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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
06. Oktober 2014

Leben in der Todeszone - Ebola-Helfer fordern mehr Unterstützung

Angst ist immer dabei. Doch Mitgefühl und Hilfsbereitschaft besiegen sie. Der größte Wunsch der mutigen Lebensretter in der Ebola-Zone: Mehr und schnellere Hilfe aus der Heimat. Was habe ich angefasst, wer hat mich berührt? War der Türgriff sauber? Soll ich mir doch noch mal die Hände desinfizieren? Jeden Tag stellen sich Helfer in Westafrika solche Fragen. Jeden Tag sind sie mit Ebola konfrontiert. Mit einem unsichtbaren Feind, einem Virus, das mehr als die Hälfte seiner Opfer auf grausame Weise tötet. "Angst, Erleichterung, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod sind ganz nah beieinander hier", sagt Rosmarie Jah vom Kinderhilfswerk Unicef in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones.

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In ihrem Internet-Blog berichtet die junge deutsch-sierraleonische Frau aus Hamm in Nordrhein-Westfalen über ihr Leben in der Todeszone. Auch viele andere Helfer schreiben solche Berichte, von großen UN-Organisationen wie  Unicef, über Ärzte ohne Grenzen (MSF), die in der vorderster Frontlinie des Kampfes gegen Ebola stehen, bis hin zu kleinen kirchlichen Hilfsorganisationen wie der Don Bosco Mission. Ihre Berichte sind bewegende, ja erschütternde Zeugnisse bewundernswerter Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Rosmarie Jah hätte sich in Sicherheit bringen können, als in Sierra Leone die Ebola-Seuche ausbrach, hätte zurück nach Deutschland gehen können. "Doch ich habe mir gesagt, dass hier Tausende von Kindern unsere Hilfe jetzt am dringendsten nötig haben", berichtet sie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Ja, ich habe Angst vor einer Infektion", gesteht sie. Was sie zu ihrer Arbeit befähige sei "der Glaube an das Leben". Und sie fügt hinzu: "Es ist ein sehr tiefes Glücksgefühl, ein Kind geschützt haben."

In Sierra Leone organisieren Unicef-Helfer Notfalllieferungen - Desinfektionsmittel, Medikamente, Schutzmasken. "Wir gehen auch von Haus zu Haus und erklären, wie sich Familien vor einer Ansteckung schützen können", erzählt sie. "Und wir kümmern uns darum, dass Ebola-Waisen nicht allein auf der Straße umherirren." Mehr als 3700 Mädchen und Jungen sind bereits durch Ebola zu Waisen oder Halbwaisen geworden.

Es gibt ein anrührendes Foto von Rosmarie Jah aus besseren Tagen. Sie ist umringt von lachenden Kindern. Das Bild entstand vor dem Ausbruch
der Seuche. Wer es sieht, fragt sich unwillkürlich, wie es diesen Kindern wohl heute gehen mag.

In Sierra Leone ist jeder fünfte Ebola-Kranke ein Kind oder Jugendlicher. Zu den wichtigsten Unicef-Projekten gehört es dort, 2500 Ebola-Überlebende, die nun immun sind gegen das Virus, darin zu schulen, in Quarantäne isolierte Kinder zu betreuen. "Ich sehe sie jeden Tag zwischen Ärzten und Pflegepersonal in weißen Schutzanzügen, isoliert vom Rest der Familie und frage mich, welche tiefen Ängste und Nöte sie wohl durchleiden", schrieb Rosmarie Jah in ihrem Blog.

Aber manchmal gibt es inmitten dieses Dramas auch kleine Wunder. Von einem hat der österreichische Helfer Martin Zinggl aus dem Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Foya im Norden Liberias berichtet: "Wir sind froh, bekanntgeben zu können, dass hier die
bislang jüngste und auch die bislang älteste Ebola-Patientin die Krankheit überlebt haben."

Die kleine Musu war erst 39 Tage auf der Welt, als sie an Ebola erkrankte. Nun kann sie vielleicht so alt werden, wie Großmutter Nessie, die ebenfalls in Foya als geheilt entlassen wurde. Sie behaupte steif und fest, 100 zu sein. So richtig glaube ihr das niemand, berichtet Zinggl. Aber über 85 sei Nessie auf alle Fälle. "Kein schlechtes Alter für jemanden, der gerade Ebola überlebt hat."

Fragt man Helfer, warum sie sich auch noch die Zeit für Blogs, Twitter-Meldungen, Facebook-Berichte oder Interviews nehmen, ist die Antwort fast immer gleich: Wir brauchen dringend mehr Unterstützung und wir hoffen, die Menschen daheim dafür gewinnen zu können.

Auch Verbitterung ist zu spüren. Darüber, dass zwar viel staatliche Hilfe versprochen, aber bislang nur ein Teil davon wirklich geleistet wurde. Erst ein Viertel der von den UN zur Bekämpfung der Seuche erbetenen knapp einer Milliarde Dollar war bis zum vergangenen Freitag von Mitgliedsländern überwiesen worden.

"Ich versuche seit Wochen vergeblich, Fieberthermometer zu bekommen", schimpft Bruder Lothar Wagner vom Salesianer-Orden, der in Freetown Patienten betreut. "Wir brauchen mehr mobile Krankenhäuser, Labore, Isolierstationen, Schutzmaterial und wir brauchen das dazugehörige
qualifizierte Personal", sagt er im dpa-Gespräch. Er sei ja froh, dass sich in Deutschland 5000 Freiwillige gemeldet hätten, doch bekanntlich müssten diejenigen von ihnen, die dann tatsächlich in die Ebola-Region gebracht werden, erstmal dafür geschult werden.

Viele Staaten, auch Deutschland, hätten viel zu spät auf die von Tag zu Tag schlimmer werdende Epidemie reagiert, beklagen die vor Ort tätigen Helfer unisono. Immerhin hat Kuba jetzt 165 Ärzte und Pfleger nach Sierra Leone gebracht. Ander Länder brauchen viel länger. "Wenn
wir ihre Hilfszusagen hören, fragen wir sie nach dem Zeitplan", sagte MSF-Präsidentin Joanne Liu vorige Woche der "New York Times". "Manche sprechen dann von acht bis zehn Wochen. Sie werden Weihnachten aufwachen und das Problem wird sich erheblich verschlimmert haben."


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