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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
21. November 2016

Experten für "Leichte Sprache" gewöhnen Behörden schweres Deutsch ab

Bandwurmsätze und Fachchinesisch - mit Behördensprache können viele Bürger oft wenig anfangen. Geistig Behinderte oder Demenzkranke tun sich oft noch schwerer. Deswegen gibt es ab 2018 für Behörden sogar eine Pflicht zu "Leichter Sprache". Die "Rente" ist in der Sprache allgegenwärtig. Doch für viele Menschen ist selbst dieser scheinbar so einfache Begriff nur schwer verständlich. Für sie hat die Deutsche Rentenversicherung inzwischen ein eigenes Internetangebot. In sogenannter Leichter Sprache wird dort erklärt: "Menschen werden alt. Sie müssen dann nicht mehr zur Arbeit kommen. Man sagt auch: Sie gehen dann in Rente."
Die Rentenversicherung macht hier vor, was ab 2018 nach einer jüngst in Kraft getretenen Novelle des Behindertengleichstellungsgesetzes für Bundesbehörden Pflicht ist. Dann müssen sie ihre Bescheide in "Leichter Sprache" herausgeben. Ein Netzwerk von Institutionen kümmert sich seit Jahren darum, dass diese verständlichere Sprache bei Ämtern und Unternehmen in den Alltag einzieht. In Bayern sind daran die kirchliche Stiftung Dominikus-Ringeisen-Werk im schwäbischen Ursberg, eine Medienwerkstatt aus München und das Fach-Zentrum für Leichte Sprache der Augsburger Caritas beteiligt.

"Unsere Auftraggeber können ihre Inhalte häufig nicht einmal selbst in einfachen Worten zusammenfassen", sagt Kristina Wehner von dem Augsburger Zentrum. Dies zeigt nach Ansicht der Übersetzerin, dass die "Leichte Sprache" nicht nur für Menschen mit Leseschwäche notwendig sei.

Primär richtet sich die leicht verständliche Sprache an Lernbehinderte, geistig Behinderte, Demenzkranke oder auch Ausländer, die nur wenig Deutsch können. Immer mehr Ämter und Unternehmen denken bei ihren Broschüren und Netzveröffentlichungen inzwischen um, vermeiden Bandwurmsätze und verschachtelte Texte. "Nur wenn man alles versteht, kann man auch überall mitmachen", betont die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele.

In Augsburg werden von einem Team, das aus Sozialpädagogen und Behinderten besteht, Texte übersetzt. "Unsere Mitarbeiter entscheiden darüber, was in den Texten für sie verständlich ist und was nicht", erklärt Wehner das Prinzip. "Sie sind sozusagen Prüfer und Zielgruppe in einem."

So gehen Maria Hütter und Tanja Greisel mühsam durch einen Text, der sich mit einer Explosion mit mehreren Toten vor wenigen Wochen in einer Chemiefabrik in Ludwigshafen beschäftigt. "Warum macht man es so kompliziert, wenn es auch einfach geht?", seufzt Hütter, als sie das schwierige Wort zu entziffern versucht. "Che-mi-ka-li-en", betont Kollegin Greisel jede einzelnen Silbe. Das ganze Wort ergibt für sie dennoch keinen rechten Sinn, bei "Ex-plo-si-on" ergeht es beiden nicht besser.

Auch dieses Wort wird mit grünem Leuchtstift markiert, damit Wehner die schwere Sprache in leichte übersetzen kann. In diesem Fall entscheidet sie sich für einen Hintergrundabsatz: "Chemikalien werden meistens in einem Labor gemacht. Das machen Fach-Leute. Chemikalien können gefährlich sein. Sie können explodieren. Dann kann giftiger Rauch entstehen. Das ist in der Firma passiert." Greisel und Hütter sind mit der Übersetzung ihrer Betreuerin zufrieden, nun verstehen sie das Unglück besser.

Das Netzwerk Leichte Sprache in Münster hat für solche Fälle einen Regelkatalog aufgestellt. Demnach sind Fach- und Fremdwörter sowie Abkürzungen tabu, und es sollen nur kurze Sätze verwendet werden. Außerdem gilt die Faustformel: "Nur eine Aussage pro Satz." Durch Bebilderung und große Schrift soll das Verständnis weiter verbessert werden. Wenn ein Text solche Vorgaben erfüllt, bekommt er ein eigenes Siegel.

In Augsburg werden allerdings nicht nur Texte übersetzt, das Zentrum bietet auch Schulungen für Leichte Sprache an. Jüngst sind zu einem Seminar 16 Interessierte beispielsweise aus Berlin, Hannover und sogar Rom in die schwäbische Stadt gekommen, um nach sieben Tagen das Übersetzerzertifikat zu erhalten.

Die Schulung weiterer Experten ist nach Ansicht von Dozentin Wehner dringend nötig. "Leider tun sich noch zu viele Bürgerbüros in kleineren Städten und ganz besonders Unternehmen auf ihren Internetseiten mit leicht verständlicher Sprache schwer", betont sie. Auch ihre Textprüferin Tanja Greisel hofft, dass sie künftig nicht mehr so häufig über schwer verständliche Sprache stolpern muss: "Ich möchte viel mehr verstehen, was in der Welt da draußen los ist."

Quelle: dpa


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