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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
11. Februar 2013

"Heimweh haben sie alle" - Spanische Pflegekräfte in Deutschland

Im Tegernseer Bräustüberl und auf dem Wallberg war sie schon. Aber ansonsten hat Sandra Rivera Diaz noch wenig Zeit gehabt, das bei Urlaubern so beliebte Tegernseer Tal in den Alpen zu erkunden. "Wir haben kaum Freizeit", sagt die 26-Jährige und sorgt damit bei ihren Kolleginnen für zustimmendes Kopfnicken. Diaz ist eine von 17 spanischen Pflegekräften, die seit wenigen Wochen in der Klinik St. Hubertus im bayerischen Bad Wiessee Verbände wechseln, Patienten waschen und Medikamente verabreichen. Die 15 jungen Frauen und 2 Männer wurden in ihrer Heimat für die Rehaklinik angeworben. Ein ähnliches Projekt läuft seit vergangenem Jahr am Universitätsklinikum Erlangen.

Im krisengeschüttelten Spanien lag die Arbeitslosenquote zuletzt bei 26%, in Deutschland hingegen sind Pflegekräfte Mangelware. Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft konnten 2011 bundesweit rund 3000 Stellen im Pflegedienst nicht besetzt werden. Also schaltete der Wiesseer Klinikchef Christian Gores vergangenes Jahr eine Annonce auf Deutsch in spanischen Zeitungen. "Daraufhin gingen 120 Bewerbungen ein", erinnert sich der 37-Jährige.

Wenig später saß der Geschäftsführer im Flugzeug und führte in Madrid und Sevilla Vorstellungsgespräche mit 60 überwiegend jungen, hauptsächlich weiblichen Pflegekräften. Sein perfektes Spanisch nach einem Jahr Studium auf der Iberischen Halbinsel kam Gores bei der Akquise zugute. 20 Bewerber wurden ausgewählt, 3 sprangen ab.

Den ganzen Dezember über - sechs Stunden täglich - paukten Diaz und ihre Kolleginnen erst einmal Deutsch. Seit Januar arbeiten die Pflegerinnen 30 Wochenstunden auf den Stationen, viermal die Woche kommen je viereinhalb Stunden Sprachunterricht dazu. "Dabei herrscht Anwesenheitspflicht", sagt der Klinikchef streng.

Dafür gibt es einen auf acht Monate befristeten Vertrag mit der Zusage auf Übernahme bei bestandener Sprachprüfung. Dann bekommen Diaz und Co. das Tarifgehalt einer examinierten Krankenpflegerin, bis dahin werden sie als Pflegehilfskräfte bezahlt.

Um am neuen Arbeitsplatz anzukommen, setzt die Klinikleitung auf ein Patensystem. Jeder Spanierin ist eine deutsche Pflegekraft zugewiesen, die ihr bei beruflichen Problemen, aber auch privat zur Seite steht. "Die Kolleginnen helfen mir wirklich sehr", sagt die aus Sevilla stammende Sandra Rivera Diaz, "und auch die Patienten sind sehr nett. Sie sprechen langsam mit uns, damit wir sie verstehen."

Auch die Pflegedienstleiterin ist froh, dass die Spanierinnen akzeptiert werden. "Es läuft besser als ich gedacht habe", sagt Daniela Beyer, "sie können schon selbstständig Anwendungen durchführen." Auch die Patienten gingen sehr verständnisvoll mit ihnen um.

Otmar Eimuth findet die Initiative der Klinik prima. "Europa wächst zusammen", sagt der 72-Jährige aus Koblenz, der nach einer Operation am Bein zur Reha in Bad Wiessee ist. Natürlich gebe es Sprachbarrieren, "aber für einen polyglotten Deutschen ist das doch kein Problem". Beim Verbandswechsel unterhält er sich prompt auf Spanisch mit seiner aus Gran Canaria stammenden Pflegerin. Die 23-jährige Irene Liminana Perez hat in ihrer Heimat keine Stelle als examinierte Pflegekraft gefunden und Geld mit Nachhilfeunterricht verdient.

Maria Isabel Ruiz Escobar vermisst zwar ihren Freund. "Aber es gefällt mir trotzdem hier", sagt die 28-Jährige und bekommt große Augen, als eine Kollegin vom ersten Discobesuch in München erzählt. Zainsmyt Medina Lugo hingegen hat dafür nichts übrig. Die gebürtige Kubanerin ist die einzige der 17-köpfigen spanischen Gruppe, die eine eigene Familie hat. In ihrer Freizeit telefoniert die 41-Jährige daher viel mit ihrem Mann und den drei Kindern. "Wenn ich hier eine unbefristete Stelle finde, kann ich mir vorstellen, dass meine Familie nachkommt", sagt sie in holprigem Deutsch.

Noch aber müssen sich Lugo und ihre Kolleginnen an die neue Umgebung gewöhnen. Und auch wenn sich die Spanierinnen nach dem Eindruck der Klinikleitung erstaunlich schnell in Deutschland zurechtgefunden haben, eines kann Christian Gores seinen neuen Mitarbeiterinnen nicht ersparen: "Heimweh haben sie alle".


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