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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
05. September 2012

Pfusch am Bauch – Mehr als 6.400 Ärztefehler bestätigt

Tödliches Versagen im OP, verkehrte Diagnosen, falsche Pflege: Rund 6.400 Patienten wurden im vergangenen Jahr Opfer bestätigter Kunstfehler – Tendenz steigend. Allein die Krankenkassen stellten rund 4.068 Behandlungsfehler in Kliniken und Arztpraxen fest. «Es gibt sicherlich eine hohe Dunkelziffer», sagte der Vize-Geschäftsführer des Medizinischen Diensts der Kassenspitzenverbands (MDS), Stefan Gronemeyer, am Mittwoch in Berlin.

Mit 12.686 Fällen begutachteten die Ärzte des Medizinischen Dienstes rund 1.500 Verdachtsfälle mehr als noch 2007. Fast in jedem dritten Fall stellten Gutachter einen Fehler fest. Unterm Strich wurde seit Jahren in jedem vierten Verdachtsfall ein Fehler als Ursache eines Schadens festgestellt.

«Wir haben eine leichte Zunahme der Vorwürfe», sagte Gronemeyer. Der Grund: Immer mehr Patienten sind wachsam und misstrauisch gegenüber den Ärzten. Doch die Fehlerquote sei wohl nicht gestiegen.

Hinzu kommen jene Fälle, bei denen sich die Patienten an Gutachterstellen der Ärzte wenden. Diese stellten 2011 in 2.287 Fällen Ärztefehler fest – ergibt in der Summe 6.355. Insgesamt beanstandeten nach Schätzungen rund 40.000 Versicherte pro Jahr ihre Behandlung bei Ärztestellen, Kassen oder direkt vor Gerichten. Zehntausende Menschen sterben wegen Fehlern jedes Jahr geschätzt in Deutschlands Kliniken.

Viele erwiesene Fälle sind gravierend – ein Beispiel aus der MDS-Bilanz: Nach einer Gallenblasen-Operation hatte ein 67-Jähriger immer weiter Bauchschmerzen. Erst bei einer Not-OP entdeckten die Chirurgen einen Riss im Dickdarm – der Mann hatte beim ersten Eingriff einen ungesicherten Keil verschluckt, der Bisse in den Beatmungsschlauch verhindern sollte. «Der Patient ist an der Entzündung der Bauchhöhle verstorben», berichtete die Leitende Ärztin der bayerischen Kassenprüfer, Astrid Zobel. In anderen Fällen entdeckten die Gutachter, dass ein Fehler folgenlos war.

«Auch mit der Feststellung, dass ein Schaden eine unvermeidbare Komplikation war, ist vielen Patienten geholfen», sagte Gronemeyer. Weiteres Grübeln hat dann immerhin ein Ende. Andernfalls gäben die Gutachten mehr Sicherheit, wenn sich Patienten auf oft jahrelange Gerichtsverfahren einlassen. Ausgestattet mit Kassengutachten gebe es in vier von fünf Fällen Geld in einem Vergleich oder Schadenersatz.

Wo passieren die meisten Fehler? Fast die Hälfte der Vorwürfe erhoben die Patienten mit 5.900 Fällen gegen Chirurgen. Am häufigsten bestätigt wurden Fehler laut Kassen-Bilanz jedoch in der Pflege, bei Frauen- und Zahnärzten – etwa wenn unter einer Plombe der Zahn fault. Da die Statistik aber nicht die jeweilige Behandlungszahl misst, bleibt unklar, bei welchen Ärzten das höchste Risiko liegt.

Sicher ist jedoch: Die Kliniken sind mit 8.500 Vorwürfen weit häufiger betroffen als niedergelassene Ärzte mit 4.200. Nach Eingriffen wegen Knie- und Hüftgelenksarthrose beschwerten sich die meisten Patienten, gefolgt von Karies, Ober- und Unterschenkelbrüchen, Zahnnervenentzündungen und Druckgeschwüren.

Die Zahlen geben aber kein Abbild der tatsächlichen Qualität in Klinik und Praxis. So ist die Innere Medizin mit rund 27% bestätigten Fehlern vergleichsweise gering betroffen. «Patienten mit Bluthochdruck empfinden einen Herzinfarkt häufiger als schicksalhaft», sagte Zobel. Auf fehlerhafte Medikation etwa kämen die wenigsten.

Der Vorsitzende der zuständigen Kommissionen und Stellen der Ärzteschaft, Andreas Crusius, betonte: Angesichts von Abermillionen Klinik- und Praxisbehandlungen pro Jahr bewege sich die Fehlerzahl im Promillebereich.

Von dem Patientenrechtegesetz der Koalition, das voraussichtlich Ende September erstmals und Ende November abschließend im Bundestag gelesen werden soll, erhoffen sich Kassen Verbesserungen. Patienten sollen dann stets verständlich und umfassend über Behandlungen und Diagnosen informiert werden. Bei groben Fehlern muss der Arzt beweisen, dass der Fehler nicht den Schaden verursacht hat.


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