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Medizin

30. November 2017
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Jungen krebskranken Menschen die Chance auf eigene Kinder erhalten

Krebskranke Kinder sowie junge Krebspatientinnen und -patienten zwischen 18 bis 39 Jahren können in etwa 80% der Fälle geheilt werden. Das ist ein großer Fortschritt. Die dafür notwendige Chemo- oder Strahlentherapie kann jedoch die Fruchtbarkeit schädigen und zu Kinderlosigkeit führen. Gleichzeitig gibt es medizinisch gut etablierte Maßnahmen zum Fruchtbarkeitserhalt. Die Kosten werden von den Gesetzlichen Krankenkassen aber nicht übernommen. Auf dieses Problem und eine notwendige Gesetzesänderung machten die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. und die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs mit der Vorstellung des 11. Bandes der Gesundheitspolitischen Schriftenreihe der DGHO im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz aufmerksam.
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Die 25-jährige Lysanna erkrankte vor 2 Jahren an Morbus Hodgkin. In 9 von 10 Fällen kann diese Krebserkrankung des Lymphsystems heute geheilt werden. Die intensive Chemo- und/oder Strahlentherapie kann jedoch das Keimgewebe und die Keimzellen schädigen, so dass die Fruchtbarkeit verloren geht.

Medizinischer Standard, der nicht bezahlt wird

Prof. Dr. med. Carsten Bokemeyer, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO, weist auf die Bedeutung von fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen bei der Behandlung von jungen Erwachsenen mit Krebs hin. "Wir verfügen heute über sehr gut etablierte Methoden zum Fruchtbarkeitserhalt beispielsweise durch die Entnahme und das Einfrieren von Spermien bei Patienten und von Eizellen bei Patientinnen. Die entsprechenden Maßnahmen müssen aber unbedingt vor Beginn der Therapie durchgeführt werden. Eine solche Vorsorge würde vielen geheilten Krebspatientinnen und -patienten später eigene Kinder ermöglichen." Ein großes Problem sei laut Bokemeyer allerdings, dass die Gesetzlichen Krankenkassen die anfallenden Kosten für fruchtbarkeitserhaltende Maßnahmen bei Patientinnen und Patienten mit Krebs nicht übernehmen.

Das hat auch Lysanna erlebt. Sie und ihr Mann wünschen sich gemeinsame Kinder. Daher hat sich die junge Berlinerin vor der Krebsbehandlung befruchtete und unbefruchtete Eizellen entnehmen und einfrieren lassen: "Die Vorbehandlung und Entnahme kosteten 3.500 Euro. Mein Mann und ich hatten das Geld aber nicht. Und die Krankenkasse lehnte die Kostenübernahme mit der Begründung ab, dass ich noch keine 25 Jahre alt und damals noch nicht verheiratet war. So ist meine Mutter – ich habe übrigens noch 3 Geschwister – finanziell eingesprungen. Jetzt kommen noch 167 Euro pro Halbjahr für die Lagerung hinzu."

Tobias aus Mertingen erkrankte vor 14 Jahren an Hodenkrebs. Er hatte sich vor Beginn der Chemotherapie Spermien entnehmen und einfrieren lassen, was bei Männern relativ unkompliziert ist. Das Problem der Kosten stellt sich aber auch hier. Heute ist der 38-Jährige sehr froh über seine damalige Entscheidung. Gemeinsam mit seiner Frau freut er sich auf den eigenen Nachwuchs im kommenden Frühjahr.

Kosten für junge Menschen oft unerschwinglich

"In unserem Land finanzieren die Solidarsysteme notwendige medizinische Therapien für alle Bürgerinnen und Bürger ohne Ansehen der sozialen Situation. Aber die Folgen der Krebsbehandlung für einen Kernbereich des Lebens werden leider ausgeblendet: Der Wunsch nach einer Familie mit eigenen Kindern. Das ist bestürzend", erklärt Prof. Dr. med. Mathias Freund, Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs.

Eine Finanzierung der Entnahme und Konservierung von Eizellen, Spermien oder Hodengewebe sieht das Sozialgesetzbuch V (SGB V) als zentrales Regelwerk für die Gesetzlichen Krankenkassen nicht vor. Viele Betroffene können sich die notwendigen 3.500 bis 4.300 Euro für die Entnahme und das Einfrieren von Eizellen bei der Frau bzw. ca. 500 Euro für die Entnahme und das Einfrieren von Spermien beim Mann nicht leisten. Dazu kommen jährliche Kosten von rund 300 Euro für die Lagerung im Stickstofftank. Diese zusätzliche Belastung unmittelbar nach der Diagnose Krebs ist unwürdig.

Beratung bei Diagnosestellung muss Standard werden

Prof. Dr. rer. nat. Ralf Dittrich ist Leiter des IVF- und Endokrinologischen Labors der Universitäts-Frauenklinik Erlangen und Koordinator der Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur Fruchtbarkeitserhaltung bei Krebs. Er weist auf ein weiteres schwerwiegendes Problem hin: "Es werden immer noch nicht alle Krebspatientinnen und -patienten vor Behandlungsbeginn über fruchtbarkeitserhaltende Möglichkeiten aufgeklärt." Dittrich plädiert für eine frühzeitige, intensive interdisziplinäre Kommunikation der beteiligten Ärzte, von Onkologen, Strahlentherapeuten und Reproduktionsmedizinern.

Auch fü Kathrin, die 2009 im Alter von 31 Jahren an einem Hodgkin-Lymphom erkrankt war, ist es wichtig: "Die Beratung zu fruchtbarkeitserhaltenden Maßnahmen muss unbedingt zur Behandlung dazugehören." Die Thüringerin hatte vor Beginn der Chemotherapie auf eigene Kosten einen Teil ihres rechten Eierstocks operativ entnehmen und einfrieren lassen, um sich – nach späterer Reimplantation – die Möglichkeit auf eigene Kinder zu erhalten. Dabei habe sie die Krebstherapie als Segen und Fluch zugleich erlebt: "Das eine heilt, das andere kann zerstören. Dann sind die Möglichkeiten zum Fruchtbarkeitserhalt ein Hoffnungsschimmer, den die Krankenkassen durch Ablehnung der Kostenübernahme nicht zerstören sollten."
 
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