Sonntag, 24. März 2019
Navigation öffnen

Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE

16. Oktober 2018 Mit Telemedizin und Apps schmerzmedizinische Versorgung verbessern

Menschen mit Schmerzen werden in Deutschland nicht ausreichend versorgt. Das belegt die jedes Jahr steigende Zahl der Patienten mit chronischen Schmerzen. Da in der Schmerzmedizin vorwiegend kommunikative und medikamentöse Wirkfaktoren eine Rolle spielen, sehen Experten in der Telemedizin und in Apps ein großes Potential, um die schmerztherapeutische Versorgung zu verbessern. Allerdings brauche es nicht nur mehr Forschungsprojekte, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Gesundheits- und Medizin-Apps zu bewerten, sondern auch Standards zum Datenschutz und zur Datensouveränität sowie zur Steuerung von Risiken dieser neuen Anwendungen, fordern Schmerzexperten im Vorfeld des Deutschen Schmerzkongresses 2018 vom 17. bis 20. Oktober in Mannheim.
Die Gründe für die insgesamt unzureichende schmerztherapeutische Versorgung in Deutschland sind vielfältig. Manche Menschen leben weit entfernt von spezialisierten Zentren oder Praxen, sie sind nicht ausreichend mobil oder haben keine Informationen darüber, wie und bei wem sie eine für sie geeignete Schmerzbehandlung finden können. Dadurch sind sie von einer adäquaten Versorgung abgeschnitten. „Wer nicht frühzeitig und angemessen versorgt wird, hat ein höheres Risiko, dass seine Schmerzen chronisch werden. Häufig stellen sich emotionale Störungen ein, die Lebensqualität sinkt, Arbeitsanforderungen können nicht mehr bewältigt werden, es drohen Erwerbslosigkeit oder Invalidität“, sagt Professor Dr. med. Carla Nau, Kongresspräsidentin des Deutschen Schmerzkongresses 2018 und Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Patienten, die unzureichend therapiert werden, beanspruchen später das Gesundheitssystem erheblich häufiger und verursachen hohe Behandlungskosten. „Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist es mittlerweile auch gesundheitspolitisches Ziel, die schmerztherapeutische Versorgung weiterzuentwickeln, auszubauen und zu differenzieren“, erklärt die Kongresspräsidentin.
 
Telemedizin und Apps haben besonders in der Schmerztherapie ein großes Potenzial. Sie bieten die Chance, therapeutische Beratung und Behandlung über die Grenzen spezialisierter Schmerzzentren hinweg auszuweiten. „Die Schmerztherapie nutzt vorwiegend kommunikative und medikamentöse Wirkfaktoren. Einige Projekte belegen, dass sich Telemedizin, eHealth und Apps besonders in der Schmerztherapie gut einsetzen lassen“, sagt Nau. Die Expertin verweist auf einige Pain-Apps mit sogenannten Store-and-Forward-Applikationen, mit denen der Patient und/oder sein Arzt Daten elektronisch speichern und zu einem späteren Zeitpunkt sichten und auswerten kann. Dazu gehören die Erfassung der Schmerzstärke und -lokalisation in einem Schmerztagebuch, die Auswertungen von Schmerztests, das Erlernen von Selbstmanagementstrategien und das Teilen von Informationen mit Dritten, beispielsweise mit dem behandelnden Arzt oder anderen Betroffenen.
Einige Untersuchungen zeigten, dass die Zufriedenheit der Patienten bei denjenigen höher war, die die App häufiger nutzten. „Allerdings hatte die Häufigkeit der Anwendung keinen Effekt auf die Stärke der Schmerzen oder die Aktivität des Patienten“, räumt Nau ein. Store-and-Forward-Methoden sind in der Schmerzmedizin weit verbreitet, leicht zugänglich und kostengünstig. „Über die Qualität und Wirksamkeit dieser Smartphone-Apps wissen wir leider noch nicht genug. Es fehlen regulatorische Vorgaben und eine wissenschaftlich fundierte Auswertung“, gibt Privatdozent Dr. med. Tim Jürgens, Kongresspräsident des Deutschen Schmerzkongresses 2018 und Ärztlicher Leiter des Kopfschmerzzentrums Nord-Ost, Universitätsmedizin Rostock, zu bedenken. „E-Health-Anwendungen, Telemedizin und Apps müssen eine wissenschaftliche Evidenz haben, bevor sie "offiziell" in den Behandlungsalltag eingehen können“, betont Jürgens. Erfüllen sie diese Voraussetzung, könnten sie ergänzend zur konventionellen schmerztherapeutischen Behandlung einen wichtigen Stellenwert einnehmen.
 
Abhilfe schaffen möglicherweise die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) geförderten Forschungsprojekte. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. begleitet derzeit zwei solche eHealth-Projekte. Mithilfe von SMARTGEM – Smartphone-gestützte Migränetherapie können Patienten ihre Kopfschmerzen dokumentieren und mögliche auslösende Faktoren identifizieren. Ein integriertes Therapiemodul unterstützt sie bei Entspannungsübungen oder Ausdauersport und schult sie in Bezug auf individuelle verhaltenstherapeutische Ansätze. Die Kommunikation zwischen Patient und Arzt wird zudem durch ärztlich moderierte Foren und Expertenchats intensiviert.
MOMO (Modules on migraine onset, früher Child*M*FIRST) richtet sich an Kinder mit Migräne. Diese multimodale, interdisziplinäre Frühintervention hat das Ziel, die Lebensqualität und Langzeitprognose für diese Kinder zu verbessern. Hierzu tragen als Kernelemente eine standardisierte Migränediagnostik durch den Kinder- und Jugendarzt sowie eine interdisziplinäre Frühtherapie bei. Beide Versorgungsformen werden mittels einer kontrollierten Studie untersucht.
Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V., empfiehlt den Patienten, Schmerz-Apps im Vorfeld genau zu prüfen. Dabei kann es hilfreich sein, nachzusehen, wer der Herausgeber ist, ob es ein Siegel oder ein Zertifikat gibt, wie die App finanziert wird (Sponsoren/Fördergelder) und wie mit dem Datenschutz umgegangen wird.

Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V

Literatur:

Nau, C.: Telemedizin: Chancen in der Schmerztherapie. Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2017; 52(02): 118-126. DOI: 10.1055/s-0042-108714.


Das könnte Sie auch interessieren

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen
© Fotolia / fotomek

In Deutschland leiden aktuell 1,4 Millionen Menschen an Krebs und die Zahl der Neuerkrankungen steigt. In Hessen treten jährlich mehr als 35.000 neue Krebserkrankungen auf. Ermutigend ist, dass nach neuesten Studien die Rate der Langzeitüberlebenden ansteigt. Manche Krebsarten sind heute heilbar, andere können als chronische Erkrankung eingestuft werden. Auch die Chancen, mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung länger zu leben, sind in den letzten Jahren spürbar...

Die Björn Schulz Stiftung

Die Björn Schulz Stiftung
© Александра Вишнева / fotolia.com

in Deutschland leben derzeit rund 50.000 Familien mit einem lebensbedrohlich oder lebensverkürzend erkrankten Kind. Ihre Zahl steigt, denn dank des medizinischen Fortschritts haben schwerst- oder unheilbar kranke Kinder heute eine höhere Lebenserwartung als noch vor 20 Jahren. In der für die betroffenen Kinder und Angehörigen schwierigen Situation bieten Kinderhospizdienste eine intensive Begleitung sowie eine umfassende Betreuung in einer familiären, kindgerechten...

Startschuss für den Regensburger Leukämielauf 2017: Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer übernimmt Schirmherrschaft und die Kapelle Josef Menzl beginnt Training

Startschuss für den Regensburger Leukämielauf 2017: Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer übernimmt Schirmherrschaft und die Kapelle Josef Menzl beginnt Training
© ivanko80 / Fotolia.com

Vor der Kulisse des Alten Rathauses wurde gestern (26.06.) Bürgermeisterin Gertrud Maltz- Schwarzfischer das erste Laufshirt des Regensburger Leukämielaufes 2017 von Professor Dr. Reinhard Andreesen, Vorsitzender der Leukämiehilfe Ostbayern e.V., überreicht. Mit der Übergabe des Laufshirts an das Stadtoberhaupt startet traditionell der Countdown zum größten Benefizlauf in Ostbayern, der in diesem Jahr am 15. Oktober stattfindet.

Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel - keine falschen Hoffnungen wecken

Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel - keine falschen Hoffnungen wecken
@ efmukel / Fotolia.com

Das Opioid Methadon sollte nicht zur Tumortherapie eingesetzt werden. Die derzeit vorliegenden Daten aus Labor- und Tierversuchen sowie einer Studie mit 27 Krebspatienten reichen nicht aus, um eine Behandlung zu rechtfertigen. Einige Medienberichte wecken dennoch bei an Leukämie oder Hirntumor erkrankten Patienten die falsche Hoffnung auf Heilung. Methadon ist zur Behandlung starker Schmerzen zugelassen und ein etabliertes Medikament in der Schmerztherapie bei Krebserkrankten. Darauf...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Mit Telemedizin und Apps schmerzmedizinische Versorgung verbessern"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.