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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE

02. Mai 2018
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Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

Etwa jedes vierte Kind in Deutschland wächst mit einem Elternteil auf, das zumindest vorübergehend sucht- oder psychisch krank ist. Oft müssen diese Mädchen und Jungen zu früh Verantwortung übernehmen und bekommen selbst seelische Probleme. Wie kann man ihnen helfen?
Die Mutter von Sonja Schmitt war Alkoholikerin, schon als Achtjährige räumte das Mädchen die Wohnung auf und versuchte, Flaschen zu verstecken. Dass ihre Mutter krank war, sei ihr erst im Alter von 16 Jahren bewusst geworden, erzählt die zierliche 36-Jährige mit den roten Haaren. Auch wegen ihrer traumatischen Erfahrungen geht Sonja Schmitt, die ihren wahren Namen nicht nennen möchte, mit ihrer eigenen Krankheit offen um. Die Gärtnerin hat eine Borderline-Störung und besucht seit 2,5 Jahren mit ihrem Mann und ihren sechs und zwölf Jahre alten Kindern den "Kidstime Workshop" am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg/Wümme.

Einmal im Monat erhalten die Mädchen und Jungen in der Gruppe altersgemäß aufbereitete Informationen über psychische Erkrankungen und denken sich gemeinsam ein Theaterstück aus, das den Eltern vor dem abschließenden Pizza-Essen präsentiert wird. "Mama ist manchmal schlecht gelaunt, aber ich weiß jetzt, dass sie nichts dafür kann", sagt Sonjas zwölfjährige Tochter Lea. "Früher dachte ich, dass ich daran schuld bin." Auch ihr kleiner Bruder Tom hat verstanden, was ab und zu los ist. "Mama, hast du wieder Pressionen?", fragte er vor einiger Zeit.

Der Psychologe Henner Spierling hat mit seinem Team das Kidstime-Konzept von Alan Cooklin aus Großbritannien nach Rotenburg geholt (http://www.diako-online.de/Kidstime.8304.0.html) und bildet jetzt Kursleiter in ganz Deutschland aus. "Es ist keine Therapie, sondern Prävention für eine Hochrisikogruppe", erklärt er. Etwa 30% der Kinder psychisch kranker Eltern entwickeln selbst Auffälligkeiten – von Schulproblemen, ADHS bis hin zu Essstörungen oder Ängsten. "Es gibt bisher kaum vernetzte Hilfen für diese Kinder", kritisiert die Hamburger Psychologieprofessorin Silke Wiegand-Grefe.

Rund 3,8 Millionen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren haben in Deutschland Eltern mit Suchtproblemen oder seelischen Krankheiten. Häufig versuchen sie, die Situation nach außen zu vertuschen. Einige werden in der Schule gemobbt, etwa weil zu Hause niemand für saubere Kleidung sorgt. Teilweise entstehen wegen der besonderen Lebenssituation auch Gräben zu anderen Kindern. "Sie sind oft in dauerhafter Alarmstimmung und achten ständig auf Frühwarnzeichen für einen erneuten Ausbruch der Krankheit", erzählt Spierling. Oft entwickelten die Mädchen und Jungen eine große Feinfühligkeit, versorgten jüngere Geschwister, aber blieben mit den eigenen Bedürfnissen auf der Strecke.

Selbst wenn die Krankheit eines Elternteils diagnostiziert ist, kommt der Nachwuchs in den Therapieplänen nicht vor. "Dabei sind die Angehörigen ganz wichtig im Gesundungsprozess", sagt Sabine Wagenblass, die an der Hochschule Bremen lehrt und sich wie Wiegand-Grefe als Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder psychisch erkrankter Eltern engagiert.
 
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