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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
28. Juni 2013

Zerstörerische Zustände im Heim - "Das dürfte es gar nicht geben"

Milliarden sollen nach einer Reform zusätzlich für die Pflege ausgegeben werden. Mehr Menschen könnten Geld aus der Kasse bekommen. Doch wie geht es denen, die heute schon in Heimen betreut werden? Es gibt erschütternde Erfahrungen.

Pflege ohne Gnade, kaum Zuwendung vor dem Tod - so kann das Leben im Heim nach jüngsten Berichten zu Ende gehen. Demnach gibt es in der Altenpflege teils zerstörerische Zustände. Die Vorwürfe - und was offiziell Zuständige dazu sagen.

Eine Reporterin beschrieb in der "Berliner Zeitung" zum Beispiel ihre Odyssee von Einrichtung zu Einrichtung. Sie suchte mit wachsendem Frust ein Heim für ihren Opa. "Ein letztes stand noch auf der Liste", schreibt sie. Es erschien freundlich. "Vor allem gab es etwas, was ich bisher in keinem einzigen Heim gesehen hatte: Bücher."

Gleich als der Großvater da war, habe die Katastrophe begonnen. Zu wenig zu trinken, kaum Aufmerksamkeit, Rollstuhl-Sitzen über Stunden. "In den drei Jahren, die mein Großvater im Heim verbrachte, haben wir uns oft ohnmächtig gefühlt, schlecht und manchmal auch so, als würden wir den Verstand verlieren." Der Großvater starb - und eine Pflegerin nahm ein hinterlassenes Buch fürs Heimregal. "In diesem Moment verstand ich, dass auch die Bücher ein Irrtum waren. Sie waren kein Zeichen für Leben. Es waren die Bücher der Toten."

Wenige Tage später machte das "SZ-Magazin" mit der Reportage "Düstere Aussichten" auf: Die Autorin hatte sich per 400-Stunden-Kurs zur Pflegehelferin ausbilden lassen. Eine Leasingfirma stellte sie an. In mehreren Heimen musste sie laut dem Bericht im Akkord den Menschen beim Klo-Gang helfen, Essen geben, sie bewegen. "Ein Wochenende in der Demenzabteilung: Mir wird nach kurzer Einweisung ein Bereich allein überlassen." Eine Bewohnerin schreit sie an: "Ich mag Sie nicht! Raus aus dem Zimmer! Schon wieder Leasing!"

Beschrieben wird, wie qualvoll Helferin und Bewohnerin miteinander das Nötigste erledigen. "Sie weint - wir beide sind verzweifelt." Das Heim spare, sagt eine Pflegerin dort. "Die Tränen steigen der Pflegerin in die Augen. Sie ist untröstlich, mitansehen zu müssen, wie die alten Menschen innerhalb kurzer Zeit so stark unumkehrbar abbauen, einfach weil es nicht genügend Personal gibt." So geht das spaltenweise - und es sind nicht die einzigen Berichte dieser Art.

Sind solche Schilderungen wirklich ein Abbild der Realität in Deutschland 2013? Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagt, Pflegerinnen und Pfleger leisteten großartige Arbeit. "Ich wünsche mir, dass diese Arbeit auch gesellschaftlich eine stärkere Anerkennung findet." Einige Initiativen und Gesetze hätten dies zum Ziel. "Zugleich muss die Debatte darüber, wie gepflegt wird und wie wir uns wünschen selbst gepflegt zu werden, fortgeführt werden."

Der Spitzenverband der Pflegekassen zeigt sich erschüttert. "Solche Zustände dürfte es in Deutschland gar nicht geben und die Betreiber der Pflegeheime sind gefordert, so etwas nicht zuzulassen", sagt Sprecher Florian Lanz. Jeder müsse sich um anständige Pflege kümmern. Der Verband engagiere sich etwa mit strengeren Pflegenoten bis zu der Förderung vieler Modellprojekte.

Der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus, erklärt: "Immer mehr Pflegekräfte flüchten in die Teilzeit, werden krank oder steigen ganz aus." Das Hauptproblem sei, dass nicht genug Pflegekräfte auf dem Markt seien. Er betont aber: Es gebe zwar Heime mit deprimierenden Zuständen - aber auch mittelgute und sehr gute.

Beim Pflege-Arbeitgeberverband bpa versichert man: "Grundsätzlich sind Leasingkräfte für Pflegeeinrichtungen der letzte Ausweg, um die Personalzahl, die sie verpflichtend einhalten müssen, zu gewährleisten." Billiger seien sie nicht: Leasinggesellschaften seien zwischengeschaltet. Wie viele Hilfskräfte auf Pfleger mit voller dreijähriger Ausbildung in Deutschland kommen, weiß keine Statistik.

Die Lage in Heimen wird auch deshalb immer drastischer, weil viele Patienten erst spät dort hinkommen. Experten rechnen vor: Rund acht bis neun Monate hat ein Bewohner im Pflegeheim im Durchschnitt noch bis zum Tod.


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