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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
19. Juni 2012

BARMER GEK: „Demographie erklärt nicht jede Kostensteigerung“

Patientenorientierung und demografischer Wandel – überfordern Multimorbidität und „Chronic Care“ die Versorgung? Diese etwas provokante Frage stellt der heutige Medizinkongress der BARMER GEK und des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen (ZeS) in Berlin. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK, ist optimistisch: Die Gesundheitsversorgung in Deutschland stelle sich auf die wachsende Zahl älterer sowie multimorbider Patienten ein. Gleichzeitig merkt der Kassenchef an: „Nicht jede Mengen- und Kostensteigerung im Gesundheitswesen lässt sich mit dem demographischen Faktor rechtfertigen.“ Es sei daher angemessen, dass die Bundesregierung medizinisch nicht begründbare Mengenausweitungen im Krankenhaus in Frage stelle.

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Laut Straub gibt es einige viel versprechende Strategien im Umgang mit dem demographischen Wandel. Zum Wohle älterer Patientinnen und Patienten würden vor allem die Vernetzung der Versorgung, ein gezieltes Case- und Caremanagement sowie altersgerechte Patienteninformationen vorangetrieben. Außerdem setze man auf die Delegation ärztlicher Tätigkeiten auf nichtärztliches Personal, das mehr Zeit für Gespräche aufbringen könne. „Unser Hauptanliegen ist die Förderung von Teamstrukturen zwischen Ärzten, medizinischen Fachangestellten und Therapeuten. Nur so wird eine koordinierte Behandlung älterer Menschen möglich.“

Die derzeitige Versorgungssituation findet Professor Dr. Ferdinand M. Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, zwiespältig. Die Akutmedizin sei gut, die Betreuung chronisch Kranker aber mangelhaft: „Unser Gesundheitssystem leidet unter einer Dominanz des Dringlichen und ist nicht optimal auf die Langzeitbetreuung chronisch Kranker, insbesondere solcher mit Mehrfacherkrankungen, ausgerichtet“, so Gerlach, der auch Stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist. Er sieht vor allem Chancen in einer intensiven Zusammenarbeit von besser informierten und aktivierten Patienten und einem besser vorbereiteten, vorausschauend handelnden Praxisteam.

Versorgungsforschung als Politikfolgeabschätzung

Kritisch wird die Versorgung älterer Patienten auch vom Kongressinitiator und Gesundheitsexperten Professor Dr. Gerd Glaeske vom ZeS eingeschätzt. Noch immer suchten Versicherte mit Demenzdiagnose nur zu einem Bruchteil einen Neurologen und Psychiater auf. Auch erhielten sie weiterhin zu viel Neuroleptika, obwohl die Gabe dieser Psychopharmaka bei Demenzpatienten ein erhöhtes Schlaganfall- und auch Mortalitätsrisiko bedeute. „Allzu häufig werden Demenzpatienten still gestellt, um das Pflegepersonal zu entlasten.“ Solche Beispiele für Fehlversorgung und Versorgungslücken identifiziere man aber vor allem durch die Analyse von Kassendaten und Patientenbefragungen, so Glaeske. Versorgungsforschung gehöre deshalb unbedingt in den Baukasten alters- und alternsgerechter Versorgungsstrategien. Ihre Funktion als Politikfolgeabschätzung, also eine kontinuierliche Begleitforschung der Auswirkungen und des Nutzens von Gesetzesänderungen, werde allerdings immer noch sträflich vernachlässigt.

„Mit dem Interesse an der Versorgungsforschung nimmt auch die Kritik an ihren Ergebnissen zu“, weiß der stellvertretende BARMER GEK Vorstandsvorsitzende Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Leistungsanbieter fühlten sich angegriffen wegen der Feststellung von Über-, Unter- und Fehlversorgung, Versicherte sehen sich dem Vorwurf übermäßiger Leistungsinanspruchnahme ausgesetzt. Das zentrale Motiv der Versorgungsforschung bleibe aber klar: „Im Vordergrund steht der Patientennutzen, nicht die Produktorientierung!“

Quelle: BARMER GEK


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