Montag, 27. Mai 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

27. August 2018 Darmkrebs: Was das Immunsystem von bösartigen Tumoren sieht

Tübinger Wissenschaftler haben mit Hilfe der Massenspektrometrie Oberflächenstrukturen von malignen Darmtumoren kartiert, um zu verstehen, wie sich Peptide, die wichtige Erkennungsmerkmale für das Immunsystem darstellen, bei bösartigen Erkrankungen des Dickdarms verändern. Ihre Erkenntnisse zur immunologischen Charakterisierung von Darmkrebs wurden jetzt aktuell im Wissenschaftsjournal Cancer Research publiziert.
Das Immunsystem kann Eiweißbruchstücke, die aus dem Zellinneren entstammen, auf der Zelloberfläche spezifisch erkennen. Auf diese Weise werden durch T-Zellen Bruchstücke von zellulären Baueiweißen (Peptide), die auf der Zelloberfläche in einer Tasche der sogenannten „HLA Klasse I Moleküle“ gebunden sind, durchgemustert und gegebenenfalls als fremd erkannt. Die HLA Moleküle stellen in diesem Zusammenhang eine Art Schauglas ins Zellinnere dar, das es dem Immunsystem erlaubt, nicht nur Prozesse direkt auf der Zelloberfläche, sondern auch innerhalb der Zelle zu erkennen.

Auf diese Art kann das Immunsystem beispielsweise Zellen, die mit einem Virus infiziert sind, von gesunden Zellen unterschieden, etwa wenn an HLA Moleküle gebundene virale Peptide auf der Zelloberfläche auftauchen. Dabei sind die HLA Klasse I Moleküle bezüglich ihrer Eigenschaft, welche Eiweiße in diese Bindungstasche passen, sehr unterschiedlich. Jeder Mensch hat zusätzlich verschiedene Arten dieser Moleküle, so dass die menschlichen HLA Merkmale höchst individuell sind.

Im Rahmen von Krebserkrankungen verändern sich menschliche Zellen, und es kommt nicht nur zu genetischen Veränderungen, die als Ursache für das bösartige Verhalten, wie etwa das Einwachsen in gesundes Gewebe, Metastasierung und ungeregelte Wachstumsneigung gefunden wurden, sondern auch der Stoffwechsel und viele andere Vorgänge, die in einer Krebszelle ablaufen, unterscheiden sich wesentlich vom ursprünglichen Gewebe.

Um zu verstehen, wie sich die erwähnten Peptide, die wichtige Erkennungsmerkmale für das Immunsystem darstellen, im Rahmen bösartiger Erkrankungen des Dickdarms verändern, haben Tübinger Wissenschaftler diese Eiweißbruchstücke systematisch und in bislang beispiellosem Umfang analysiert. Dazu wurde die Technik der Massenspektrometrie genutzt, um mittels dieser „molekularen Waage“ Peptide mit extrem hoher Genauigkeit zu bestimmen und jeweils etwa 30.000 dieser Peptide auf menschlichem Tumor- und Darmgewebe anhand ihrer Aminosäuresequenz zu charakterisieren.

Dabei fiel auf, dass alle Tumoren weiterhin ihre HLA Klasse I Moleküle behalten und nur wenige davon die Anzahl dieser Moleküle herunterregulieren. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass wichtige Signalwege, die im Rahmen der Entstehung von Darmkrebs eine Rolle spielen, durch entsprechende Peptide auf der Zelloberfläche für das Immunsystem sichtbar werden. Auch ein direkter Vergleich von Darmgewebe und bösartig verändertem Tumorgewebe erlaubte interessante Rückschlüsse, etwa dass nicht nur die erwähnten Signalwege in diesen Tumoren besonders hervortreten, sondern dass auch Muster auftreten, die einen möglichen Zusammenhang mit Infektionen, insbesondere mit Eppstein-Barr-Virus vermuten lassen könnten.

Die beschriebene Charakterisierung der immunologisch relevanten Oberflächenstrukturen von Darmtumoren erlaubt zunächst ein tieferes Verständnis der beteiligten Vorgänge und ermöglicht es, neue Einsichten zu gewinnen, womit das Immunsystem in bösartigen Darmtumoren interagiert. Andererseits können die generierten Daten auch wesentliche Relevanz gewinnen, etwa für die Definition von Zielstrukturen für Impfungen gegen Krebserkrankungen oder auch für die Entwicklung potenter neuartiger Immuntherapien, die definierte HLA-gebundene Peptide erkennen, etwa mit veränderten T-Zellen (CAR-T-Zellen) oder durch entsprechende Antikörper.

Quelle: Universitätsklinikum Tübingen


Das könnte Sie auch interessieren

Typ-2-Diabetes-Risiko senken – weniger Krebsgefahr

Typ-2-Diabetes-Risiko senken – weniger Krebsgefahr
© Fotolia / oneinchpunch

Der Weltgesundheitstag am 7. April 2016 stellt das Thema Diabetes in den Mittelpunkt. In Deutschland sind fast 7,3 Millionen Menschen von dieser Krankheit betroffen. Insbesondere Übergewicht und Bewegungsmangel begünstigen Typ-2-Diabetes. Typ-2-Diabetiker haben zudem ein erhöhtes Krebsrisiko. Ein ungesunder Lebensstil kann jedoch nicht nur zu Diabetes führen, er ist auch grundsätzlich ein Risikofaktor für verschiedene Krebserkrankungen. Die Deutsche Krebshilfe...

Berufliche Reha ist mehr als Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell

Berufliche Reha ist mehr als Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell
© Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum


Etwa zwei Drittel aller Berufstätigen, die an Krebs erkrankt sind, kehren zurück in das Arbeitsleben. Für viele ist die Motivation hoch, denn wer arbeitet, erobert sich ein Stück Normalität zurück. Doch der Wiedereinstieg sollte behutsam erfolgen und an die individuelle Belastbarkeit der Patientinnen und Patienten angepasst werden. Nach längerer Arbeitsunfähigkeit bieten die Leistungen der beruflichen Rehabilitation ein breites Spektrum, um die...

Brustkrebs: Forscher wollen krankheitsauslösende Gene identifizieren

Brustkrebs: Forscher wollen krankheitsauslösende Gene identifizieren
© Photographee.eu / fotolia.com

Jede zehnte Frau in Deutschland, die an Brustkrebs erkrankt, ist noch keine 45 Jahre alt. Experten vermuten, dass viele der jungen Betroffenen erblich vorbelastet sind: Sie sind Trägerinnen eines oder mehrerer schädlich veränderter Gene, die den Tumor entstehen lassen. Die bereits bekannten Hochrisikogene wie etwa BRCA1 oder BRCA2 sind allerdings nur für höchstens ein Viertel der Fälle bei jungen Frauen verantwortlich. Ein Hamburger Forscherteam macht sich nun...

Große Jubiläumsaktion „Ich zieh‘ den Hut“

Große Jubiläumsaktion „Ich zieh‘ den Hut“
© Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V.

„Hut ab“ oder „Chapeau“ - das sagen Menschen, um Wertschätzung und Anerkennung vor der Leistung Anderer auszudrücken. Am 25. Juni 2016 bietet die Frauenselbsthilfe nach Krebs (FSH) anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums an 40 Orten in Deutschland Mitbürgern die Möglichkeit, durch die Geste des „Hutziehens“ ein Zeichen der Solidarität mit an Krebs erkrankten Menschen zu setzen und das Engagement der ehrenamtlich...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Darmkrebs: Was das Immunsystem von bösartigen Tumoren sieht"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.