Mittwoch, 17. Juli 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE

21. September 2018 Architektur für Menschen mit Demenz

Betroffene ringen um Worte, erkennen die Familie nicht mehr. Alois Alzheimer erklärte dieses Vergessen erstmals mit Hirnveränderungen. Heilung gibt es nicht. Neue Ansätze versuchen, den Patienten besser gerecht zu werden – mit Architektur und der Gestaltung der Umgebung.
Erst ist es die Suche nach dem Schlüssel, dann die vergessene Verabredung, später wird der Heimweg schwer – und die eigenen Kinder werden zu Fremden. Demenz lässt Menschen im Vergessen versinken. Manche laufen immer wieder weg. Denn selbst das eigene Heim ist plötzlich fremd – sie wollen einfach nur nach Hause. Manche Heime bauten Bushaltestellen auf, an denen Bewohner dann warteten – ohne dass je ein Bus hielt. Davon kommt man inzwischen eher wieder ab. Immer mehr Heime haben aber in den Gärten Wege, die letztlich im Kreis führen: Verlaufen unmöglich. Aber die Menschen können ihr starkes Bewegungsbedürfnis gefahrlos ausleben.

Suchte man über Jahrzehnte vor allem nach Therapien und hoffte auf eine Impfung, so bemühen sich Betreuer, Ärzte und Architekten seit einigen Jahren verstärkt, auch mit der Gestaltung von Räumen auf die schwindenden geistigen Fähigkeiten einzugehen.

"Wenn der Mensch sich nicht mehr an die Umwelt anpassen kann, dann muss sich eben die Umwelt an den Menschen anpassen", sagt die Leiterin des Bayerischen Instituts für Alters- und Demenzsensible, Birgit Dietz. Zum Welt-Alzheimertag am 21. September hat sie ein Buch zum Thema veröffentlicht. Licht, Farben, Gerüche, Akustik und Bildzeichen können laut Dietz unterstützen: "Wie können die Menschen eine Art persönlichen Stadtplan im Kopf entwickeln: das eigene Haus oder Zimmer erkennen, wie kommen sie zur Toilette." Gebe es in dieser etwa gegenüber der Türe einen Spiegel, meine mancher Demenzkranke, der sich darin sieht, die Toilette sei besetzt. Hier helfe schon, den Spiegel umzuhängen. "Manchmal sind es ganz banale Dinge."

Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Demenz, zwei Drittel davon Alzheimer. Bis 2050 wird bei steigender Lebenserwartung mit drei Millionen Demenzpatienten gerechnet. Bis heute ist die Krankheit unheilbar.

In der Klinik der Technischen Universität München für Psychiatrie und Psychotherapie probierten die Leiterin der Demenzambulanz, Janine Diehl-Schmid, und die Architektin Dietz unterschiedliche Dinge aus, um den Menschen mehr Sicherheit und Orientierung zu bieten, etwa bei den Böden: durchgehend hellgrau – oder grau mit schwarzem Querstreifen. Die Patienten sahen letzteres als Stufe oder gar Falltüre. Stolpergefahr – gerade wenn die Krankheit fortschreitet. Dann wird es ohnehin schwerer, an der Erlebniswelt der Patienten teilzuhaben. "Man weiß wenig darüber. Das ist die Krux an der Erkrankung: Die Leute können es uns nicht mehr berichten. Wir können nur genau beobachten", sagt Diehl-Schmid.

Bewegungsmelder und Lichtstreifen können Wege weisen, farbige Markierungen lassen Lichtschalter, Waschbecken, Toilettenbrillen oder Teller besser erkennen. Beschriftungen oder Bilder an Schränken erleichtern das Finden von Dingen, selbst abschaltende Elektrogeräte bannen Gefahren. "Das Nächste wird sein: Wie können Digitalisierung und Smartphone-Anwendungen weiterhelfen?", sagt Diehl-Schmid. "Ich habe immer mehr Patienten, die Tracker dran haben." Zur Kontrolle, wo sie gerade sind.

Es gehe darum, sich in die immer mehr in Einzelteile zerfallende Welt hineinzudenken, sagt Dietz. Wenn etwa schwarze Muster im Boden als Löcher wahrgenommen werden, könnte das heißen: "Lasst uns keine schwarzen Gullideckel machen.". Wer von einer Situation ein schwarz-weiß Foto ansehe, erkenne leicht, wo Probleme entstehen könnten. Weiße Streifen etwa, die Sehbehinderten zur Orientierung dienen, können für Demenzpatienten zur Stolperfalle werden – weil sie darin eine Stufe sehen. "Diese Zielkonflikte müssen uns bewusst sein, um vorsichtige Abwägungen bei der Planung treffen zu können."

Als erster erkannte Alois Alzheimer vor über 100 Jahren die dann nach ihm benannte Form der Hirnerkrankung. Der Gedächtnisverlust der 51-jährigen Auguste Deter gab den Ärzten Rätsel auf. Alzheimers Dialog mit ihr ging in die Medizingeschichte ein: "Wie heißen Sie?" – "Auguste." – "Familienname?" – "Auguste." – "Wie heißt ihr Mann?" – "Ich glaube Auguste." Nach ihrem Tod entdeckte er in ihrem Hirn einen massiven Zellschwund und ungewöhnliche Eiweiß-Ablagerungen. Diese gelten als Hauptursache für die Alzheimer-Krankheit, indem sie etwa Nervenzellen zerstören, Entzündungsreaktionen auslösen und die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen behindern.

Wie weit dürfen Helfer im Umgang mit verwirrten Menschen gehen? Dürfen Systeme Türen sperren, wenn sie sich nähern? Verletzen gefakte Haltestellen die Würde? Sind Demenzdörfer wie im dänischen Svendborg, im niederländischen De Hogeweyk und bei Hameln eine Lösung?

In vielen Heimen wird angepasst, ausprobiert, umgestaltet. Im Park des Münchenstift-Hauses St. Martin wurde eine Haltestelle abgebaut. Wer sie noch als solche erkenne, wisse, dass nie ein Bus halte und werde frustriert, sagt die Leiterin des beschützenden geschlossenen Bereichs, Laura Otto. Milchglas an der Stationstüre wurde entfernt.

"Jetzt sehen die Bewohner, was sich draußen bewegt", sagt die Mitarbeiterin der Münchenstift-Geschäftsführung, Susanne Krempl. Das könne mehr Unruhe bringen. Aber: "Wir wollen so viel Freiheit wie möglich." Anstelle des Bushalts ist ein Kleintiergehege geplant. "Tiere sind wie Musik oft der Schlüssel zu dementen Menschen." Etwa die Congregatio Jesu in Neuburg an der Donau nahm kürzlich Alpakas als Therapietiere für demenzkranke Schwestern auf.

Neben der Gestaltung der Umgebung gebe es "ein ganz wichtiges Thema: den Pflegenotstand", sagt Diehl-Schmid. "Bevor ich die Architektur anpasse, wünsche ich mir ausreichend viele, demenzversierte Pflegekräfte." Dietz sagt: "Wir brauchen beides, denn Architektur kann ganz konkret Pflege unterstützen und entlasten." Ihr Wunsch: Gemeinsame Forschungsansätze und einen fachübergreifenden Lehrstuhl.

Quelle: dpa


Das könnte Sie auch interessieren

Krebsgesellschaften: Unterstützer der Patienten

Krebs zählt zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Tag für Tag sterben etwa 20.000 Menschen an einer Krebserkrankung. Allein 2012 gab es laut Schätzungen der WHO etwa 8,2 Millionen krebsbedingte Todesfälle.* Dieser Herausforderung zu begegnen, war schon immer das Bestreben von klinischen und niedergelassenen Ärzten, universitären Wissenschaftlern und der forschenden Pharmaindustrie. Wichtiges Bindeglied untereinander, aber auch zum Patienten, sind die...

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen

Wegweiser „Leben mit Krebs in Hessen“ hilft Betroffenen
© Fotolia / fotomek

In Deutschland leiden aktuell 1,4 Millionen Menschen an Krebs und die Zahl der Neuerkrankungen steigt. In Hessen treten jährlich mehr als 35.000 neue Krebserkrankungen auf. Ermutigend ist, dass nach neuesten Studien die Rate der Langzeitüberlebenden ansteigt. Manche Krebsarten sind heute heilbar, andere können als chronische Erkrankung eingestuft werden. Auch die Chancen, mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung länger zu leben, sind in den letzten Jahren spürbar...

Vom Telemedizin-Netzwerk bis zur Ersthelfer-App: Medizintrends mit Zukunft

Die Deutschen werden immer älter. Chronische Leiden wie Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen künftig das Gesundheitssystem auf die Probe. Medizinforscher und Gesundheitsexperten aller Branchen arbeiten längst unter Hochdruck an neuen Lösungen für die Gesundheitsversorgung von morgen. In die Karten spielen ihnen dabei die Digitalisierung und der Trend zur Vernetzung im Gesundheitswesen. Das zeigt auch der Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Architektur für Menschen mit Demenz"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


ASCO 2019
  • Metastasiertes klarzelliges RCC: Frontline-Therapie mit Pembrolizumab + Axitinib verbessert Überleben gegenüber Sunitinib auch bei intermediärem/ungünstigem Risikoprofil und Tumoren mit sarkomatoiden Anteilen
  • Erhaltungstherapie mit Pembrolizumab nach einer Erstlinienchemotherapie verzögert Progress beim metastasierten Urothelkarzinom
  • Fortgeschrittenes Magenkarzinom und AEG: Pembrolizumab ist Standard-Chemotherapie nicht unterlegen bei besserer Verträglichkeit
  • Ermutigende Ergebnisse mit Pembrolizumab in der Zweitlinientherapie des fortgeschrittenen HCC
  • 5-Jahres-Daten der KEYNOTE-001 Studie bestätigen langanhaltenden Überlebensvorteil durch Pembrolizumab beim fortgeschrittenen NSCLC
  • Pembrolizumab + Chemotherapie firstline bei metastasiertem nicht-plattenepithelialen NSCLC: Medianes OS, PFS und PFS2 nahezu verdoppelt
  • Fortgeschrittenes Endometriumkarzinom: Kombination Pembrolizumab + Lenvatinib wird in Phase-III-Studie getestet
  • Metastasiertes Melanom: Immunbedingte Nebenwirkungen unter Pembrolizumab assoziiert mit längerem rezidivfreien Überleben
  • Pembrolizumab + Platin-basierte Chemotherapie oder Pembrolizumab als Monotherapie erfolgreich in der Erstlinie bei rezidivierenden/metastasierenden Kopf-Hals-Tumoren