Mittwoch, 16. Juni 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
CAR T Prelaunch
CAR T Prelaunch
 
Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
18. September 2018

Co-Abhängigkeit: das stille Leid der Kinder

Minderjährige mit alkoholsüchtigen Eltern erleben oft Vernachlässigung und Gewalt. Trotzdem kümmern sie sich bis zur Erschöpfung um den Abhängigen. Experten sprechen von Co-Abhängigkeit. Betroffene leiden darunter ein Leben lang – und greifen später häufig selbst zur Flasche.
Anzeige:
Digital Gesamt 2021
Digital Gesamt 2021
 
Die Zahlen sind alarmierend: Rund drei Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen suchtkranken Elternteil. In den allermeisten Fällen lautet das Problem Alkohol. 2,65 Millionen Minderjährige leiden unter einem trinkenden Vater oder einer trinkenden Mutter(1). Die Folgen sind oft gravierend.
 
Bei Alkoholsucht ist das gesamte Umfeld betroffen

„Ist ein Elternteil alkoholabhängig, leidet nicht nur die Person selbst unter der Erkrankung“, erklärt Dr. Bastian Willenborg, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg. Oft sei das gesamte Umfeld betroffen. „Besonders nahe Angehörige entwickeln häufig eine sogenannte Co-Abhängigkeit. Dabei kümmern sie sich bis zur Erschöpfung um den Suchtkranken und treten als Person völlig in den Hintergrund.“ Zwar sei die Intention der Angehörigen häufig eine gut gemeinte, so der Mediziner. „Doch indem sie dem Abhängigen alle Aufgaben abnehmen, ihn decken und unterstützen, erschweren sie, dass der Abhängige selbst ein Leiden unter seiner Sucht und somit eine Veränderungsmotivation entwickelt.“
 
Schon für Erwachsene kann eine Co-Abhängigkeit ein großes Problem darstellen. Bei Kindern ist die Situation noch schwieriger: „Sie wissen oftmals nicht, wie eine gewöhnliche Eltern-Kind-Beziehung aussieht und sind darüber hinaus existenziell auf den suchtkranken Elternteil angewiesen“, so Willenborg.
 
Co-Abhängigkeit: Die Rollen zwischen Kind und Elternteil werden umgekehrt

Die Folge: Co-abhängige Kinder kümmern sich um den Suchtkranken meist noch bedenkenloser als Co-abhängige Erwachsene. Sie kaufen für ihn ein, melden ihn beim Arbeitgeber krank, kontrollieren vielleicht sogar die Haushaltskasse. „Einen solchen Zustand, in dem die sozialen Rollen zwischen Elternteil und Kind umgekehrt werden, bezeichnen wir als ‚Parentifizierung’“, erklärt Willenborg. „Der Sohn wird zum Vater, der Vater zum Sohn.“
 
Die Auswirkungen für die Co-abhängigen Kinder sind weitreichend: Ihre Jugend ist oftmals von Aggressivität und Gewalt in der Familie, Vernachlässigung und sozialer Ausgrenzung geprägt. In fortgeschrittenem Alter werden sie weitaus häufiger psychisch krank, leiden öfter unter Depressionen, Angst-, oder Persönlichkeitsstörungen. Hinzu kommt: „Das Risiko, später selbst alkoholabhängig zu werden, ist erhöht“, so Willenborg.
 
Hilfe von außen für Kinder besonders wichtig

Während Co-abhängige Erwachsene sich meist bewusst sind, dass ihre Situation nicht normal ist und sich selbstständig an Beratungsstellen wenden können, ist dies Kindern nur selten möglich, wie der Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg ausführt: „In den meisten Fällen hat niemand Zugang zu den Kindern. Dabei bräuchten gerade sie dringend Hilfe von außen, um einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden, da sie sich meistens auch noch selbst schuldig fühlen für ihr vermeintliches Versagen und die Situation in ihrer Familie.“
 
Doch wie hilft man? „Suchterkrankungen sind ein gesamtgesellschaftliches Problem, das wir gemeinsam angehen müssen“, sagt Willenborg. Dazu bedürfe es zuerst einem offeneren Umgang mit dem Thema: „Eine Enttabuisierung ist überfällig.“ Schulen könnten hier eine Schlüsselrolle spielen: „Bei der Verkehrssicherheit etwa leisten Schulen bereits sehr gute Aufklärungsarbeit. Dies kann ein Vorbild für den Umgang mit Suchterkrankungen sein“, so der Mediziner. „Sind Lehrer – aber auch Trainer im Sportverein oder Betreuer in der Jugendgruppe – einmal für das Thema sensibilisiert, kommen sie leichter an betroffene Kinder heran und können mit ihnen Beratungsstellen aufsuchen. Auch hier müssen wir das Angebot ausbauen.“

Quelle: Oberbergkliniken

Literatur:

(1) Drogenbeauftragte der Bundesregierung (2017): Kinder aus suchtbelasteten Familien


Das könnte Sie auch interessieren
Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel - keine falschen Hoffnungen wecken
Schmerzmittel+Methadon+ist+kein+Krebsheilmittel+-+keine+falschen+Hoffnungen+wecken
@ efmukel / Fotolia.com

Das Opioid Methadon sollte nicht zur Tumortherapie eingesetzt werden. Die derzeit vorliegenden Daten aus Labor- und Tierversuchen sowie einer Studie mit 27 Krebspatienten reichen nicht aus, um eine Behandlung zu rechtfertigen. Einige Medienberichte wecken dennoch bei an Leukämie oder Hirntumor erkrankten Patienten die falsche Hoffnung auf Heilung. Methadon ist zur Behandlung starker Schmerzen zugelassen und ein etabliertes Medikament in...

Das Klinikum Herford unterstützt Krebs-Patienten und Patientinnen mit digitalem Therapie-Assistenten
Das+Klinikum+Herford+unterst%C3%BCtzt+Krebs-Patienten+und+Patientinnen+mit+digitalem+Therapie-Assistenten+
© adam121 / Fotolia.de

Das Klinikum Herford bietet seinen gynäkologischen Krebs-Patientinnen ab sofort einen digitalen Therapiebegleiter an, der sie im Umgang mit der Erkrankung unterstützt. Die Smartphone-App MIKA begleitet Betroffene durch die Behandlung und hilft ihnen unter anderem mit Gesundheitsmonitoring und psychosozialem Coaching. Mit dem neuen digitalen Assistenten geht das Klinikum Herford einen weiteren Schritt, um Erkrankte zu mehr...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Co-Abhängigkeit: das stille Leid der Kinder"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EHA 2021
  • SCD: Neues digitales Schmerztagebuch zur tagesaktuellen Erfassung von VOCs wird in Beobachtungsstudie geprüft
  • Fortgeschrittene systemische Mastozytose: Französische Real-World-Studie bestätigt klinische Studiendaten zur Wirksamkeit von Midostaurin
  • CML-Management weitgehend leitliniengerecht, aber verbesserungsfähig – Ergebnisse einer Querschnittsbefragung bei britischen Hämatologen
  • Myelofibrose: Früher Einsatz von Ruxolitinib unabhängig vom Ausmaß der Knochenmarkfibrose
  • Hochrisiko-MDS und AML: Sabatolimab + Decitabin/Azacitidin zeigt in Phase-I-Studie anhaltende Remissionen bei guter Verträglichkeit
  • PNH: Neuer oraler Faktor-B-Inhibitor Iptacopan zeigt in Phase-II-Studie Wirksamkeit in der Erstlinie