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Keytruda Pantumor
Keytruda Pantumor
Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
16. Juli 2015

"Beteiligt ist jeder" - Missbrauchsopfer bekommen eine Stimme

2010 wurden zahlreiche schockierende Missbrauchsfälle publik. Nun kämpft ein Betroffenenrat dafür, dass die Schicksale präsent bleiben, mehr für die Opfer getan wird - und neue Fälle verhindert werden.

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Sie möchte ihren Worten Gewicht verleihen. Immer wieder legt sie die Hand auf ihr Herz, während sie redet: "Wenn man über sexuellen Missbrauch spricht und nicht gehört wird, dann hilft das Sprechen nicht, dann verletzt es und erschwert die Verarbeitung", sagt Catharina Beuster.

Die 31 Jahre alte Studentin ist Mitglied im Betroffenenrat, der den bei der Bundesregierung angesiedelten Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unterstützt. Es gehe ihr darum, Erwachsene für das Thema zu sensibilisieren, sagt Beuster. "Sie müssen Verantwortung übernehmen für die Strukturen, in denen Kinder leben - Lebensbedingungen so gestalten, dass Missbrauch verhindert wird."

Die Missbrauchsskandale in kirchlichen Bildungseinrichtungen und Internaten wie der Odenwaldschule hatten 2010 die deutsche Öffentlichkeit schockiert. Eine Phase der Aufarbeitung begann. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag hielten Union und SPD 2013 fest, dass auch Betroffene kontinuierlich an der Aufarbeitung beteiligt werden sollen.

Im Frühjahr 2015 wurde schließlich ein Betroffenenrat eingerichtet, der die Arbeit des Missbrauchsbeauftragen der Bundesregierung unterstützt. Vor wenigen Wochen tagte der Rat zum ersten Mal - von nun an sollen sich die 15 Mitglieder etwa sechsmal jährlich treffen. Das Ziel: den Schutz von Kindern verbessern.

"Es ist eine innovative Idee von Bürgerbeteiligung, Betroffene als Experten zu verstehen", sagt Beuster, die selbst Missbrauch innerhalb einer Institution erlebt hat. "Es muss zwingend mehr für die finanzielle Absicherung der Präventionsarbeit getan werden."

Von zentraler Bedeutung sei es, Erwachsenen das Know How zu geben, Kindesmissbrauch zu erkennen und zu beenden. Institutionen, die mit Kindern arbeiten, müssten ihre Schutzkonzepte in Zusammenarbeit mit Fachberatungsstellen ausbauen. Diese seien aber vollkommen unterfinanziert, kritisiert die Studentin der Erwachsenenbildung.

"Wir sind alles andere als eine Selbsthilfegruppe", sagt Kerstin Claus, ebenfalls Mitglied im Rat. Die einzige Hilfe sei vielleicht, "dass man vieles, was man als belastend erlebt, wenigstens versucht, konstruktiv zu nutzen." Opfer sexuellen Missbrauchs wurde sie innerhalb einer bayerischen Kirchengemeinde. Heute, Jahrzehnte später, kämpft sie sich durch Gesetze und Verfahren, um finanzielle Entschädigung und Hilfe zu bekommen. Das belastet sie so sehr, dass sie ihrer Arbeit als Journalistin derzeit nicht nachgehen kann.

Im Betroffenenrat hat sich die 45-Jährige eines komplexen Themas angenommen: der Reform des Opferentschädigungsgesetzes (OEG). "Die größte Hürde ist, dass die überwiegende Zahl nicht als Opfer anerkannt wird", sagt Claus. Die Kriterien für den Nachweis müssten dringend verbessert werden. Denn: "Ein Missbrauch ist anders als ein Banküberfall. Tatort und Tatzeit sind nicht mehr belegbar, wenn die Tat Jahre zurückliegt und man noch ein Kind oder Jugendlicher war."

Selbst wer als Opfer erkannt werde, erlebe weiter das Chaos. Auch bei Claus ist das so. Sie steckt derzeit in acht Verwaltungsklagen, um finanzielle Hilfen zu bekommen. Das Hauptproblem: Verschiedene Ämter weisen die Zuständigkeit von sich. "Es braucht Case Manager, die Opfern dabei zur Seite stehen", fordert Claus. Sie sollen beispielsweise bei Fragen nach richtigen Therapien und Rechtsfragen helfen.

Obwohl der Runde Tisch bereits 2011 Verbesserungen beim OEG gefordert hat, wurde zwar eine Reform angekündigt, aber ein Gesetzentwurf ist nicht in Sicht. Das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales arbeite daran. Die Arbeiten seien noch nicht abgeschlossen, so dass zum Zeitplan des parlamentarischen Verfahrens noch keine Informationen gegeben werden könnten, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Grünen vom Juni. Man sei um eine Lösung bemüht, erklärt ein Sprecher des Ministeriums.

Um die Zeit bis zu einer Reform zu überbrücken, wurden zunächst sogenannte ergänzende Hilfesysteme für jene ins Leben gerufen, die in Familien und Institutionen missbraucht wurden. Sie sollen Betroffene schnell und unkompliziert unterstützen. Doch diese Hilfesysteme sollen bereits 2016 auslaufen.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert: "Das ergänzende Hilfesystem muss weiterlaufen, bis das OEG reformiert ist." Und das werde nach aktueller Planung erst 2020 in Kraft treten. "Bei der Hartz-IV-Reform oder der Rentenreform hat das Ministerium gezeigt, dass es ein Hochleistungsteam sein kann, wenn der politische Wille da ist. An diesem fehlt es hier ganz offensichtlich."

"Wir brauchen eine dauerhafte breite öffentliche Debatte. Missbrauch erledigt sich nicht von alleine. Das Ausmaß ist enorm", sagt Rörig. Man müsse davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder seien, "die dringend Hilfen benötigen." Er fordert genauso wie Beuster mehr Geld für Prävention und die Fachberatungsstellen vor Ort.

Trotz der zähen Arbeit gibt es auch Erfolge für Rörigs Arbeit: Neben dem Betroffenenrat wird es von 2016 an auch eine Unabhängige Aufarbeitungskommission Kindesmissbrauch geben, die Anfang Juli vom Bundestag beschlossen wurde. Sie soll systematisch den Missbrauch in Institutionen und erstmals auch in der Familie untersuchen.

Catharina Beuster betont, wie wichtig es ist, dass die Arbeit vorankommt: "Beteiligt ist am Ende jeder, denn jeder kennt Betroffene - und hat mit den Auswirkungen sexueller Gewalt zu tun, ob er es weiß oder nicht."


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