Montag, 24. Juni 2019
Navigation öffnen

Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE

07. Februar 2018 DGVS empfiehlt früheren Beginn der Vorsorge-Darmspiegelung

Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) plädiert dafür, die Darmspiegelung zur Vorsorge von Darmkrebs bereits ab dem Alter von 50 Jahren durchzuführen, da die Häufigkeit des kolorektalen Karzinoms ab diesem Alter deutlich ansteigt. Während die Erkrankungsfälle bei Menschen über 55 Jahren rückläufig sind, ist bei Jüngeren kein Rückgang zu verzeichnen. Derzeit haben gesetzlich Versicherte ab dem Alter von 55 Jahren Anspruch auf die Vorsorge-Darmspiegelung. Die aktuellen Empfehlungen zum Darmkrebs-Screening finden sich auch in der kürzlich aktualisierten S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom.
Noch immer ist Darmkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Die Darmspiegelung, auch Koloskopie genannt, ist die zuverlässigste Methode zur Früherkennung von Darmkrebs. Der Arzt kann im Rahmen dieser Untersuchung nicht nur Vorstufen entdecken, sondern diese auch entfernen, noch bevor sie sich zu einem Krebsleiden weiterentwickeln. Deshalb gibt es seit 2002 in Deutschland ein gesetzliches Früherkennungsprogramm für das kolorektale Karzinom. Derzeit wird die Darmspiegelung von den gesetzlichen Kassen regelhaft ab dem Alter von 55 Jahren erstattet. „Seit Einführung der Darmkrebsvorsorge in Deutschland erkranken und sterben weniger Menschen an Darmkrebs. Eine Studie aus Deutschland hat gezeigt, dass durch die Vorsorge-Koloskopie etwa 180.000 Darmkrebserkrankungen verhindert wurden“, so Professor Dr. med. Wolff Schmiegel, Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Knappschaftskrankenhaus, Ruhr-Universität Bochum und Koordinator der DGVS-Leitlinie Kolorektales Karzinom. „Dies gilt aber nur für Menschen ab 55 Jahren, das Alter, in dem die Vorsorge-Koloskopie beginnt. Bei Personen unter 55 Jahren lässt sich kein Rückgang feststellen“. Generell steigt die Häufigkeit des kolorektalen Karzinoms ab einem Alter von 50 – und nicht erst ab 55 Jahren – deutlich an.
 
„Männer haben in jedem Alter ein deutlich höheres Risiko für die Entwicklung von Darmkrebstumoren als Frauen“, erklärt Privatdozent Dr. med. Christian Pox, Chefarzt der Medizinischen Klinik und Leiter des Darmkrebszentrums im Krankenhaus St. Joseph-Stift in Bremen und ebenfalls Koordinator der S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom. „Dies gilt auch für die Altersspanne von 50 bis 54 Jahren. In einer prospektiven Studie aus den Jahren 2014/2015, in der bei 1396 Versicherten zwischen 50 und 54 Jahren eine Koloskopie durchgeführt wurde, wurden bei 8,6% der untersuchten Männer und bei 4,5% der untersuchten Frauen fortgeschrittene gut- oder bösartige Tumore (Neoplasien) entdeckt.“
 
Die DGVS-Experten fordern daher, dass entsprechend der Empfehlung der aktuellen S3-Leitlinie Versicherte ab einem Alter von 50 Jahren Anspruch auf die zuverlässigste Methode – mit der höchsten Sensitivität und Spezifität – zur Darmkrebs-Früherkennung und -Vorsorge, die Darmspiegelung, haben sollten.
2017 schlugen internationale Experten auf dem Kongress der Vereinigten Europäischen Gastroenterologie (United European Gastroenterology, UEG) ein Screening bereits ab 45 Jahren vor. Aufgrund der für Deutschland aktuell noch unzureichenden Datenlage bezüglich Darmkrebserkrankungen bei jüngeren Menschen empfiehlt die DGVS ein generelles Screening ab 45 Jahren derzeit nicht. Die DGVS plädiert jedoch für ein Pilotprojekt zum möglichen Nutzen des Screenings für Männer ab 45 Jahren.
 
Derzeit sieht das gesetzliche Darmkrebs-Früherkennungsprogramm ab dem Alter von 50 Jahren einen immunologischen Stuhltest zur Früherkennung vor. Ab dem Alter von 55 Jahren haben gesetzlich Versicherte dann Anspruch auf die Vorsorge-Darmspiegelung. Bei negativem Ergebnis kann die Darmspiegelung einmalig nach zehn Jahren wiederholt werden.
Personen mit einem erhöhten familiären Risiko für Darmkrebs sind aktuell im gesetzlichen Darmkrebs-Früherkennungsprogramm nicht gesondert berücksichtigt. Zu dieser Gruppe gehören etwa Angehörige von Darmkrebs-Betroffenen. In Deutschland trägt jeder Bürger ein durchschnittliches Risiko von etwa 6%, im Laufe seines Lebens an Darmkrebs zu erkranken. Mit jedem Blutsverwandten, der an Darmkrebs erkrankt ist oder war, verdoppelt sich jeweils das Erkrankungsrisiko. In seltenen Fällen wird Darmkrebs durch vererbbare Genveränderungen verursacht. Anlageträger haben ebenfalls ein sehr hohes Erkrankungsrisiko. Bei diesen beiden Risikogruppen sollte die Darmkrebsfrüherkennung deshalb früher beginnen. Eine Beurteilung des individuellen Risikos ist über einen standardisierten kurzen Fragebogen möglich. Eine sinnvolle Vorgehensweise könnte darin bestehen, Versicherten ab dem 30. Lebensjahr einmalig einen Fragebogen zur Erfassung des familiären Risikos zukommen zu lassen, um eine mögliche Risikosituation frühzeitig erkennen und Betroffenen rechtzeitig medizinisch helfen zu können.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)

Literatur:

Brenner H, Schrotz-King P, Holleczek B, Katalinic A, Hoffmeister M: Declining bowel cancer incidence and mortality in Germany—an analysis of time trends in the first ten years after the introduction of screening colonoscopy. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 101–6. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0101
https://www.aerzteblatt.de/int/archive/article/174932
 
Brenner H, Zwink N, Ludwig L, Hoffmeister M: Should screening colonoscopy be offered from age 50? Results from a statewide pilot project, and from a randomized intervention study. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 94–100.
DOI: 10.3238/arztebl.2017.0094
 
Krebs in Deutschland für 2013/2014. 11. Ausgabe. Robert Koch-Institut (Hrsg) und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (Hrsg). Berlin, 2017. https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/krebs_in_deutschland_inhalt.html
 
Rebecca L. Siegel et al., Colorectal Cancer Incidence Patterns in the United States, 1974–2013.  J Natl Cancer Inst. 2017 Aug 1;109(8). doi: 10.1093/jnci/djw322. DOI: 10.1093/jnci/djw322
 
Christian P. Pox, Lutz Altenhofen et al., Efficacy of a Nationwide Screening Colonoscopy Program for Colorectal Cancer. Gastroenterology. 2012 Jun;142(7):1460-7.e2. DOI: 10.1053/j.gastro.2012.03.022
 
S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom, Leitlinienprogramm Onkologie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF), Deutschen Krebsgesellschaft e.V. und Deutschen Krebshilfe. Federführende Fachgesellschaft: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Kurzversion 2.0 – November 2017 AWMF-Registernummer: 021/007OL.  https://www.dgvs.de/wp-content/uploads/2017/12/LL_KRK_Kurzversion_2.0.pdf


Das könnte Sie auch interessieren

Biopharmazeutika sind den meisten Deutschen unbekannt

Biopharmazeutika sind den meisten Deutschen unbekannt
© Darren Baker / Fotolia.com

Naturheilmittel oder neuer Trend der Bio-Welle? 94 Prozent der Deutschen können mit dem Begriff Biopharmazeutika nichts anfangen (1). Oftmals werden hinter dem Begriff Naturheilmittel vermutet. Dabei handelt es sich um Arzneimittel, die biotechnisch hergestellt oder aus gentechnisch veränderten Organismen gewonnen werden und mit dem Ziel der Bekämpfung einer Krankheit in die Vorgänge des Körpers eingreifen. Insulin ist ein bekanntes Beispiel. Wem das erklärt...

Krebsgesellschaften: Unterstützer der Patienten

Krebs zählt zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Tag für Tag sterben etwa 20.000 Menschen an einer Krebserkrankung. Allein 2012 gab es laut Schätzungen der WHO etwa 8,2 Millionen krebsbedingte Todesfälle.* Dieser Herausforderung zu begegnen, war schon immer das Bestreben von klinischen und niedergelassenen Ärzten, universitären Wissenschaftlern und der forschenden Pharmaindustrie. Wichtiges Bindeglied untereinander, aber auch zum Patienten, sind die...

11. Krebsaktionstag: Austausch zu Alltagsfragen

11. Krebsaktionstag: Austausch zu Alltagsfragen
Universitätsklinikum Ulm

Senkt Sport das Rückfallrisiko bei Krebs? Welcher Badeanzug steht mir nach der Brustamputation? Wie ernähre ich mich so, dass ich fit bleibe? Um diese und weitere Fragen dreht sich der 11. Krebsaktionstag der Medizinisch-Onkologischen Tagesklinik (MOT) der Klinik für Innere Medizin III des Universitätsklinikums Ulm. Krebspatient*innen, Angehörige und Interessierte sind am Freitag, den 14.09.2018 herzlich eingeladen, sich von 10.00 bis 16.30 Uhr bei kostenfreien Vorträgen...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"DGVS empfiehlt früheren Beginn der Vorsorge-Darmspiegelung"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EHA 2019
  • Subgruppenanalyse der ELIANA- und ENSIGN: Tisagenlecleucel auch bei jungen Patienten mit r/rALL und zytogenetischen Hochrisiko-Anomalien sicher und effektiv
  • Polycythaemia vera: Molekulares Ansprechen korreliert mit vermindertem Thrombose-Risiko und einer Reduktion von Thrombose- und PFS-Ereignissen
  • AML-Therapie 2019: Neue Substanzen im klinischen Einsatz, aber nach wie vor hoher Bedarf an neuen Therapieoptionen
  • Eisenüberladung bei Patienten mit Niedrigrisiko-MDS auch in Pankreas und Knochenmark nachweisbar
  • CML: Switch auf Zweitgenerations-TKIs nach unzureichendem Ansprechen auf Imatinib in der Erstlinie führt zu tieferen molekularen Remissionen
  • FLT3-mutierte AML: Midostaurin wirksam bei allen ELN-Risikoklassen und bei unterschiedlichen Gensignaturen
  • Real-world-Daten: Transfusionsabhängigkeit und Ringsideroblasten bei Niedrigrisiko-MDS assoziiert mit toxischen Eisenspezies und verkürztem Überleben
  • Erstlinientherapie der CML: Nilotinib führt auch im klinischen Alltag zu tieferen molekularen Remissionen als Imatinib
  • Weltweite Umfrage bei Ärzten und Patienten zur ITP-Therapie unterstreicht Zufriedenheit mit Thrombopoetinrezeptor-Agonisten
  • Therapiefreie Remission nach zeitlich begrenzter Zweitlinientherapie mit Eltrombopag bei Patienten mit primärer ITP erscheint möglich