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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
13. September 2016

Altersmedizin in Großbritannien: "Vielleicht können unsere Erfahrungen unseren deutschen Kollegen helfen"

Die Altersmedizin rückt in Deutschland immer mehr in den Fokus. Doch im internationalen Vergleich hinkt sie deutlich hinterher - Großbritannien zum Beispiel. "Der wesentliche Unterschied ist, dass Geriatrie bei uns bereits seit 30 bis 40 Jahren fester Bestandteil des medizinischen Angebots in all unseren Krankenhäusern ist", stellt Professor Finbarr C. Martin vom King’s College in London fest. So haben ihn die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) im September zum gemeinsamen Jahreskongress nach Stuttgart eingeladen, um einen Blick über den Tellerrand zu wagen.

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In seiner englischsprachigen Keynote-Lecture "What Germany could learn from British geriatric medicine" schildert Martin, mit welcher Selbstverständlichkeit in Großbritannien betagte Patienten von Spezialisten behandelt werden.

Und auch die Lehre an den Universitäten auf der Insel spiegelt das wider: Altersmedizin ist fester Bestandteil des Curriculums, das von der nationalen Regulierungsstelle, dem General Medical Council (etwa vergleichbar der deutschen Ärztekammer) vorgegeben wird. Bei Post Graduate Studenten ist Geriatrie eine der am häufigsten gewählten Spezialisierungen. In Großbritannien ist es außerdem seit langem üblich, dass an einer Klinik tätige Allgemeinmediziner sich auf ein Fachgebiet spezialisieren. Mittlerweile sei Geriatrie hier sehr beliebt, so Prof. Martin. "Seit gut 25 Jahren gibt es an fast jeder universitären Medizinfakultät einen Lehrstuhl für Geriatrie. Die Altersmedizin in Großbritannien ist also deutlich etablierter als in Deutschland." Ein Vorbild?

Ein System mit Stärken, aber auch Schwächen


Der Stimulus für die Entwicklung der Geriatrie in Großbritannien ist nach Meinung Professor Martins die Gründung des National Health Services (NHS) im Jahr 1948 gewesen. Im Zuge dessen habe der nationale Gesundheitsdienst auch den Betrieb von Einrichtungen für chronisch Kranke, zu denen viele Alte gehörten, übernommen. "Die Antwort auf diese Herausforderung war die Altersmedizin." Seitdem hat sich die Altersmedizin systematisch entwickelt. In Krankenhäusern gibt es heute große Spezialabteilungen mit entsprechendem Fachpersonal, weiß Prof. Martin, der bis Sommer 2016 über drei Jahrzehnte lang als Consultant Physician am Guy’s and St Thomas’ Hospital in London tätig war.
Natürlich gibt es aber auch im englischen System Schwächen. "Dadurch, dass sich Geriater in fast allen Belangen um betagte Patienten kümmern, haben andere Fachgebiete wie die Kardiologie weniger Interesse an dieser Gruppe."

Alt werden die anderen, nicht ich

Auch die Fokussierung auf Krankenhäuser sollte in Großbritannien hinterfragt werden. Externe Angebote wie Pflegeheime oder Serviceangebote durch Kommunen sind vernachlässigt worden. "Ein Rat, den ich geben würde, lautet daher: Auch außerhalb von Krankenhäusern muss die geriatrische Praxis und Forschung gefördert werden", so Prof. Martin. Gerade auch, weil die öffentliche Wahrnehmung der Altersmedizin lange Zeit negativ geprägt war. "Noch heute mögen viele Patienten nicht in geriatrische Abteilungen gehen, weil sie Vorurteile haben." Die Patienten, die man dort wegen Demenz oder Inkontinenz antreffe, seien „nicht wie man selbst" - frei nach dem Motto: Alt werden die anderen, nicht ich! "Das aber dürften Vorurteile sein, denen man sowohl in Großbritannien wie auch Deutschland begegnet", meint Prof. Martin mit einem Augenzwinkern.


Zur Person:

Prof. Finbarr C. Martin ist beratender Geriater am Guy’s and St Thomas Hospital in London und Honorarprofessor für Medizinische Gerontologie am King’s College London. Er hat in vielen verschiedenen Krankenhaus- und Kommunaldiensten für ältere Menschen gearbeitet, und seine Abteilung hat auf der Grundlage von Anwendungen einer umfassenden multidisziplinären geriatrischen Beurteilung mehrere Pflegemodelle entwickelt und ausgewertet. Seine Forschungsinteressen liegen bei den "geriatrischen Syndromen" der Stürze, Gebrechlichkeit und Delirium sowie Serviceinnovationen zur Meisterung dieser klinischen Herausforderungen. Er war klinischer Leiter für die Englische Abteilung für Gesundheitsstrategie für Stürze und Brüche (2010) und ist derzeit klinischer Leiter für die nationalen Prüfprogramme über Stürze und Fragilitätsfrakturen. Er war Präsident der British Geriatrics Society (2010–2012) und wurde vor kurzem zum President-Elect der Europäischen Vereinigung für Geriatrie (EUGMS) gewählt.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG)


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