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Medizin

18. Juli 2018 Lokal fortgeschrittenes Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich: Im Zweifel RT mit Cetuximab

Im Rahmen der 24. DEGRO-Jahrestagung 2018 berichteten Experten bei einem Satellitensymposium von Merck, dass Patienten mit lokal fortgeschrittenem Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich (LASSCHN) eine erheblich geringere Überlebenschance haben, wenn sich die kumulative Mindestdosis von 200 mg/m2 KOF (Körperoberfläche) Cisplatin im Rahmen der simultanen Radiochemotherapie (RCT) nicht verabreichen lässt. Von einer Cisplatin-basierten RCT solle abgesehen werden, wenn Zweifel an der Applizierbarkeit von ≥ 200 mg/m2 KOF Cisplatin bestehen. Die simultane Behandlung mit RT und dem EGFR-Inhibitor Cetuximab (Erbitux®) ist dann eine effektive, gut durchführbare und evidenzbasierte Alternative.
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Fachinformation
Kumulativdosen < 200 mg/m2 Cisplatin bedeuten hohes Risiko

Die Cisplatin-basierte RCT des LASCCHN bewirkt im Vergleich zur alleinigen Strahlenbehandlung (RT) eine Verbesserung der lokoregionären Kontrolle, die sich in eine signifikante Verlängerung des Gesamtüberlebens (OS) um ca. 10% übersetzt (1). „Die Chemotherapie muss jedoch während der RT-Serie mit einer kumulativen Mindestdosis erfolgen“, erklärte Dr. René Baumann, Siegen. Das Ziel besteht in einer Kumulativdosis > 200 mg/m2 KOF (2). Bei HPV (Human Papilloma Virus)-negativen Patienten waren Cisplatin-Dosen < 200 mg/m2 KOF mit einem signifikant schlechteren OS assoziiert (52% nach 3 Jahren) als 200 mg/m2 (60%) oder > 200 mg/m2 (72%, p=0,001, n=255) (3).

Nach Ansicht Baumanns wird unterschätzt, wie schwierig es aufgrund von Toxizität selbst an großen Kliniken mit großer Erfahrung ist, die angestrebte kumulative Cisplatin-Dosis einzuhalten. Dies zeigt die COMPLY-Studie, in der Daten von 184 Patienten mit LASCCHN aus 9 klinischen Zentren in Deutschland und der Schweiz ausgewertet wurden, die laut Behandlungsplan kumulativ > 200 mg/m2 KOF Cisplatin erhalten sollten.

Genaue Betrachtung des einzelnen Patienten wichtig

Obwohl die Patienten gemäß etablierter Kriterien fit für eine Cisplatin-Therapie waren, verfehlten 63% das angestrebte Ziel (4). Ein Drittel (28%) blieb sogar unter der für das OS entscheidenden Kumulativdosis von 200 mg/m2 KOF. Nach Ansicht von Professor Dr. Wolfgang Hoffmann, Braunschweig, sollten daher Patienten, die die Zieldosis > 200 mg/m2 KOF Cisplatin wahrscheinlich nicht erreichen, vor Therapiebeginn identifiziert werden. „Schauen Sie sich Ihre Patienten vorab genau an“, riet Hoffmann. Wenn aufgrund von Alter, Allgemeinzustand oder Komorbidität Zweifel an der Platin-Fähigkeit bestehen, solle eine andere Therapie gewählt werden.

In den NCCN-Leitlinien empfohlen: Cetuximab + RT

Als eine effektive Alternative zur Cisplatin-basierten RCT empfehlen die NCCN (National Comprehensive Cancer Network)-Leitlinien die simultane Behandlung mit Strahlentherapie und Cetuximab (5). Die Zulassung von Cetuximab zur Behandlung des LASCCHN in Kombination mit einer RT (6) geht auf die randomisierte Phase-III-Studie von Bonner et al. zurück, in der Cetuximab in Kombination mit einer RT das OS um ca. 20 Monate im Vergleich zu einer alleinigen RT verlängerte (auf median 49,0 vs. 29,3 Monate; HR=0,73; 95%-KI: 0,56-0,95; p=0,018, n=242) (7,8).

r/m SCCHN: Cetuximab-Erhaltungstherapie ein essentieller Teil von EXTREME

Die Hinzunahme von Cetuximab zur Chemotherapie in der EXTREME-Studie war nach Ansicht des Hämatologen und Onkologen Privatdozent Dr. Philipp Ivanyi, Hannover, eine zu der Zeit bahnbrechende Innovation. Patienten mit r/m SCCHN erhielten randomisiert bis zu 6 Zyklen Cisplatin oder Carboplatin in Kombination mit 5-FU und Cetuximab oder ausschließlich eine Platin-basierte Chemotherapie. Bei Patienten, die unter Cetuximab/Chemotherapie mindestens eine Krankheitsstabilisierung erreicht hatten, schloss sich bis zur Progression/Unverträglichkeit eine Erhaltungstherapie mit Cetuximab an, die nach Einschätzung Ivanyis erheblich zum Therapieerfolg des EXTREME-Schemas beiträgt und daher essentiell ist.

Die Behandlung mit dem EXTREME-Schema führte zu einer signifikanten Verlängerung des OS auf 10,1 vs. 7,4 Monate mit CT allein (HR=0,80; 95%-KI: 0,64-0,99; p=0,04), außerdem zu einer höheren Ansprechrate (36% vs. 20%, p<0,001) und Krankheitskontrollrate (81% vs. 60%, p<0,001) (n=442) (9). Für wichtig hält Ivanyi, dass auch Schmerzen und Schluckbeschwerden unter der EXTREME-Behandlung deutlich zurückgehen und die Patienten insgesamt von einer höheren Lebensqualität profitieren.

EXTREME weiterhin der Standard in der Erstlinie

In laufenden Studien wird das EXTREME-Schema derzeit in der Erstlinie des r/m SCCHN mit neuen Therapien, wie z.B. Checkpoint-Inhibitoren, verglichen. „Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet“, sagte Ivanyi. EXTREME bleibt daher die Standard-Erstlinientherapie des r/m SCCHN.

Quelle: Merck

Literatur:

(1) Bernier J et al. N Engl J Med 2004;350:1945-1952.
(2) Strojan et al. Head Neck 2016;38(Suppl 1):E2151-2158.
(3) Spreafico A et al. Eur J Cancer 2016;67:174e182.
(4) Dunst J et al. THNO, 2.-4. November 2017, Nizza (Frankreich), Poster P15.
(5) NCCN Guidelines Head and Neck Cancers, V2018.1.
(6) Fachinformation Erbitux®. Stand Juni 2014.
(7) Bonner JA et al. N Engl J Med 2006;3543:567-578.
(8) Bonner JA et al. Lancet Oncology 2010;11:21-28.
(9) Vermorken JB et al. N Engl J Med 2008;359:1116-1127.


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