Dienstag, 19. März 2019
Navigation öffnen

Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE

24. Mai 2018 Freiwillige Selbstkontrolle: Neurochirurgen diskutieren über Qualitätsstandards

Bei der 69. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie steht auch das Thema Qualitätssicherung auf der Tagesordnung. Mehr Transparenz soll helfen, die eigenen Stärken und Schwächen zu identifizieren, Kliniken miteinander zu vergleichen und ihnen die Chance geben, die eigene Arbeit weiter zu verbessern.
Prof. Stummer, bitte aus dem Bauch heraus: Wie ist die Qualität der Neurochirurgie in deutschen Krankenhäusern?

Seitens der Ausbildung und der technischen Möglichkeiten gehören die deutschen Neurochirurgen zu den besten der Welt. Viele technische Neuerungen gehen auf deutsche Neurochirurgen zurück bzw. wesentlich auf deren Aktivitäten. Die intraoperative MRT oder die fluoreszenzgestützte Diagnostik sind nur zwei gute Beispiele. Die Qualität an deutschen Krankenhäusern hat im Vergleich zu anderen Ländern ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis.

Die Neurochirurgie ist jetzt vor wenigen Wochen mit einem eigenen, externen Zertifizierungssystem zur Wirbelsäulenchirurgie an den Start gegangen. Warum? Wie funktioniert das? Und welche Indikatoren spielen eine Rolle?

Historisch ist die Wirbelsäulenchirurgie schon immer eine wichtige Domäne der Neurochirurgie gewesen. Neurochirurgen haben wesentliche, minimalinvasive Operationsmethoden entwickelt oder auch die intraoperative Überwachung von Nerven- und Rückenmarksfunktionen. Die Einführung des Operationsmikroskops ist ebenfalls von Neurochirurgen implementiert. Die Erfordernisse für den Facharzt für Neurochirurgie sind bezüglich der Anzahl der geforderten Wirbelsäulenoperationen ungleich höher als in anderen Fächern. Die DGNC betreibt seit vielen Jahren industrieunabhängige Zertifizierungssysteme, um in verschiedenen Bereichen Qualität zu überprüfen und nach außen darzustellen, zum Beispiel im Bereich der Hirntumorchirurgie, der Nervenchirurgie oder der Gefäßchirurgie – aber auch der Wirbelsäulenchirurgie. Aktuell werden diese Systeme modernen Anforderungen angepasst bzw. professionalisiert. Das heißt, dass unabhängige Zertifizierungsfirmen die Zertifizierung übernehmen. Ihnen zur Seite stehen unabhängige Fachauditoren, welche die Kliniken, die eine Zertifizierung beantragen, auf Herz und Nieren überprüfen. Anforderungen, die dabei bewertet werden, bestehen zum Beispiel im Bereich der Strukturen, der Verfügbarkeit gewisser Untersuchungsverfahren, der Expertise und Verfügbarkeit der Chirurgen, der pflegerischen und physiotherapeutischen Versorgung von Patienten und vieles mehr.

Es gibt bereits ähnliche Instrumente: Die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft (DWG) zertifiziert ebenfalls im Bereich Wirbelsäulenchirurgie. Welche Lücken schließt das neue System?

Die Zertifizierung im Bereich der neurochirurgischen Wirbelsäulenchirurgie berücksichtigt die speziellen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Neurochirurgen, auch deren Ausbildungsstand schon mit dem Facharzt, im Unterschied zu anderen Fächern, die ein Zertifikat des DWG-Systems erhalten können.  Die besondere Rolle aber auch die besonderen Ansprüche im Bereich der neurochirurgischen Wirbelsäulenchirurgie werden hier hervorgehoben.

Der Qualitätssicherung ist eine Sitzung im Programm der DGNC-Jahrestagung gewidmet. Welchen Diskussionsbedarf gibt es aktuell?

Für viele Fächer sind Qualitätsindikatoren definiert, die die Leistungen einer Klinik transparent machen. Solche im Fach anerkannten Qualitätsindikatoren existieren für die Neurochirurgie nicht. Die Erhebung von standardisierten Qualitätsindikatoren, welche Vergleiche zwischen den Kliniken ermöglichen, wäre aus vielerlei Sicht wichtig: Patienten wollen wissen, ob eine Klinik ordentlich arbeitet, die Kliniken wollen wissen, wo ihre Schwächen im Vergleich zu anderen liegen, und die Krankenkassen wollen wissen, ob die Leistungen, die sie bezahlen, auch erbracht werden. Da die Politik die Bedeutung von Qualitätsindikatoren erkannt hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Qualitätsindikatoren von außen her definiert und unserem Fach übergestülpt werden. Hier müssen wir Neurochirurgen in Vorleistung gehen und mit Hilfe unserer Expertise gerechte und praktikable Qualitätsindikatoren entwickeln und validieren. Dies beinhaltet auch Maßnahmen zur Risikoadjustierung. Bekommt ein Haus der Maximalversorgung viele, sehr schwersterkrankte oder ältere Patienten, die per se hohe Komplikationshäufigkeiten haben, so muss dies berücksichtigt werden im Vergleich zu einem Haus, welches nur Wahleingriffe an jungen Patienten durchführt.

Wenn es bisher keine anerkannten Qualitätsindikatoren in der Neurochirurgie gab – woran erkennen Patienten bisher, ob sie sich in gute Hände begeben?

Schon lange wird vielerorts in der Neurochirurgie mit hoher Qualität gearbeitet. Zertifizierungssysteme, welche die Qualität der Versorgung überprüfen und nach außen hin darstellen, gibt es allerdings wenige, wie zum Beispiel das Zertifizierungssystem der Deutschen Krebsgesellschaft: Dieses System belegt in unabhängiger Weise, nach außen sichtbar, eine hohe Qualität der Versorgung von Hirntumorpatienten. Informationen lassen sich auch über Patientenselbsthilfegruppen sowie über die Weisse Liste der AOK gewinnen. Viele Kliniken haben aufgrund ihrer guten Arbeit entsprechende lokale Zuweisernetze aufgebaut. Somit kann der Patient auch schon jetzt viele Informationen einholen, um schließlich eine Klinik seines Vertrauens zu wählen.

Welchen wesentlichen Nutzen versprechen Sie sich von der selbst auferlegten Pflicht zur Transparenz? Was wird sich für die Patienten – und die Ärzte – in den Kliniken ändern?

Transparenz wird dazu beitragen, die eigenen Stärken und Schwächen der Versorgung zu identifizieren und sich selbst zu einer besseren Klinik weiterzuentwickeln, mit dem übergeordneten Ziel einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung.

Allgemein haben sich im Fach Neurochirurgie durch immer weiter verbesserte OP-Techniken und die Möglichkeiten intraoperativer Bildgebung und Funktionsüberwachung viele Behandlungsmöglichkeiten verbessert, neue ergeben. Wer profitiert am meisten von den jüngstenEntwicklungen?

Schlussendlich natürlich die Patienten, was ja auch der übergeordnete Wunsch ist, nicht immer die Ärzte, da viele Neuerungen einen hohen Preis haben und nicht (oder noch nicht) von den Krankenkassen bezahlt werden. Auch Strukturen, wie zum Beispiel Tumorkonferenzen, kosten Zeit und Geld, werden aber (noch) nicht gesondert von den Kostenträgern honoriert.  Es wäre schön, wenn sich für solche Strukturen und Techniken auch zeitnahe entsprechende Gegenfinanzierungen erzielen ließen.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) e. V.


Das könnte Sie auch interessieren

Brustkrebs: Forscher wollen krankheitsauslösende Gene identifizieren

Brustkrebs: Forscher wollen krankheitsauslösende Gene identifizieren
© Photographee.eu / fotolia.com

Jede zehnte Frau in Deutschland, die an Brustkrebs erkrankt, ist noch keine 45 Jahre alt. Experten vermuten, dass viele der jungen Betroffenen erblich vorbelastet sind: Sie sind Trägerinnen eines oder mehrerer schädlich veränderter Gene, die den Tumor entstehen lassen. Die bereits bekannten Hochrisikogene wie etwa BRCA1 oder BRCA2 sind allerdings nur für höchstens ein Viertel der Fälle bei jungen Frauen verantwortlich. Ein Hamburger Forscherteam macht sich nun...

Berufliche Reha ist mehr als Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell

Berufliche Reha ist mehr als Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell
© Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum


Etwa zwei Drittel aller Berufstätigen, die an Krebs erkrankt sind, kehren zurück in das Arbeitsleben. Für viele ist die Motivation hoch, denn wer arbeitet, erobert sich ein Stück Normalität zurück. Doch der Wiedereinstieg sollte behutsam erfolgen und an die individuelle Belastbarkeit der Patientinnen und Patienten angepasst werden. Nach längerer Arbeitsunfähigkeit bieten die Leistungen der beruflichen Rehabilitation ein breites Spektrum, um die...

Mittelmeerdiät ist gesund – auch fernab mediterraner Gefilde

Mittelmeerdiät ist gesund – auch fernab mediterraner Gefilde
© Daniel Vincek / fotolia.com

Neue Analysen der EPIC-Potsdam-Studie zeigen, dass eine mediterrane Kost auch außerhalb des Mittelmeerraums das Risiko für Typ-2-Diabetes senken kann. Zudem können Menschen mit Gemüse, Obst, Olivenöl und Co wahrscheinlich zusätzlich ihr Herzinfarkt-Risiko verringern. Die Ergebnisse zum Zusammenhang von regionalen Diäten und chronischen Erkrankungen haben DIfE-Wissenschaftler im Rahmen des Kompetenzclusters NutriAct jetzt im Fachblatt BMC Medicine publiziert.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Freiwillige Selbstkontrolle: Neurochirurgen diskutieren über Qualitätsstandards"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.