Montag, 27. Mai 2019
Navigation öffnen

Medizin

06. Juni 2018
Seite 1/5
MDS und AML: Die molekulargenetische Stratifizierung wird immer wichtiger

Zum siebten Mal fand Mitte April das zweitägige MDS-Forum statt, eine Fortbildungsveranstaltung zum aktuellen Stand des Wissens und zu künftigen Entwicklungen bezüglich Myelodysplastischen Syndromen (MDS) und verwandter myeloischer Neoplasien, vor allem der Akuten Myeloischen Leukämie (AML). Zahlreiche Expertinnen und Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutierten unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Uwe Platzbecker, Dresden, über die aktuellen Daten zur Diagnose, Prognoseabschätzung und Therapie, aber auch über die historische Entwicklung des Gebiets. Organisiert wurde die zertifizierte Fortbildungsveranstaltung vom European MDS Studies Coordination Office (EMSCO), unterstützt von der Firma Celgene. Im Folgenden sind 5 Schwerpunktvorträge knapp zusammengefasst.
Anzeige:
Fachinformation
MDS ist auch (ein bisschen) AML und AML (manchmal) auch MDS, Prof. Dr. Lars Bullinger, Berlin

Bei der Entwicklung hämatopoetischer Stammzellen können genetische oder epigenetische Ereignisse auftreten, durch die prä-leukämische Stammzellen entstehen. Diese sind per se noch nicht maligne, sondern werden erst durch eine weitere Mutation zu einem endgültig leukämischen Stammzell-Klon transformiert, der sich ungehemmt teilen kann. In solchen Populationen von leukämischen Zellen findet eine Evolution statt – etwa durch den Selektionsdruck aufgrund der Therapie –, die häufig zu sehr heterogenen Tumorerkrankungen führt, so Prof. Dr. Lars Bullinger, Berlin. In einer Metaanalyse (1) konnte seine Arbeitsgruppe bei Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) Mutationen identifizieren, die auch bei Myelodysplastischen Syndromen (MDS) eine wichtige Rolle spielen (TP53, ASXL1, RUNX1). Mit zunehmendem Alter werden diese Mutationen bei AML-Patienten häufiger, d.h. die AML unterscheidet sich vor allem bei Älteren nicht so sehr vom MDS.

In einer größeren Kohorte von über 70-Jährigen aus einer AML-Registerstudie fanden Bullinger und Mitarbeiter am häufigsten Mutationen in TET2, TP53, DNMT3A, SRSF2 und RUNX1. Somit war auch hier der Unterschied zum MDS auf molekulargenetischer Ebene nicht sehr groß. Des Weiteren können durch genomweite Untersuchungen bei der AML auch neue Genmutationen identifiziert werden, z.B. im DHX15-Gen, das für eine ATP-abhängige RNA-Helikase kodiert, welche auch bei der Spliceosom-Funktion und der Biogenese von Ribosomen eine Rolle spielt (2). Somit sind Splicing-relevante Mutationen, die bei fast der Hälfte der MDS-Patienten gefunden werden (3), auch bei Therapie-bezogener AML oder AML mit Myelodysplasie-bezogenen Änderungen nicht selten und vor allem funktionell relevant; bei de-novo-AML treten Mutationen in Spliceosom-relevanten Genen häufiger als initial gedacht auf. Therapieansätze, die Störungen von Splicing-Funktionen beeinflussen, könnten daher auch vor allem bei älteren AML-Patienten, die nicht mehr transplantiert werden können, von Bedeutung sein.

Bei einem Monitoring des Therapieverlaufs (durch Nachweis der minimalen Resterkrankung (MRD)) können transformierende Mutationen z.B. im NPM1-Gen verschwinden, während für das präleukämische Stadium charakteristische Mutationen (z.B. DNMT3A) im peripheren Blut und Knochenmark persistieren (4). Bei Wiederauftreten einer Leukämie lässt sich molekulargenetisch unterscheiden, ob nur die MRD vorübergehend unter die Nachweisgrenze gesunken war oder sich eine neue Leukämie entwickelt hat; dann müssten auf dem Boden der präleukämischen Klone neue transformierende Mutationen entstanden sein.

Bei einer detaillierten Analyse von 42 Patienten mit sekundärer AML, bei denen auch Proben aus dem MDS-Stadium verfügbar waren, ließen sich in wenigen Fällen die für eine AML charakteristischen NPM1-Mutationen schon im MDS-Stadium nachweisen. Alle diese Patienten waren rasch progredient, so Bullinger, d.h.d.h. sie hatten innerhalb von fünf bis sechs Monaten eine Transformation zur AML erfahren, während es bei Patienten mit NPM1-Wildtyp median 14 Monate gedauert hatte (5). Mit neuen, hochempfindlichen Nachweisverfahren kann man also bereits jetzt Patienten mit „reinem“ MDS von solchen unterscheiden, die klinisch wie MDS imponieren, aber schon einen gerade eben noch kontrollierten AML-typischen Klon haben.

Bei der AML haben die neuen Hochrisiko-Veränderungen (Mutationen von RUNX1, ASXL1 und TP53) Einzug in die aktuellen ELN-Empfehlungen gehalten (6). Bei jüngeren Patienten ist hier eine allogene Stammzelltransplantation anzustreben, ältere Patienten qualifizieren für neue Therapiestrategien möglichst ohne die hier nicht erfolgreiche Chemotherapie.

In der Praxis werden heute bei der AML Panel-Sequenzierungen mit NGS durchgeführt. Im von der EU geförderten Programm „Big Data for Better Outcomes“ werden mittlerweile europaweit in einer großen Datenbank derartige Informationen zu allen hämatologischen Malignomen – einschließlich MDS und AML – gesammelt, um daraus zu lernen und mithilfe dieser „Knowledge Databases“ rasch neue Therapieansätze entwickeln zu können (7).
 
Vorherige Seite
...

Das könnte Sie auch interessieren

Dem hellen Hautkrebs keine Chance

Mit Einführung des gesetzlichen Hautkrebs-Screenings Mitte 2008 sind die Zahlen der diagnostizierten Fälle sprunghaft angestiegen: Pro Jahr wird hierzulande bei inzwischen rund 18.000 Menschen schwarzer und bei mehr als 140.000 Menschen heller Hautkrebs neu festgestellt. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft ist die Erkrankung "Hautkrebs"zwar für mehr als die Hälfte der Befragten ein besorgniserregendes Thema, doch...

Neues Infoportal rund um Ernährung und Krebs ist online

Neues Infoportal rund um Ernährung und Krebs ist online
© ernaehrung-krebs-tzm.de

Das neue Infoportal der Arbeitsgruppe „Ernährung und Krebs“ am Tumorzentrum München (TZM) ist ab sofort unter www.ernaehrung-krebs-tzm.de online. Es bündelt wissenschaftlich fundierte Informationen, gibt praktische Hilfestellung und vermittelt Kontakte zu anerkannten Therapeuten und Beratungsstellen rund um das Thema Ernährung und Krebs. Die Arbeitsgruppe besteht aus qualifizierten Ärzten und Ernährungsfachkräften unter der Leitung von Professor...

Selbsthilfe bei Lungenkrebs: Betroffene helfen Betroffenen

Krebspatienten fühlen sich oft überfordert – auch Patienten mit Lungenkrebs. Kaum ist die Diagnose gestellt, beginnen die ersten Therapien: Operationen oder viele Zyklen Chemotherapie fordern und verändern nicht nur den Körper, sondern auch das gesamte Leben mit einem Schlag. Die Psyche kommt so schnell kaum hinterher: Die meisten Betroffenen begreifen erst nach und nach, dass sich das Leben ab jetzt drastisch ändert und nie mehr so sein wird wie zuvor.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"MDS und AML: Die molekulargenetische Stratifizierung wird immer wichtiger"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.