenepithelkarzinomen und kutanen Lymphomen.“

Es werden renommierte Plenarredner erwartet, die aktuelle Forschungsergebnisse in verschiedenen dermato-onkologischen Bereichen vorstellen. Welches sind die Top-Themen? In welchen Bereichen erwarten Sie neue Impulse? Auf welche Daten und Erkenntnisse sind Sie besonders gespannt?

Dippel: „Top-Themen bei unserem Hautkrebskongress sind aktuelle Forschungsergebnisse, diagnostische Entwicklungen und Behandlungsmöglichkeiten verschiedener Hautkrebsarten. Neue Impulse erwarten wir in unserer interdisziplinären Zusammenarbeit mit thematisch verbundenen Fachgesellschaften, das hat sich in den letzten Jahren bewährt und ist inzwischen bei unseren Jahreskongressen etabliert. Ich bin natürlich gespannt auf die neuesten wissenschaftlichen Studien, die von erfahrenen Klinikern und anerkannten Wissenschaftlern vorgetragen und diskutiert werden.
Wir konnten namhafte Referenten gewinnen, die sicherlich wieder fundierte wissenschaftliche Kenntnisse und Fähigkeiten zum Erkennen, Behandeln und der weiteren Erforschung von Hautkrebs vorstellen werden und damit ein dermato-onkologische Update für uns Ärzte und das beteiligte Behandlungsteam bieten.
Highlights sind sich die „keynote-lectures“ von Prof. Dr. Stefan W. Hell zur Mikroskopie von molekularen Strukturen. Ich freue mich auf das spezielle „Meet the Expert“, bei dem Kongressteilnehmer die Möglichkeit wahrnehmen können, mit dem bekannten Nobelpreisträger zu diskutieren. Besonders gespannt bin ich auf die Vorträge zu Zell-basierten Therapien von Prof. Dr. John Haanen aus Amsterdam und zu den Aussichten der Melanomprävention von Prof. Dr. Alexander J. Stratigos aus Athen.“

Nach den bahnbrechenden neuen Behandlungsansätzen in der Dermato-Onkologie der letzten Jahre – welche neuen Entwicklungen werden erwartet?

Dippel: „Auf jeden Fall werden aktuelle Daten zu weiterentwickelten Strategieoptionen bei Melanomen und anderen Hauttumoren durch zielgerichteten Therapien, Immuntherapie mit Checkpoint-Inibitoren und Kombinationstherapien vorgestellt. Differenzierte Untersuchungen zeigen, dass die Entwicklung tatsächlich weitergeht bis hin zum Einsatz in der adjuvanten Therapie, um die Rezidivgefahr zu senken. Aber auch bei den selteneren Tumoren wie z.B. bei den kutanen Lymphomen sind neue Medikamente zugelassen worden, die sich nach ersten Erfahrungen als sehr ermutigend erwiesen haben.“

Welche wichtigen neuen Entwicklungen werden vorgestellt, die schon Patienten in der Behandlung zugutekommen?

Dippel: „Hier wäre einiges zu nennen. Zum Beispiel zum fortgeschrittenen Plattenepithelkarzinom, nach dem Melanom die zweittödlichste Hautkrebserkrankung und die Antikörperbasierte-Therapie bei fortgeschrittenen kutanen Lymphomen. Die ADO, die Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft, erarbeitet diagnostische und therapeutische Leitlinien zum malignen Melanom, Basalzellkarzinom, Plattenepithelkarzinom, Merkelzellkarzinom, Kaposi-Sarkom und zu kutanen Lymphomen. Uns ist sehr daran gelegen, die wissenschaftliche Zusammenarbeit zu fördern – auch im Rahmen des Deutschen Hautkrebskongresses  – und die Qualität der dermato-onkologischen Patientenversorgung in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu verbessern. Deshalb ist es natürlich unser Ziel, unseren Hautkrebspatienten neue Entwicklungen möglichst bald zugutekommen zu lassen und die Leitlinien entsprechend zu aktualisieren.

Welche Rolle spielen Nebenwirkungsstrategien, wenn die innovativen wirksamen Therapien nicht gut vertragen werden?

Dippel: „Das optimale Therapiemanagement von Nebenwirkungen bei den neuen Therapien ist ein großes Thema, das immer differenzierter untersucht wird und bei dem uns mehrere Behandlungsoptionen offenstehen. Insgesamt ist zu sagen, dass sich das Nebenwirkungsspektrum mit wachsenden Erfahrungen deutlich verbreitert hat. Gerade die Wahrnehmung von seltenen, gefahrvollen Nebenwirkungen benötigt einen ständigen Erfahrungsaustausch und Schulung. Die entschlossene und konsequente Behandlung von schweren Nebenwirkungen ist ebenso wichtig wie die primäre Tumortherapie selbst. Oft können Nebenwirkungen aber als ein positives Zeichen einer erwarteten Wirkung gewertet werden.

Trotz der immensen Fortschritte in der Therapie wird bis 2030 eine Verdoppelung der Erkrankungen an Hautkrebs erwartet. Wie ist das zu erklären? In welchen Bereichen muss sich etwas ändern?  

Dippel: „Tatsächlich ist Hautkrebs trotz der immensen medizinischen Fortschritte noch immer die häufigste Krebserkrankung mit der größten Steigerungsrate. Das weitere Ansteigen der Hautkrebserkrankungen geht auf den allzu sorglosen Umgang mit der Sonne in den letzten Jahrzehnten zurück. Die intensive Sonnenexposition in Kindheit und Jugend ist sicherlich für UV-bedingte Hautschäden und Krebsarten wie Basalzellkarzinom, Plattenepithelkarzinom und malignes Melanom mit verantwortlich. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden die Menschen erkranken, deren Haut allzu viele Jahre ohne ausreichenden Schutz der Sonnenstrahlung ausgesetzt war. Hier muss grundsätzlich einiges getan werden, damit tatsächlich ein gegenläufiger Effekt eintritt. Das Bewusstsein dafür, wie wir uns in der Sonne verhalten, muss sich allgemein ändern. Mit Blick auf Australien sehen wir, dass es durchaus möglich ist, innerhalb weniger Jahre die Notwendigkeit einzusehen, dass ein effektiver Hautschutz durchgeführt werden muss.
Gespannt sein können wir auch auf die weitergeführte Diskussion zur Nutzung des Hautkrebs-Screenings, das bisher nur von jedem Dritten wahrgenommen wird. Wenn mehr Menschen diese Möglichkeit der Früherkennung nutzen, trägt das dazu bei, dass auf Dauer – das heißt in den nächsten Jahrzehnten – die Hautkrebsraten nicht immer noch weiter ansteigen.“

Gibt es im Bereich der Prävention und Früherkennung weitere neue Entwicklungen, die beim Deutschen Hautkrebskongress vorgestellt werden?

Dippel: „Der Erkenntnisstand zum Sonnenschutz geht in die Richtung, dass vor allem dichte Kleidung vor Hautkrebs schützen kann. Es sind nicht die immer höheren Sonnenschutzfaktoren entscheidend für die Prävention, sondern vor allem die Nutzungstechnik: Sonnenschutzmittel dürfen nicht sparsam, sondern wirklich in ausreichender Menge angewendet werden, damit sie die Haut effektiv vor der Sonnenstrahlung schützen können. Aber auch mit Sonnenschutzmittel sollte die direkte Sonneneinwirkung in der Mittagszeit zwischen 11 und 15 Uhr gemieden werden.“

Quelle: Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie


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