Samstag, 15. Mai 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Darzalex
Darzalex
 
Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
08. August 2016

Ab auf die Couch? Viele Flüchtlinge brauchen andere Hilfen

Wenn Kriegsbilder aus Aleppo in den Nachrichten zu sehen sind, geht das syrischen Flüchtlingen besonders nah. Doch das Leben in der Notunterkunft ist ihnen heute näher. Experten halten Sozialarbeiter darum für wichtiger als Traumatherapien. Die schrecklichen Erinnerungen kommen nachts. Alpträume quälen dann manche Flüchtlinge in Berlins größter Notunterkunft in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof.

Anzeige:
Keytruda Lunge
Keytruda Lunge

"Nicht alle Bewohner sind traumatisiert, aber viele bringen Belastungen mit", sagt die Psychologin Hannah Krunke. "Sie haben im Krieg Familienmitglieder verloren oder auf der Flucht über das Meer lebensbedrohliche Situationen erlebt." Der Umgang mit seelischen Wunden sei sehr individuell. Seit Oktober sind rund 4.000 Menschen in Tempelhof angekommen. In der Enge der Hangars ohne Privatsphäre entlädt sich die Spannung manchmal in Aggressivität. Wirkliche Gewaltvorfälle aber blieben bisher selten, berichtet Krunke.

Auch an der Universitätsklinik Charité sieht der syrische Psychiater Malek Bajbouj keine Massen von psychisch schwer gestörten Migranten auf Deutschland zukommen. In Berlins zentrale Clearingstelle für seelische Probleme kamen seit Februar 1.200 Flüchtlinge. Weitere 150 bis 200 suchen pro Quartal in einer speziellen Ambulanz Hilfe. "Rund die Hälfte der Menschen, die sich an uns wenden, haben Depressionen oder Angststörungen", sagt Bajbouj. Doch das heiße nicht, dass sie sofort ein Fall für Therapeuten seien.

Nach monatelanger Erfahrung hält der Professor andere Hilfen für sinnvoller. "Das allerwichtigste ist aktuell die Sozialarbeit, die Menschen möglichst rasch in eigene Wohnungen, in Arbeit und in die Gesellschaft bringt. Das verhindert viel mehr und viel besser als Traumatherapien, dass Menschen psychisch erkranken oder sich radikalisieren", ergänzt er.

Bajbouj sieht in Deutschland eine extreme Spannbreite bei der Wahrnehmung von Flüchtlingen: "Vom Sommermärchen einer Willkommenskultur bis hin zu tickenden Zeitbomben." Der Syrer plädiert für eine Versachlichung. Es gebe in jedem Land Menschen mit Gewaltpotenzial. "Sie sind nicht per se gefährlich. Aber sie können es werden, wenn äußere Stressfaktoren dazukommen - und vielleicht noch eine Ideologie, die dann als Rechtfertigung dient." Ein wirklicher Unterschied zur deutschen Bevölkerung seien bei vielen Flüchtlingen massive Gewalterlebnisse. "Doch daraus folgen nicht zwangsläufig auch Gewalttaten."

Bei der Bundespsychotherapeutenkammer schätzt Präsident Dietrich Munz, dass maximal die Hälfte der Geflüchteten psychische Probleme hat. "Doch nur schätzungsweise 10% von ihnen brauchen eine psychotherapeutische Behandlung bei einem Spezialisten und wollen sie auch", sagt er. Die Situation sei ähnlich wie bei körperlichen Erkrankungen, zum Beispiel einer Grippe. "Nicht jeder Patient braucht dann einen Facharzt. Bei vielen reichen zwei Wochen Bettruhe, bei anderen der Hausarzt und nur ganz wenige müssen ins Krankenhaus".

Es sei wissenschaftlich nicht belegt, dass es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und einem erhöhten Gewaltrisiko gibt, betont Munz. Das gelte nur für wenige und seltene Ausnahmen wie zum Beispiel einige Typen von schweren Psychosen. Selbst bei Amokläufen seien die Ursachen äußerst komplex. "Von so seltenen Ereignissen darf man keine Rückschlüsse auf ganze Gruppen wie etwa Flüchtlinge oder psychisch Kranke im Allgemeinen ziehen".

Trotzdem ist die Lage nicht harmlos. In Malek Bajboujs Sprechstunden kommen auch wütende junge Flüchtlinge. "Grund ist oft Verzweiflung und ein Gefühl der Perspektivlosigkeit durch die langen Asylverfahren", sagt er. "Obwohl viele Flüchtlinge Deutschland als sicheren Hafen empfinden, keimt gleichzeitig das Gefühl von Unzufriedenheit auf." Es gehe auch um Scham. "Beim Skypen mit Verwandten in Aleppo kann man ja nicht erzählen, dass es einem hier schlecht geht."

Isabella Heuser, Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, wünscht sich einen realistischen Blick auf die Lage. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass Flüchtlinge alle dankbar sind für die viele Hilfe, die sie in Deutschland bekommen", sagt sie. "Trotzdem darf unsere Erwartung sein, dass sie hier keine Straftaten begehen. Und dass eine psychische Störung keine Entschuldigung dafür ist."

In den Hangars erlebt die Psychologin Krunke auch gereizte, angespannte oder niedergeschlagene Bewohner. Manchmal schlägt das in Aggressivität um. "Unsere Sozialarbeiter gehen immer wieder auf die Menschen zu", sagt sie. Noch hilfreicher fände sie es, wenn in allen Unterkünften Psychologen wären. Es gebe Techniken für eine erste Traumabewältigung. Belastende Erinnerungen ließen sich zum Beispiel gedanklich in einen Tresor schließen. Eine wirkliche Therapie sei in einer Notunterkunft nicht möglich. "Dafür müssen die Lebensbedingungen stabil sein - und das sind sie hier nicht."

Das sieht auch Psychiater Bajbouj als Hauptproblem. Bei Flüchtlingen gebe es drei Stolpersteine als Auslöser für seelische Leiden: Die Erlebnisse in der Heimat, die Flucht und die heutige Lebenssituation in einer Unterkunft. "Diese Gegenwart wird von vielen am stärksten wahrgenommen. Die Vergangenheit verblasst, das ist ein typischer Schutzmechanismus." Deshalb seien eine akzeptable Wohnsituation und Betreuung so wichtig.

Halten Ärzte dennoch eine Traumatherapie für nötig, haben Flüchtlinge die gleichen Probleme wie deutsche Patienten. Die Wartelisten sind lang. Drei bis sechs Monate dauert es, einen Platz zu bekommen. "Die Versorgung von Geflüchteten darf nicht zu Lasten einheimischer Patienten gehen", betont Kammer-Präsident Munz. Deshalb habe der Gesetzgeber eine Regelung geschaffen, dass zusätzlich weitere Psychotherapeuten speziell für Flüchtlinge zur Verfügung stehen können. Das Nadelöhr sieht er ganz woanders. "Eine große Hürde sind geschulte Dolmetscher", sagt er. Ihre Dienste würden von den gesetzlichen Krankenkassen bisher nicht bezahlt.

Quelle: dpa


Anzeige:
Revolade
Revolade
 
Das könnte Sie auch interessieren
Helfen und sich helfen lassen - neues Informationsblatt vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsfoschungszentrums
Helfen+und+sich+helfen+lassen+-+neues+Informationsblatt+vom+Krebsinformationsdienst+des+Deutschen+Krebsfoschungszentrums
Alexander Raths / Fotolia.com

Die Diagnose Krebs ist für die meisten Menschen ein Schock. Das gilt auch für Partner, Familienangehörige und Freunde von Krebspatienten. Neben der Sorge und dem Impuls, den anderen zu unterstützen, fühlen sich viele in dieser Situation zunächst unsicher und überfordert. Die Angst, im Miteinander etwas falsch zu machen, ist groß. Zur Unterstützung von Angehörigen und Freunden hat der...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Ab auf die Couch? Viele Flüchtlinge brauchen andere Hilfen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.